Stand: 23.09.10 11:50 Uhr

Wolthers Welt

Griechenland: Die Wiege des Musikwettstreits

Die Griechen lieben ihre nationale Musik, und das nicht erst seit gestern: Für die Bewohner des zerklüfteten Inselreichs war die Pflege einer gemeinsamen Sprache und (Musik-)Kultur schon in der Antike ein wesentlicher Faktor für den inneren Zusammenhalt und die Abgrenzung gegenüber den Nachbarvölkern. Das gilt bis heute: Der Anteil nationalsprachiger Titel in den heimischen Airplay-Charts liegt mit weit über 80 Prozent so hoch wie sonst nirgendwo in Europa.

Der Ursprung der Musikwettbewerbe

Saki Rouvas (Montage)

Kaum eine Mythologie ist so von Geschichten über Musik und Instrumente durchzogen wie die griechische. Der erste "Musikwettbewerb" soll zwischen dem Flöte spielenden Faun Marsyas und dem Gott Apollon stattgefunden haben. Marsyas unterlag, weil die Musen das Leierspiel ihres Halbbruders Apollon bevorzugten und wurde grausam bestraft.

Tatsächlich sind musikalische Wettkämpfe für Sänger, Instrumentalisten und Chöre in Griechenland seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. belegt. Gesungen wurde meist zum Klang der Kithara, einem leierähnlichen Instrument oder des Aulos, einem Vorläufer der Klarinette. Musik aus der griechischen Antike ist allerdings kaum überliefert. 

Byzantinische Musik und Dimotikà Tragoùdia

Mit der Teilung des Römischen Reiches 395 wurde Konstantinopel, das heutige Istanbul, zum politischen, kulturellen und religiösen Zentrum des östlichen Mittelmeerraums. Die frühchristliche Musikkultur des byzantinischen Reiches, aus der später die orthodoxe Kirchenmusik hervorging, ist durch einstimmige Melodik und Gesang ohne Instrumentalbegleitung gekennzeichnet. Entsprechend entwickelten sich auch die griechischen Volkslieder, die Dimotikà Tragoùdia, vorwiegend einstimmig. Heute werden sie allerdings meist mit Klarinetten-, Tambourin- und Violinenbegleitung vorgetragen. Viele der alten Volksweisen handeln vom Joch der osmanischen Herrschaft, die nach der Eroberung Konstantinopels 1453 fast vierhundert Jahre währte. 

Rembètiko

Bouzouki-Orchester in Athen, 1960 © picture-alliance / akg-images Foto: John Hios

Die Bouzouki gehört zur griechischen Musik wie der Ouzo zum Essen.

Nach dem griechich-türkischen Krieg, der sich an den ersten Weltkrieg anschloss, wurden sowohl die Türken aus Griechenland als auch die Griechen aus der Türkei vertrieben. 1,1 Millionen griechischstämmige Christen mussten Kleinasien verlassen, darunter befanden sich auch viele Musiker. Sie brachten orientalisch gefärbte Musiktraditionen mit in ihre neue Heimat - und eine Langhalslaute, die in der festlandsgriechischen Musiktradition bislang unbekannt war: die Bouzouki. In den Armenvierteln von Athen und Thessaloniki entstand aus der musikalischen Subkultur der Neuankömmlinge die typischste aller griechischen Musikrichtungen, der Rembètiko.

Èntechno Tragoùdi, Laiki Mousiki und Ethno-Pop

Der neue Stil war zunächst im griechischen Bürgertum verpönt: Zu orientalisch klangen die Melodien, zu schwermütig die Texte von Fremde, Einsamkeit und Elend. Erst in den 1950er-Jahren wurde der Rembètiko salonfähig, nachdem Komponisten wie Mikis Theodorakis Verse großer griechischer Dichter im Rembètiko-Stil vertonten und so das Èntechno Tragoùdi, das populäre Kunstlied schufen.

Die Laiki Mousiki, ein weiterer Rembètiko-Ableger, vertrat keinen so künstlerischen Anspruch (sie entspricht in etwa unserer volkstümlichen Musik), machte aber die Bouzouki erst richtig populär. Mittlerweile sind durch Verschmelzung von Laiki Mousiki mit Rock- und Pop-Elementen zahllose Unterströmungen entstanden, die für Außenstehende oft ähnlich klingen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr