Stand: 10.03.16 16:22 Uhr

Warum Andreas Kümmert nicht zum ESC wollte

Andreas Kümmert auf der Bühne beim deutschen ESC-Vorentscheid. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Paukenschlag beim ESC-Vorentscheid 2015: Sieger Andreas Kümmert lehnte die Wahl ab, weil er nicht zum Finale wollte.

Er hat nicht viele Zeitungs- und Zeitschrifteninterviews seit dem März vorigen Jahres gegeben: Andreas Kümmert. Nun hat er sein Herz wenigstens Arno Luik, dem Star-Reporter des Magazins "Stern", geöffnet. "Ich habe gedacht, ich sterbe" lautet die Überschrift in dem in der Online-Ausgabe veröffentlichten Interview.

Über den Moment, als sein Sieg in Hannover im Frühjahr vorigen Jahres feststand, als also Barbara Schöneberger als Moderatorin eigentlich mit glücklicher Stimme dem Soulsänger Andreas Kümmert sagen wollte, dass sie sich freue, dass er für Deutschland nach Wien fahre, ging dem Künstler viel Stoff durch den Kopf, der aus einem Alptraum zu stammen scheint. "Mir war klar, es würde mich überrollen, und ich werde es nicht verkraften. Ich musste nach Hause, meine Wohnung von innen zuschließen. An dem ESC-Abend hat einfach meine Krankheit für mich entschieden, dass ich 'Nein' sage."

Kaltschweiß und Todesangst

Und weiter: "Plötzlich hatte ich Atemnot. Ich schwitzte. Ich fror. Kaltschweiß. Ich hatte das Gefühl, der Sauerstoff, den ich einatme, erreicht meine Blutbahnen nicht mehr. Ich habe gedacht, ich sterbe. Ich ersticke. Ich kriege einen Herzinfarkt. Ich werde ohnmächtig, weiß der Herr. Todesangst." Seit jenem Moment, von dem andere - etwa die diesjährige deutsche Gewinnerin Jamie-Lee, wie von einem unerreichbaren Traum phantasierten - hatte Kümmert "extreme Angst vorm Sterben".

Warum hat er sich auf den Vorentscheid eingelassen?

Für Menschen, die sich auch für die Abgründe des ESC interessieren, ist es nicht von brandheißem Nachrichtenwert, dass Kümmert panisch reagierte. Er muss das jetzt gar nicht besonders betonen, denn man sah es ihm an jenem Abend in Hannover auf der Bühne an. Wahrscheinlich wusste das auch sein Interviewer Arno Luik, denn der will wissen, weshalb sich Kümmert auf die ganze Chose namens ESC-Vorentscheid denn überhaupt eingelassen habe. So antwortet Kümmert: "Es ist ein Paradoxon für mich: Ich brauche die Öffentlichkeit - und habe Angst vor ihr." Ein dramatischer Satz, der dem ESC-Vorentscheid eine besonders hysterische Note verlieh: Ein Mann, der auf der Bühne stehen will, am besten vor dem größtmöglichen Publikum, um dann doch in schlotternden Hosen nichts als Furcht zu empfinden.

Kümmert: ESC bedeutet "Glitter, Glamour und Show"

Andreas Kümmert im Gespräch mit Barbara Schöneberger auf der Bühne beim deutschen ESC-Vorentscheid. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Andreas Kümmert glaubte nicht, dass er den ESC hätte gewinnen können.

Das deutsche Publikum hat ihm längst verziehen, aber das Interview im "Stern" wird schon viel dafür tun, dass Andreas Kümmert eben im Geschäft bleibt. Denn er verdient mit Musik seine Brötchen, das wird gerne und leicht vergessen. Um sein neuestes Album - das doch sehr wahrscheinlich bald auf dem Markt ist - zu promoten, bedient er sich freilich eines klassisch-dümmlichen Arguments, eines Ressentiments gegen den ESC. Auf stern.de heißt es, er, Kümmert, glaube nicht, dass er hätte in Wien gewinnen können. "Denn da kommt es ja nicht bloß auf deine Stimme an, sondern auf etwas ganz anderes. Glitter. Glamour. Show. Da muss man sich zur Frau stylen lassen und einen Bart tragen. So wie die Conchita Wurst. Das ist doch absurd. Ich kritisiere Conchita überhaupt nicht. Aber um dort zu gewinnen, muss man auch optisch Erwartungen erfüllen. Sich rausputzen, sich stylen."

Mobbing und Stress

Darauf habe er keine Lust gehabt. Man möchte an dieser Stelle - sehr ironisch zu verstehen - fast mitweinen. Denn es ist falsch, dass es auf Glamour und transvestitische Shows ankommt. Man wundert sich, dass Kümmert das sagt: Solche Worte hört man normalerweise aus homophoben Ecken. Wenn Kümmert nur einmal einen ESC sich zu Gemüte gezogen hätte - ein Tipp am Rande: alles im Internet zu studieren - wäre ihm aufgefallen, dass gerade überinszenierte Acts nicht gut abschneiden, dass eigentlich jeder Stil Punkte erhält, sofern der Sänger oder die Sängerin echt wirkt. Auch Kümmert hätte Punkte erhalten, nicht nur ich vermute das, sehr viele sogar.

Andreas Kümmert © Olaf Heine / Universal Musik Fotograf: Olaf Heine

Andreas Kümmert: "Früher gab es Mobbing, Stress, Hänseleien."

Dann gibt er dem Reporter noch zu Protokoll, das vorige Jahr sei "extrem" gewesen, weil er attackiert worden sei, in den sozialen Medien. Wegen dieser Angriffe, "die man nicht verarbeiten kann", sei er misstrauisch geworden. "Man hält nichts mehr von dieser Gesellschaft", so Kümmert, "da wächst Hass in dir."

Am hübschesten ist das Gespräch allerdings dort, wo Kümmert über sich persönlich spricht, also über bekannte Statements hinaus. In der "zweiten Klasse war ich schlank, dann dick. Dann gab es Mobbing, Stress, Hänseleien. Es war schon heftig. Noch lange dachte ich bei Konzerten, wenn jemand lacht, der lacht mich aus." Mit anderen Worten: Kümmert hatte keine Angst vor dem ESC, sondern davor, sich zu zeigen, wie er ist. Warum hat ihm bloß niemand gesagt, dass er eben so klasse aussieht?

Kümmert hätte Chancen gehabt

Manche unter den ESC-Fans sagten voriges Jahr: Schade drum, so ein bäriger Typ, nicht so eine dürre Heddel, deren Knochen man durch knappste T-Shirts sieht. Er hatte Sexiness, gerade weil er nicht aussieht wie die schrecklichen Männer-Schönheiten, die durch Diättorturen und viel zu viel Null-Prozent-Joghurt-Gelage fleischlos und null attraktiv aussehen - und wie sie auch in Rudeln beim ESC, vor und hinter den Kulissen herumlaufen.

Andreas Kümmert hätte, mit dem Selbstvertrauen jener, die ihr bäriges Äußeres auch gut finden, haushoch siegen können. Er hätte nur wollen müssen! Was ihm fehlte, war die wichtigste Voraussetzung fürs Entertainment, das wusste schon auch der nicht gerade schlanke Meat Loaf: Das Vertrauen in die Fähigkeit, sich zu entblößen, ohne sich nackt zu machen - und dafür Applaus zu ernten. Was hat der "Stern" ihn nur moralisch billig davonkommen lassen. Aber okay: Ist ja Tourneeauftakt von Kümmert - da wollte man dem ESC eins auswischen und dem Künstler einen prima Werbeartikel ermöglichen.

P.S. (10.3.2016): Einige wenige Leser dachten, ich würde Andreas Kümmert vorwerfen, er sei homophob. Das ist, nach allem, was man wissen kann, nicht der Fall. Richtig bleibt, dass der wunderbare Sänger, der durch seinen Verzicht auf seine Performance in Wien die deutschen ESC-Mühen mutmaßlich um eine glänzende Platzierung gebracht hat, hätte wissen können, dass der ESC viel mehr ist als besinnungsloser Glamour. Jetzt geht er auf Tournee, dafür ist das Interview gut: Von meiner Seite aus nur Wünsche nach viel Erfolg.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 05.03.2015 | 20:15 Uhr