Ungarn: Klischee und Romantik

Im ersten Jahrtausend nach Christus brachte die Völkerwanderung die europäische Landkarte gründlich durcheinander. Nicht ganz unbeteiligt daran war ein Verbund nomadischer Reitervölker, der Ende des vierten Jahrhunderts aus dem Uralgebiet nach Osteuropa vorrückte: die Hunnen. Entfernt mit den Finnen und Türken verwandt gelten sie als die Stammväter der heutigen Ungarn. Ihnen verdankt das Land seine sprachliche und kulturelle Inselsituation.

Parallelen zur chinesischen Musik?

Budapest © picture-alliance/ HB Verlag

Stadtansicht von Budapest mit Donau

Das Hunnenreich erstreckte sich zu seinen Glanzzeiten unter Attila, dem Führer der vereinigten Hunnenvölker, von Zentralasien über Osteuropa bis nach Deutschland. Nur wenig ist von der Musik der Hunnen erhalten geblieben, einige Wissenschaftler meinen in der Pentatonik, der Fünfton-Musik, ungarischer Volksgesänge Parallelen zur chinesischen Musik zu erkennen und sehen darin Überreste des zentralasiatischen Erbes. Ob die Magyaren, die um das Jahr 900 im Gebiet des heutigen Ungarn sesshaft wurden, unmittelbar von den Hunnen abstammen, ist nicht eindeutig geklärt. Überliefert ist allerdings, dass ihr Reich im 13. Jahrhundert von den Mongolen fast völlig dem Erdboden gleich gemacht wurde. In der Folgezeit wuchs Ungarn unter wechselnder Herrschaft zu stattlicher Größe heran.

Im frühen 16. Jahrhundert entstanden erste Kirchengesänge in ungarischer Sprache. Diese Gesänge werden konsequent auf der ersten Silbe betont und wirken sich so auf die melodische Gestaltung aus. Epische Dichtung und Instrumentalmusik im "ungarischen" Stil erlebten eine Blüte. Doch 1541 wurde das Land nach Eroberungsfeldzügen der Osmanen dreigeteilt. In den türkisch besetzten Gebieten kam das musikalische Leben fast völlig zum Erliegen, nur an den Fürstenhöfen im habsburgischen Norden und in Siebenbürgen, das den Osmanen zwar tributpflichtig aber weitgehend unabhängig war, wurde weiter musiziert. Als die Türken sich nach 150 Jahren wieder aus Ungarn zurückzogen und die Habsburger das gesamte Land unter ihren Einfluss brachten, wandte man sich zunächst fast ausschließlich der westlichen Musik zu.

Tanzmusik zur Anwerbung von Soldaten

Um 1760 schufen dann vorwiegend aus Deutschland stammende Musiker aus Elementen altungarischer Folklore, Hajduckentänzen und Hirtenliedern den "Verbunkos", eine Tanzmusik, die ursprünglich der Rekrutierung junger Soldaten diente (Verbunkos kommt von Werbung) und sich durch kunstvolles Schlagen auf die Stiefel auszeichnet (schön zu beobachten beim ungarischen ESC-Beitrag „Forogj, világ“ der Gruppe NOX aus dem Jahr 2005). Da der Verbunkos vorwiegend von Roma-Musikern gespielt wurde, verschmolzen die ungarischen Melodien und der virtuose Vortragsstil der Roma in der Außenwahrnehmung zu einer diffusen "Zigeunermusik" - ein fiktiver Begriff, der sich bis in die heutige Zeit hartnäckig hält.

"Ungarische Tänze" und Operettenseligkeit

"Der Zigeunerbaron" in einer Inszenierung am Lübecker Theater. © Lutz Roeßler Foto: Lutz Roeßler

"Der Zigeunerbaron" in einer Inszenierung am Lübecker Theater.

Die ungarische "Zigeunermusik" wurde von Komponisten wie Franz Liszt in alle Welt getragen, es entstanden "ungarische Tänze" und "ungarische Rhapsodien" - auch von deutschen Komponisten. Emmerich Kálmán und Franz Lehár machten das Klischee in Operettenwerken wie "Die Czárdásfürstin" oder "Zigeunerliebe" unvergänglich, Béla Bartók kleidete es in ein modernes Gewand und wurde so zum bedeutendsten Komponisten seines Landes.

Unabhängigkeit nach 1918

Der Erste Weltkrieg brachte Ungarn dann endlich die Unabhängigkeit von den Habsburgern – allerdings unter massiven Gebietsverlusten, die bis heute für Konfliktstoff sorgen. Unter der kommunistischen Herrschaft nach 1945 wurde Musik zum Politikum und unterlag einer strengen Kontrolle. Das vergleichsweise liberale Klima nach 1960 trug dennoch zur Entstehung einer ausgesprochen kreativen ungarischen Rock- und Punkszene bei. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs trotzt der kleine ungarische Markt allerdings nur noch in Nischen der Übermacht der internationalen Musikkonzerne.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr