Stand: 16.04.14 15:06 Uhr

Russland isoliert?

Die russischen ESC-Teilnehmer 2014 The Tolmachevy Twins posieren im Studio. © eurovision.tv

Die Tolmachevy Twins treten für Russland im ersten Halbfinale am 6. Mai an.

Nach den Halbfinals erfährt man zunächst nur, wer ins Finale gelangt - nicht aber, wie in diesen Qualifikationsrunden abgestimmt wurde. Das wäre dieses Jahr besonders spannend, denn am 6. Mai 2014 versuchen sowohl Russland, als auch die Ukraine, dies zu schaffen. Politisch sind die Tableaus ohnehin interessant: Unter den 37 Acts sind zehn vertreten, die bis zum Fall des Eisernen Vorhangs zur Sowjetunion gehörten. Sieben von ihnen sind unter den 16 Aspiranten des ersten Semifinals - und eben auch jene beiden Länder, um die sich der momentan brisanteste Konflikt Europas dreht: Russland und die Ukraine.

Starke russische Minderheiten in vielen Ländern

Besonders in Aserbaidschan, Armenien, Lettland, Estland und Moldau gibt es starke russischsprachige Minderheiten. Wahrscheinlich ist also, dass mindestens Russland sich qualifizieren wird: Präsident Wladimir Putin hat nicht umsonst vor Wochen zur Erläuterung seiner Politik der Antieuropäisierung Osteuropas gesagt, Russe zu sein sei eine Frage des Blutes, nicht der Staatsangehörigkeit. Man muss hier erwähnen: In Lettland leben die meisten russischsprechenden Menschen mit einem Pass, der sie als Letten (und somit als EU-Bürger) ausweist, nicht als Russen. Jedenfalls: Es wird neben Nachbarschaftsvoten auch politische Wertungen geben, diesmal vielleicht besonders stark. 

Schlechte Prognose für Maria Yaremchuk?

Vermutungen also, wie unter Freunden von mir, dass die Politik Russlands zur Abstrafung in Kopenhagen führen werde, halte ich nicht für zutreffend. Das Lied "Shine" der Tolmachevy-Schwestern ist zwar entsetzlich schlecht (es stammt ja auch von Philipp Kirkorov), aber im Sinne der Publikumsneigungen haben Schwerstunfälle nur selten zur Punktearmut geführt. Offen ist natürlich, ob diese Gunst auch Maria Yaremchuk erhalten wird: Die Ukrainerin, bis zum März noch als Freundin des samt Vermögen nach Russland desertierten Präsidenten Viktor Janukowitsch bekannt, könnte es schwerer haben: "Tick-Tock" ist zwar auch nicht das Lied, das man sich für alle Zeiten merken muss. Aber warum sollte man ihr übel nehmen, was ja Ruslana, die spätere Sängerin der Orangenen Revolution und des Maidans in Kiew, auch im Gepäck hatte: Sympathien für einen Autokraten. Als Ruslana zum ESC 2004 fuhr, war sie noch Sympathisantin des damaligen Ministerpräsidenten Leonid Kutschma - ein Feind der Demokratisierung und Europäisierung. Aber was Yaremchuk anbetrifft: Es könnte sein, dass gerade das Dasein als Ukrainerin diesmal besonders von Russen in eben sehr vielen Ländern übel genommen wird.

Einordnung des Konfliktes von US-Professor Snyder

Cover: Bloodlands von Timothy Snyder © C. H. Beck Verlag

Das Sachbuch "Bloodlands" von US-Professor Timothy Snyder ordnet den Russland-Ukraine Konflikt ein.

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder hat mit "Bloodlands" ein sensationelles Buch über die Geschichte der Ukraine geschrieben. Der Professor der US-Universität Yale analysiert seit Wochen in der "New York Times" die Wurzeln des aktuellen Konflikts auf der Krim, in der Ukraine, im Donezk-Becken. In der "FAZ" findet sich ein intensiver und aufklärender Text hierzu. Snyders These von Putins Strategie, das demokratische und rechtsstaatliche Europa zu zerstören, leuchtet ein. ESC-Fellows wissen seit den Tagen von Moskau 2009, dass dieses Land die Demonstrations- und Meinungsfreiheit nicht besonders hoch hält. Dafür die Homophobie umso mehr: Der Bürgermeister der Stadt kam nicht einmal zum Eröffnungsempfang, weil ihm das zu schwul gewesen sei. Das Ansinnen der russischen Politik ist es, die freisinnige Kultur zu suspendieren, zu der der ESC seit 1956 zählt. Alles, was queer (schwul und so weiter) ist, ist nicht gut und muss unterdrückt werden.

Die Politik der EBU ist kompliziert 

Die Aufgabe der European Broadcasting Union, Jahr für Jahr alle Länder der Eurovisionszone zusammenzuhalten und zum ESC zu versammeln, auch die problematischen wie Aserbaidschan, ist kompliziert. Man muss, wie man 2012 in Baku erleben konnte, Menschenrechtsverletzungen beklagen und hat trotzdem das Europäisierende zu bewahren. Das heißt, keinen Vorwand zu liefern, dass Länder wie Moldau, Aserbaidschan oder Armenien zurückgewiesen und faktisch der Politik Putins zugetrieben werden. Für Kopenhagen heißt das, auch der russischen Delegation zu zeigen, dass der ESC eine Konkurrenz der freundlichen Sorte ist und kein Kampf der Systeme. In der dänischen ESC-Stadt wird das moderne, starke Europa vorgeführt. Hier kann man während der ESC-Tage im Mai in der Fußgängerzone heiraten, egal in welcher Geschlechtskombination. Russen sollen sehen, wie angstlos das gehen kann.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr

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