Stand: 28.03.08 14:01 Uhr

Wolthers Welt

Russland: Popsa und "russisches Chanson"

Moskau bei Nacht © NDR.de Fotograf: Rolf Klatt

Moskau ist Russlands Hauptstadt: Das Land ist riesig und die Musikszene vielfältig.

Die Vielfalt der russischen Musikszene ist so riesig wie das Land selbst, schließlich leben in dem flächenmäßig größten Staat der Erde mehr als 100 Volksgruppen mit eigenen und zum Teil sehr unterschiedlichen Traditionen. Dennoch weist die Entwicklung der Unterhaltungsmusik in Russland und der Sowjetunion einige sehr charakteristische Besonderheiten auf, die sich bis heute auf die russische Musiklandschaft auswirken.

Keine Klassengesellschaft, auch nicht in der Musik

Eine Balalaika. © NDR Online Fotograf: Britta Probol

Die Klänge der Balalaika kommen häufig in folkloristischen Liedern vor.

Wie alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens war auch die Musik in der Sowjetunion strengen Regeln unterworfen. Sie diente der Förderung von Patriotismus und Lebensfreude und entsprechend verantwortungsvoll hatte man mit ihr umzugehen. Jeder, der Musik machen wollte, musste eine entsprechende Ausbildung vorweisen und Mitglied in den entsprechenden Verbänden sein. Dabei spielte es keine Rolle, ob er Symphonien schreiben oder die beliebten Tschastuschkas folkloristische Scherzlieder mit Balalaika- und Akkordeonbegleitung aufführen wollte, denn die gängige Unterscheidung zwischen ernster und Unterhaltungsmusik war offiziell aufgehoben.

Estrada in Moll und Rock-Szene

Dieses System sorgte dafür, dass sich die sowjetische Popmusik, die nach dem russischen Wort für Konzertbühne Estrada genannt wird, auf einem vergleichsweise hohen Niveau entwickelte. Zum Teil setzte sich darin die Tradition der so genannten russischen "Romans" fort (abgeleitet vom französischen "Romance") - einer außerordentlich sentimentalen Liedgattung, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute. Tatsächlich ist die Mehrzahl der russischen Estrada-Kompositionen noch heute in melancholischen Moll-Tonarten geschrieben.

Jenseits des staatlich geregelten Musikbetriebs gab es auch eine russische Rockmusik; sie fand allerdings auf Grund ihrer häufig sozialkritischen Inhalte und wegen einer stark reglementierten und zensierten Klub-Szene nur wenig Verbreitung. Im Vergleich zur westlichen Rockmusik zeichnete sie sich durch eine deutlich größere Bedeutung der Texte aus.

Popsa und Ganovenlieder

Dima Bilan vor der Russischen Flagge. (Bildmontage) © Fahne: Fotolia, Quelle Künstler: AP Fotograf: Fahne: Juergen Priewe, Fotograf Künstler: SRDJAN ILIC

Siegte 2008 für Russland: Dima Bilan.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden viele Musiker von den kommerziellen Entwicklungen des Musikmarkts überrollt: Für den Erfolg ist mittlerweile keine gründliche musikalische Ausbildung mehr erforderlich, sondern ein ausreichendes finanzielles Polster, um die Schmiergelder für die Platzierung eines Musikvideos aufzubringen. Landesweite Tourneen sind angesichts der geographischen Ausdehnung Russlands ohnehin kaum bezahlbar.

Inzwischen hat die Estrada mit der westlichen Musik ihren Frieden geschlossen und eine ganz eigene Form russischer Popmusik hervorgebracht: Popsa. Erlaubt ist, was gefällt, Tiefgang nicht unbedingt erforderlich, ein eingängiger Beat schon eher. Musikalische Vorbilder finden sich vor allem in der elektronischen Musik der 80er nicht umsonst feierten Modern Talking ihre größten Erfolge in Russland.

Ebenfalls heiß geliebt werden die so genannten Ganovenlieder, die ursprünglich aus der Zeit nach dem russischen Bürgerkrieg stammen. Besungen wird das Leben hinter Gittern, das man ungerechterweise fristen muss, weil man bei einer kleinen Gaunerei ertappt wurde. Der Begriff Ganovenlieder wird von vielen Interpreten allerdings als Beleidigung empfunden. Sie bevorzugen die Bezeichnung "russisches Chanson".

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr