Stand: 18.05.13 11:01 Uhr

Die Tüftler von Cascada

von Jan Feddersen
Cascada: Natalie Horler, Manuel Reuter und Yann Peifer. © dpa / picture alliance Foto: Hubert Boesl

Natalie Horler, Manuel Reuter und Yann Peifer: Ein perfektes Team.

Yann Peifer und Manuel Reuter wollten eigentlich in Malmö keine Interviews geben. Natalie Horler soll im Mittelpunkt stehen, sie ist das Gesicht von Cascada. Medial soll es allein um ihre Performance auf der Bühne und im ESC-Gesellschaftsleben gehen. Aber ohne die beiden jungen Männer gäbe es Cascada nicht, sie haben die international erfolgreiche Dance-Pop-Band vor zehn Jahren gegründet.

Schließlich haben sie doch Lust auf ein Gespräch über das Hintergründige. Meine Frage lautet generell an beide: Was ist Cascada - was brauchte es, um diesen Act zum deutschen Exportartikel Nummer eins im Dancebereich zu machen? Beide sind sozusagen das "Brain" hinter der Nummer, wobei Natalie Horler einen wesentlichen Teil des Erfolgs zuzuschreiben sei, was beide mit Freude betonen. Wir sitzen in einem netten Coffee-Shop gegenüber vom Hotel, in dem die deutsche Delegation während der ESC-Tage wohnt - Cola, Wasser, Tee, Kaffee mit Sojamilch, dann geht's los.

Musiker mit Bodenhaftung

Manuel Reuter und Yann Peifer lernten sich vor über zehn Jahren kennen. Der eine hatte gerade sein Vordiplom in Volkswirtschaft gemacht und flachste nach einer Statistikklausur, das werde sein letzter Tag an der Bonner Universität sein. Und das wurde wahr, weil er ein Praktikum beim anderen begann, dem älteren der beiden, der Musik studiert hat. Die Musik, Dance und Elektro, ist ihre Passion, ihr Beruf, meinetwegen ihre Berufung. Das Tüftelnde, das Präzise, das Dancemäßige trägt sie beide auch ökonomisch. Sie betonen jedoch ausdrücklich, dass sie sich nicht als Künstler verstehen, sondern als normale Bürger, die auch auf Sicherheit viel geben - deshalb haben sie jeweils die Option, ein Studium fortzusetzen oder in den Lehrerberuf einzusteigen.

"Antenne Bayern lässt mich entspannen"

Haben die beiden die Lieder des zweiten Halbfinals einfach so hören können - oder lief immer eine analytische Spur im Kopf mit, prüfend, ob die dargebotenen Lieder irgendein bekanntes Ding verarbeitet haben? Peifer sagt: "Na klar, wir dachten bei jedem zweiten Lied, ach, das hat der und der Produzent aufgenommen, aufgegriffen, verarbeitet. Nicht als Kopie, sondern als Element der Anregung." Kann er noch naiv Musik hören? "Nach vielen Jahren kann ich sagen: Ja, das geht wieder. Aber diese Musik sollte weit weg von der Musik sein, mit der wir als Produzenten selbst arbeiten." Elektronische Musik, Dancehallstoff, Koks in Tonschleifen, das Manna, das die Leute auf den Dancefloors der Welt jubeln lässt. Manuel Reuter sagt nur: "Oft höre ich Antenne Bayern voll aufgedreht, das lässt mich abschalten."

"Beim ESC entscheidet ein Abend"

"Mit Cascada haben wir immer den Anspruch, eine internationale Bühne zu erobern. Für die Eurovision braucht man allerdings ein paar Zutaten, damit es bei diesem Event funktioniert", sagt Reuter. Und das sind? Ein Interlude, eine Brücke, eine ruhigere Passage. Peifer: "Bei der Eurovision entscheidet ein Abend. Viele Lieder, die beim Halbfinale rausflogen, haben die ganze Zeit nur Krach gemacht." Überfrachtete Noten- und Tongebirge. Bei Cascada haben sie mit dem häufig genutzten Mittel des Vocal-Riffs gearbeitet: Man hört es, wenn Natalie Horler "O-o-oh-oh-oh-oh" ausruft - und es zum letzten Refrain geht. Das braucht es beim ESC - damit es blendet, müsse einmal das Licht ausgemacht werden, sagen beide. Ohne Tiefpunkt, ohne Ruhepol kein Hoch. "Cascada ist leicht bekömmlich. Wir versuchen eher mainstreamig zu bleiben, um die breite Masse zu erreichen", ergänzt Peifer.

Worauf fährt die Masse ab?

In diesem Sinne müssen die beiden Scouts sein, Trüffelsucher. Immer wach, immer alle Antennen ausgefahren: Was geht gerade? Auf welche elektronischen Toneffekte fährt das Publikum ab? Natürlich, eine tanzend-wogende Masse in irgendeinem Club weiß oft auch nicht, worauf sie genau steht, worauf sie abfahren könnte. Doch in dieser Atmosphäre in den Clubs verfängt sich plötzlich ein Beep, ein Klicken, eine Hook, eine Schleife. Genau das müssen Produzenten von zeitgenössischer Unterhaltungsmusik wahrnehmen. Das geht am Reißbrett nicht.

"Wir bleiben wach"

A propos. Viele Experten hier in Malmö sagen, dass das auch der Grund war, weshalb der Beitrag San Marinos auf der Strecke blieb. Es heißt, die italienische Ballade, die mit Dance-light-Anmutung endet, sei Dance für Ältere von Älteren. Kein Finger am Puls der Zeit. Die Nummer hört sich nicht authentisch an - also wie Stoff für die Jungen. Aber zurück zu Peifer und Reuter und zur Frage: Werden sie nicht auch älter - und verlieren dann Kontakt zu dem, was cool und echt ist? Beide fallen sich fast ins Wort, sagen aber zugleich: "Wir bleiben wach." Reuter durch seine Einsätze als DJ in aller Welt, Peifer als Musiker. Es sei ja auch nicht mehr so, dass einem verschlossen bleiben müsste, was die Jungen gern hören - das Internet mache es weltumspannend möglich.

"Das ist Knochenarbeit"

Sie sind Mitbegründer der Dance-Epoche in Deutschland, und trotzdem wird in Musikexpertenkreisen noch geglaubt, es sei einfach, den Computer mit ein paar Drumbases zu füttern. In Deutschland habe ihr Genre keinen guten Stand, mehr hingegen in England und den USA. Viele nachwachsende Leute glauben, sie könnten, weil sie ein feines Gehör haben, Produzenten sein - und hoffen, dass die Muse sie küsst. "Nein", sagt Peifer, "so wird das nie was." Aus dem Land der Dichter und Denker, wie sie ein wenig spotten, kommt der Geist guter Elektromusik nicht allein aus der Idee. "Das ist Knochenarbeit - es muss überlegt und gebastelt und getüftelt werden, bis es wirklich gut ist", sagt Peifer. Man muss nicht allein prima Einfälle haben, "man muss auch die PS auf die Straße bringen können."

"Selbstkritik ist wichtig"

"Und Selbstkritik ist wichtig", ergänzt Reuter, "dass man mal ein Stück einen Monat liegen lässt und dann wieder sich anhört - dann merkt man, ob es wirklich gelungen sein könnte oder nicht." Die dauernde Reflexion heiße auch: sich andere Tracks anzuhören, sich anregen zu lassen. "Das klingt, als würden wir immer mit dem Strom schwimmen", denkt Peifer laut nach, "aber wir waren viele Jahre lang Trendsetter." Da haben sie mit dem Cascada-Projekt experimentiert - "Everytime We Touch" war so eine stilbildende Nummer. "Evacuate The Dancefloor" hingegen, in vielen Ländern, von Israel bis in die USA, sehr lange "on heavy rotation" in den Clubs, sei noch anders anders gewesen: ein Stück mit E-Gitarre, ein wenig weniger rasant - auch das kam stark an.

"Die Magie des Moments"

"Glorious", das nun beim ESC-Finale zur Geltung kommt, haben sie einige Wochen in der Schublade gelassen - und dann als ESC-Act aus der Hand gegeben. Womit man auf ein Thema zu sprechen kommen muss, das man "Momentum" nennen könnte. Die Magie des Moments - das offenbar im zweiten Semifinale der Isländer auf seiner Seite hatte. Diese Fähigkeit, durch einen Ton, eine Schleife, einen Effekt zu verführen und das zu wecken, was man vulgär "Gänsehaut-Feeling" nennt. Beide wissen nicht, ob "Glorious" dieses Momentum in sich birgt. Peifer sagt: "Wir können es nicht planen, nicht erzwingen. Wir werfen viele Angeln ins Meer, an einer wird der Fisch anbeißen, hoffen wir."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 18.05.2013 | 21:00 Uhr

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