Stand: 14.03.08 11:26 Uhr

Wolthers Welt

Albanien: Folklore, Kiq und Shund

Musikalisch ist Albanien für uns ein nahezu jungfräulich weißer Fleck auf der Europakarte. Hierzulande ist nur wenig bekannt über die Musik des "Adlervolks", wie sich die Albaner selbst nennen. Das Land war während der kommunistischen Diktatur viele Jahre lang von der übrigen Welt weitgehend abgeschottet. Doch die Einflüsse aus dem Ausland sind bei weitem nicht so gering, wie man es auf Grund der geschichtlichen Entwicklung vermuten mag.

Nord-Süd-Gegensätze

Tirana, Hauptstadt von Albanien © picture-alliance

Tirana ist die albanische Hauptstadt.

Wie die meisten Staaten in Südosteuropa ist auch Albanien durch seine Jahrhunderte lange Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich geprägt. Auf Grund der Abgelegenheit vieler Bergregionen konnte die Bevölkerung zwar ihre kulturelle Eigenständigkeit wahren, dennoch finden sich in der traditionellen Musik zahlreiche Einflüsse aus dem türkisch-arabischen Raum, aber auch aus Griechenland und dem übrigen Balkan. Die albanische Folklore lässt sich entlang einer Sprachgrenze zwischen Nord und Süd unterscheiden: Im Norden spricht man gegisch und pflegt die gesungene epische Heldendichtung. Dort liegt auch die Stadt Shkodër, die als musikalisches Zentrum in Albanien gilt. Im Süden wird toskisch gesprochen, das die Grundlage der albanischen Standardsprache bildet - die übrigens mit keiner anderen Sprache der Region näher verwandt ist. Die südalbanische Folklore wird von sanften Wiegen- und Klageliedern bestimmt und ist im Unterschied zur nordalbanischen mehrstimmig.

Die Macht der Festivals

Während der Herrschaft des kommunistischen Diktators Enver Hoxha diente Musik in erster Linie dem Ruhm von Vaterland und Arbeiterklasse. Das änderte sich erst mit dem Festivali i Këngës, das den Grundstein für eine bis dahin nicht existierende albanische Unterhaltungsmusik legte. Es wurde 1961 nach dem Vorbild des italienischen San-Remo-Festivals ins Leben gerufen und kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken: 1972 wurden die Sänger, Komponisten, Texter und Moderatoren des Festivals kurzerhand festgenommen, weil die dargebotene Musik den Machthabern zu westlich war. Auch über Liebe durfte man lange Zeit nicht singen. Mittlerweile gehört dies jedoch der Vergangenheit an, und neben dem Festivali i Këngës hat sich eine ganze Anzahl weiterer Musikwettbewerbe etabliert.

Canzoni albanesi

Der Einfluss der italienischen Musik ist allgegenwärtig, denn in Albanien verfolgte man bereits zu kommunistischen Zeiten aufmerksam die Fernsehprogramme auf der anderen Seite der Adria. Außerdem wird an den Schulen Italienisch als zweite Fremdsprache gelehrt. Kaum verwunderlich, dass auch das San-Remo-Festival live im albanischen Fernsehen übertragen wird. Besonders stolz ist man auf die Halbalbanerin Iliriana Hoxha, die schon zweimal den Sieg in San Remo davontragen konnte und für Italien auch schon beim ESC am Start war. Außerhalb Albaniens kennt man sie besser unter ihrem Künstlernamen Anna Oxa.

Kiq und Shund

Allmählich finden auch andere westliche Musikstile Eingang in die albanische Musikszene, und der Markt für schnell und billig produzierter Massenware ist unüberschaubar geworden. Reisebüros und Mehlfabrikanten verdienen sich als Produzenten von Kiq- und Shund-Musik ein Zubrot, wobei der Begriff "Shund" aus dem Jiddischen stammt und genau das bedeutet, was der deutsche Leser darunter versteht. Letztlich sind beide Musikstile eine albanische Variante des bulgarischen Chalga beziehungsweise des serbischen Turbo-Folk und mindestens genauso umstritten. Denn der Vormarsch fremder musikalischer Einflüsse stellt die Albaner ebenso wie viele andere junge Demokratien vor die schwierige Aufgabe, ihre kulturelle Identität neu definieren zu müssen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr