Stand: 29.10.09 17:42 Uhr

Wolthers Welt

Rumänien: Im Zeichen osmanischer Traditionen

Obwohl sich die römischen Wurzeln sogar im Namen wiederfinden, halten viele Menschen Rumänien für ein slawisches Land. Ein großer Irrtum, denn das lateinische Erbe und die dadurch bedingte kulturelle Insellage in Osteuropa haben die rumänische Identität im Laufe der Jahrhunderte entscheidend geprägt. Bis heute wird ein enger Kontakt zu den übrigen romanischen Völkern gepflegt, deren Sprachen von den Rumänen weitgehend verstanden werden.

Zauber der Panflöte

Ein rumänischer Panflötenspieler

Die Panflöte ist in Rumänien ein traditionelles Musikinstrument.

Als die Römer das Siedlungsgebiet der Geten und Daker im zweiten Jahrhundert n. Chr. zur römischen Provinz Dacia machten, brachten sie nicht nur die lateinische Sprache ins Land, sondern vermutlich auch die Panflöte. Aus dem traditionellen Musikensemble, dem Taraf, ist sie ebenso wenig wegzudenken wie die Geige und das Ţambal, ein Saiteninstrument, das mit Holzklöppeln gespielt wird. Bei den Musikern, den Lăutari, handelt es sich überwiegend um Roma, die ihre Instrumente in einer atemberaubenden Schnelligkeit spielen können. Ihre Musik basiert auf einer wiederholt improvisierten Neuinterpretation der Melodie, was eine gewisse stilistische Nähe zum Jazz bedingt.

Orientalischer Einfluss in der Musik

Die Roma kamen auf der Flucht vor den vorrückenden Osmanen in die Walachei und nach Moldawien. Die beiden rumänischen Kernfürstentümer blieben zwar unabhängig, gerieten jedoch ab dem 15. Jahrhundert immer stärker unter osmanischen Einfluss. Orientalische Spuren lassen sich noch heute in der rumänischsten aller Musikformen, der Doina, erkennen: Der kunstvoll verzierte Gesang schwebt über einer oft rasend schnell gespielten Begleitmelodie, was den zumeist schwermütigen Liedern rhythmische Spannung verleiht. Die Ursprünge der Doina reichen bis weit in die dakische Vergangenheit zurück, ebenso wie der Rundtanz Hora, der durch gereimte Ausrufe, die Strigături, begleitet wird.

Begeisterung für schnelle Dance-Rhythmen

traditioneller Tanz in Bukarest, Rumänien © picture-alliance/ dpa Foto: Lehtikuva Kimmo Mäntylä

In Rumänien sind folkloristische Tänze traditionell beliebt.

1859 wurden die Walachei und Moldawien zum Fürstentum und späteren Königreich Rumänien zusammengefasst, nach dem ersten Weltkrieg kam Transsilvanien als dritter Landesteil hinzu. Rumänien blieb durch die kulturelle Isolation in kommunistischer Zeit weitgehend ländlich geprägt und beherbergt bis heute eine lebendige Folkloretradition. In den Städten vermischten sich Volksmusik und unterschiedlichste musikalische Strömungen wie Chanson und Schlager zur muzica uşoara, der leichten Unterhaltungsmusik. Die rumänische Vorliebe für temporeiches Instrumentalspiel manifestiert sich mittlerweile in einer in Europa beispiellosen Begeisterung für schnelle Dance-Rhythmen.

Tradition osmanischer Lieder lebt weiter

Unter der Bezeichnung Manele erfreut sich in Rumänien (ähnlich wie in Serbien und Bulgarien) eine Mischung aus traditionellen Folkloreelementen und moderner Pop-, Rap- und House-Musik wachsender Beliebtheit. Die Manele-Bewegung entstand Mitte der 1990er-Jahre unter den Roma in den Armutsvierteln Bukarests und beruft sich auf die Tradition osmanischer Liebeslieder. Um Liebe geht es bei Manele auch, allerdings meistens um die körperliche: Die orientalisch anmutenden Lieder drehen sich um Sex, Geld und Gewalt, Freundschaft und Hass und werden vor allem von gebildeten Rumänen verabscheut. Wenn es jedoch etwas zu feiern gibt, führt an Manele kein Weg vorbei.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr