Stand: 09.05.14 13:18 Uhr

Basim: "Mein Vater wäre stolz auf mich"

Wir sind mit Basim im schicken Haus von Danmarks Radio im neuen Businessviertel von Kopenhagen verabredet. Er kommt auf die Minute genau zu uns, wir nehmen auf einer Art Couch Platz und beginnen zu sprechen. Der Däne ist in seiner Heimat vielleicht nicht so umstritten wie Conchita Wurst in Österreich - aber gerade Rechtspopulisten haben sich mokiert, Basim könne zwar für Dänemark an den Start gehen, aber er möge dies nicht unter dem Danebrog, der dänischen Staatsflagge, tun. Manche sprechen ihm auch das Dänischsein ab. Nach Auskunft von Martin Unger, Sprachwissenschaftler an der Universität Kopenhagen, spricht Basim ein beinah beängstigend perfektes Dänisch. Er nutzt, wenn er spricht, keine Füllsel wie "Äh" und "Öh", sein Wortschatz, so die Expertise von Wissenschaftlern, ist variantenreicher als der der dänischen Bevölkerung, die keine eingewanderten Eltern haben. Basim ist im Übrigen von nahezu überwältigender Freundlichkeit, ohne dass diese sich aufgestülpt oder mediengewandt anfühlt.

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Basim im Interview

Während der zwei Eurovisionswochen in Kopenhagen haben Sie hier Tag für Tag Termine von früh morgens bis in den späten Abend. Finden Sie das nicht gelegentlich anstrengend?

Basim: Nein, das ist in Ordnung. Alle sind ja freundlich zu mir. Wisst ihr, ich bin ja seit ich 15 bin auf der Bühne. Ich weiß, was geht und was nicht. Ich habe 500 Konzerte seit 2008 absolviert. Ich mag es gerne, in die Öffentlichkeit, zu meinen Fans und Freunden zu gehen und Danke zu sagen. Auf der Bühne zu singen - das ist mein Dankeschön.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Fast alles, ja. Musik zu spielen in einem Konzert heißt, dass Leute zusammenkommen, miteinander und nicht gegeneinander sind. Das gefällt mir sehr. Gerade hier in Dänemark ist das für mich überwältigend. Einerlei, wie man aussieht, welcher Religion man angehört, wie man sexuell drauf ist oder sonstwie ist. Bei Musik können sich alle zusammenfinden.

Hatten Sie eigentlich selbst erwartet, die Vorentscheidung in Odense zu gewinnen?

Basim im Gespräch mit ESC-Reportern Jan Feddersen und Jörg Jacobsen. © NDR

Plaudern entspannt über Kunst, Musik und Identität: Basim (li.) mit den ESC-Reportern Jan Feddersen (Mitte) und Jörg Jacobsen (re.).

Aus dem Herzen gesprochen - nein. Es war einfach überwältigend, dass die dänischen Juroren mir alle ihre Höchstwertungen gaben. Und auch das Publikum wählte mich. Das war verrückt, das konnte ich kaum aushalten.

War das der bisher wichtigste Schritt in Ihrer noch jungen Karriere?

Vielleicht, doch, schon. Manchmal geht man zehn Schrittchen - aber jetzt ist etwas mit einem mächtigen Schritt vorangegangen. Hoffentlich kann ich die Wünsche des Publikums erfüllen. Und hoffentlich geht es so weiter. Konzerte in aller Welt, das wäre es eines Tages.

Was ist der ESC für Sie - eine günstige Gelegenheit oder stand hinter Ihrer Teilnahme ein Plan?

Nein, es war eine Art Plan. Wie für ein Baby. Okay, ein Baby kann man nicht richtig planen. Bei mir war es so, dass man mich seitens der Plattenfirma schon drei Jahre fragte, ob ich nicht am Melodi Grand Prix, der dänischen Vorentscheidung, mitmachen will. Ich fand mich aber noch nicht reif, irgendetwas war noch nicht richtig.

Und wie kam es, dass es dieses Jahr richtig wurde?

Ich konnte es fühlen, dass es jetzt soweit ist und jetzt meine Chance kommen könnte. Im vorigen Sommer saßen wir in der Plattenfirma zusammen, und man fragte mich wieder nach dem Melodi Grand Prix. Ich meinte: 'Ja, dann lass uns ein Lied für den Sommer machen'. Nichts, was aus dem Winter heraus gewachsen ist.

Spielt das eine Rolle, in welcher Jahreszeit Lieder geschrieben werden?

Das glaube ich, ja. Sachen, die einem im Winter einfallen, bei Kälte, Eis und Schnee, sind düsterer und langsamer, bedächtiger, als man es sich im Sommer vorstellen kann. Und dann waren wir zusammen, tüftelten …

Und heraus kam "Cliché Love Song"?

Eine erste Version, ja. Es sollte kein Song werden, der einfach von Liebe handelt, sondern dem Gefühl der Liebe, das man schlecht beschreiben kann, ohne auf Klischees auszuweichen. Es sollte ein kleiner Break in der Message mit gesagt werden. Und das Fröhliche, das Mitreißende, das wir sommerlich wollten, erklärt sich einfach: Ich habe Motown immer verehrt, Stevie Wonder, Michael Jackson, die Jackson Five, Smokey Robinson - und mein Vater schätzte außerdem Elvis-Presley-Songs.

In ESC-Foren wird gesagt, es klänge wie Phillysound, wie "The Real Thing" und deren "You To Me My Everything" …

Oh, das kenne ich nicht, aber es ist alles aus der Erbschaft von Soul, von Motown.

Sie sind einen langen Weg gegangen, haben an einer Castingshow teilgenommen und sind ehrgeizig. Nicht alle Dänen mögen das.

Man kann es nicht immer allen recht machen. Ich würde aber sagen, dass man auf dem eigenen Weg bleiben muss. Nicht einer, auf dem man gegen andere geht, sondern einer, der einen wachsen lässt.

Basim, einige in Dänemark meckerten, dass Sie den Danebrog, die dänische Flagge, fast triumphal im Rücken auf der Bühne von Odense hatten, als Sie ihr Lied als Sieger abermals sangen.

Ja, solche Reaktionen hat es gegeben. Aber ich bin ja von einer Mehrheit gewählt worden. Nicht viele sind gegen mich.

Songcheck: Dänemark/Basim - "Cliché Love Song"

Eurovision Song Contest -

Es ist nie leicht, als Nachfolger der Siegerin vom Vorjahr zu starten. Doch Basim wird das locker meistern, sagen unsere Songchecker Tim Frühling und Torge Oelrich.

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Und dann verwahrten Sie sich auch noch gegen das Label, ein Immigrant zu sein.

Und das musste ich doch. Ich bin in Dänemark geboren, spreche Dänisch - aber, das muss ich nicht zugeben, das sieht man ja, ich habe keine blonden Haare. Meine Eltern sind aus Marokko gekommen, um in Dänemark zu arbeiten und zu leben.

Sie wuchsen in Höje Gladsaxe auf, einer Siedlung vor Kopenhagen, ein Ort mit Hochhäusern, einige Jahre berüchtigt für Jugendkriminalität und Gewalt.

Ja, es war eine gute Kindheit. In Höje Gladsaxe kann man wie in einer Blase aufwachsen. Hohe Häuser, Supermärkte, Restaurants, eine große Schule - man muss nicht aus der Siedlung hinaus, weil alles vorhanden ist: Man lebt dort wie in einer Blase. In den sechziger Jahren, als sie erbaut wurde, war es bestimmt sehr schick, dort eine Wohnung zu haben - man glaubte an solche Siedlungen. Dann wurde es anders.

Durch Migranten?

Nicht durch sie persönlich, sondern weil sie dort wie eingesperrt lebten. Man sagt Ghetto, aber ich weiß nicht, ob das ein gutes Wort ist. Eine Blase, aus der man nicht herauskommen muss. Mein Vater lehrte mich, mich aus allem herauszuhalten. Ich sollte Schularbeiten pünktlich machen, ich sollte ein Däne werden - und das bin ich ja auch immer gewesen. Abends musste ich zeitig ins Bett, aber meine Eltern haben mir alles ermöglicht.

Ihr Vater, vor zwei Jahren an Krebs gestorben, wäre stolz auf Sie?

Ja, er schrieb mir vor seinem Tod in einem Brief, ich solle mir treu bleiben, nur meinen Weg gehen und dabei als Mensch gut bleiben. Er wäre stolz auf mich, ich höre seine Stimme in mir in jeder Sekunde meines Lebens.

Wird Ihre Mutter am Samstag in der B&W-Halle sein?

Das ist noch nicht sicher, sie ist ja seit langem krank. Wir müssen gucken, ob das für sie gut ist. Aber wie auch immer sie sich entscheidet: Sie sitzt immer in meiner Seele, auch am Samstag, wenn ich "Cliché Love Song" singe.

Das Interview führte Jan Feddersen. In Basims alter Schule in Höje Gladsaxe gibt es übrigens auch Public Viewing.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr