Stand: 14.04.15 13:34 Uhr

ESC-Rückblick: Die französische Ära

Siegerin des ersten Grand Prix Eurovision, Lys Assia.

Sie war die erste Grand-Prix-Siegerin überhaupt: Lys Assia gewann 1956 den Musikwettbewerb in Lugano.

Eigentlich war dieses Showkonzept, das heute unter dem Kürzel ESC bekannt ist, nur für einen Zweck gedacht: Die TV-Stationen, die nicht durch Eiserne Vorhänge eingehegt waren, sollten sich miteinander vernetzen können. Live und international. Wie konnte ein junges Medium wie das Fernsehen über die eigenen Landesgrenzen hinweg funktionieren? Wie macht man Fernsehen überhaupt populär? Es wird einem Schweizer namens Marcel Bezonçon, langjähriger Direktor der Europäischen Rundfunkunion, die Idee zu einem Grand Prix Eurovision de la Chanson zugeschrieben. Ein Musikwettbewerb, bei dem über die Lieder, die ein Land repräsentieren, abgestimmt wird. Ein Blick zurück auf die ersten Jahre.

Sportliche Note sorgt für Spannung

Am 19. November 1955 wurde dieser Einfall beschlossen - verworfen wurden allerdings Pläne für eine Zirkusvorführung ohne Rivalitätscharakter. Ein britischer BBC-Mensch soll Bezonçons Liederabend um die sportliche Note bereichert haben: Man möge doch abstimmen, das erhöhe für alle Zuschauer die Spannung. Im Prinzip ist dieser Showrahmen bis heute gültig geblieben. Über das eigene Land darf man nicht abstimmen, die Lieder müssen neu sein und der Gesang live erbracht werden.

Meist trugen die Künstler eines Landes in der Landessprache vor - so war es oftmals vorgeschrieben. Und eine Flunkerei galt auch schon damals: dass der Eurovision Song Contest ein Komponisten- und Texterwettstreit sei. Dass also die Juroren - Televoting gab es schon aus leitungstechnischen Gründen noch nicht - von den Interpreten absehen und sich in die Musik und die Textlichkeit vertiefen und dann punkten. In Wahrheit lebte der ESC - sonst hätte man ihn ja gleich im Radio aufführen lassen können - vor allem von den Künstlern und ihrem Können. Nebenbei: Anwürfe in Sachen Plagiat gab es auch schon immer.

Accessoires waren wichtig

Auf die Accessoires kam es sehr stark an. Lys Assia erinnerte sich vor 15 Jahren, es sei echter Schmuck gewesen, den sie bei ihrem Sieg mit "Refrain" 1956 trug - als habe ihr dieser Punkte eingetragen. Keine Künstlerin, kein Künstler verzichtete auf ein gefälliges Bühnenäußeres: ein Mann mit Kapitänsmütze, eine Frau mit kesser Schärpe - und fast alle Frauen waren auf Dame geschminkt, die Herren auf Casinobesuch im besseren Anzug. Niemand trat im grauen Kartoffelsack an. Ein solches Outfit hätte keine Punkte eingebracht.

Udo Jürgens begleitet sich 1966 beim Grand Prix selbst am Klavier. Er belegt für Österreich den 1. Platz. 1964 belegte er den 6. Platz, sowie 1965 den 4. Platz © dpa - Bildarchiv Foto: Ducklau

Französisch kam beim Musikwettbewerb gut an. Udo Jürgens entschied sich 1966 für einen französisch klingenden Titel.

Französisch war die dominierende Sprache der ersten elf Jahre, eine Kuriosität, die heute niemand mehr versteht. Udo Jürgens wählte mit seinem Manager Hans R. Beierlein 1966 bei seinem dritten ESC-Anlauf einen wenigstens französisch klingenden Titel, um als Mann aus einem deutschsprachigen Land (wie Österreich) eine Chance zu haben. "Merci Chérie" war der Höhepunkt der Macht der französischsprachigen Länder - Frankreich, Monaco, Luxemburg, teils die Schweiz und Belgien konnten dieses Idiom wählen: Sechs der ersten zehn Siegertitel waren französisch getextet.

Abgrenzung vom Pop

In der Bundesrepublik verstand man den Grand Prix Eurovision de la Chanson als Hochamt des besseren Liedes, nicht als Popwettbewerb, bei dem man mit allen Mitteln der Kunst wenigstens nicht schlecht abschneidet. Chanson - ein Missverständnis - hatte einen guten Ruf, Schlager wollte man nicht sein: Von der wachsenden Popularität des Beat, Rock 'n' Roll, der Musik, die Jugendliche hören, grenzte man sich ab.

France Gall bei einem Auftritt 1965 in Frankreich. Sie belegte im selben Jahr für Luxemburg beim Grand Prix den 1. Platz

Mit "Poupée de cire, poupée de son" holte France Gall 1965 den Sieg für Luxemburg.

Kurios: Viele Stars wurden von Luxemburg angeheuert. Der ESC setzte bei den Performern keine Grenzen durch die Staatsangehörigkeit. Nana Mouskouri war selbstverständlich ebenso wenig Luxemburgerin bei ihrem ESC-Einsatz 1963 wie France Gall bei ihrem Sieg 1965 (oder 1972 Vicky Leandros). Hinter ihnen stand die televisionäre Macht des Senders RTL, der keine Rücksicht auf volksmusikalische Gewohnheiten in seinem Großherzogtum nehmen musste: Das Land verstand sich immer als international. Auffällig war in den ersten Jahren, dass alle Lieder, die irgendwie nach amerikanischer Machart klangen, schlecht bewertet wurden. Freddy Quinn und sein "So geht das jede Nacht" 1956 war eher im Geiste Bill Haleys komponiert, als dass es nach einem tragischen Chanson klang.

Was den legendären Ruf des ESC fundierte, war hauptsächlich das "Te Deum" von Marc-Antoine Charpentier, die feierliche Hymne zum Auftakt einer jeden Eurovisions-Übertragung. Die Friedenskomposition aus dem 17. Jahrhundert wurde von der European Broadcasting Union 1954 als "Achtung, jetzt wird es international" eingeführt. Schließlich: Nichts deutete damals darauf hin, dass der ESC ein Langzeitprojekt werden würde. In allen Ländern, die schlecht abschnitten, wurden schon damals Debatten geführt, ob man nicht aussteigen solle. Am Ende kamen die meisten zurück.

Die Hits mussten nicht gewonnen haben

Und noch etwas ist immer gleich geblieben: Dass die echten Hits eines ESC-Abends nicht die Sieger sein müssen. Domenico Modugno hat nie gewonnen - aber zwei Evergreens performt, 1958 "Nel blu dipinto di blu" ("Volare") und im Jahr darauf "Piove", das unter dem Titel "Ciao ciao bambina" berühmt wurde.

Sieben Länder begründeten den ESC 1956. Sechs von ihnen waren auch die Gründungsmitglieder der späteren EU - sowie die Schweiz. 1966, bei Udo Jürgens Sieg mit einem scheinfranzösischen Titel, waren es schon 18 - das Fernsehen als Medium wurde durch den Grand Prix Eurovision populär: ein Wettstreit, der sich zur europäischen Kennenlernshow entwickeln sollte. Anders gesagt: als Wettstreit ohne militärische Waffen. Das war in jenen Jahren Wunder genug.

Meine Top Ten von 1956 bis 1966:

  1. Laila Kinnunen: "Valoa ikkunassa" (Finnland 1961, 10. Platz)
  2. Domenico Modugno: "Nel blu di pinto di blu" (Italien 1958, 3. Platz)
  3. Corry Brokken: "Net als toen" (Niederlande 1957, 1. Platz)
  4. Grethe & Jørgen Ingmann: "Dansevise" (Dänemark 1963, 1. Platz)
  5. Siw Malmkvist: "Alla andra får varann" (Schweden 1960, 10. Platz)
  6. Isabelle Aubret: "Un premier amour" (Frankreich 1962, 1. Platz)
  7. Esther Ofarim: "T'en va pas" (Schweiz 1963, 2. Platz)
  8. Udo Jürgens: "Sag' ihr, ich lass' sie grüßen" (Österreich 1965, 4. Platz)
  9. Françoise Hardy: "L'amour s’en va" (Monaco 1963, 5. Platz)
  10. Åse Kleveland: "Intet er nytt under solen" (Norwegen 1966, 3. Platz)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 24.05.1956 | 21:00 Uhr