Stand: 17.02.14 13:31 Uhr

"Wir alle steuern unser Schiff übers Meer"

Die Mitglieder der Band Santiano auf einem Schiff: Hans Timm Hinrichsen, Axel Stosberg, Andreas Fahnert, Pete Sage und Björn Both (von links nach rechts). © dpa picture alliance Foto: Malte Christians

Die Flensburger Band Santiano erobert mit ihrer "Seemannsmusik" immer mehr Fans.

Mit ihrer Mischung aus Rockmusik, Irish Folk und Shanty-Chören füllen Santiano seit zwei Jahren die deutschen Arenen. Sänger Björn Both verrät, wieso bei ihren Konzerten schon mal ein Volltätowierter Arm in Arm mit einem Zahnarzt steht - und warum die Band mit ihrer "Gesellschaftsfriedenspolitik" unbedingt für den Eurovision Song Contest nach Kopenhagen segeln will.

Björn, ihr befindet euch gerade mitten auf Tour. Habt ihr da überhaupt den Kopf frei, euch mental auf den deutschen Vorentscheid vorzubereiten?

Björn Both: Ja, eben gerade sitze ich in Köln in meinem Hotelzimmer und schaue auf die Lanxess Arena. Dort spielen wir ein Konzert - insofern können wir schon einmal vorfühlen, wie es am 13. März sein könnte. Vor Weihnachten haben wir den ersten Teil der Tour gespielt, der lief granatenmäßig. Und dann kam die große Brisanz: Klappt die Teilnahme am Eurovision Song Contest? Dass heißt, mitten in der Tour haben wir das Programm umgebaut - jetzt haben wir natürlich auch die ESC-Songs mit im Gepäck.

Wie kommen sie beim Publikum an?

Both: Sie kommen gut an. Die meisten im Publikum hören die Lieder im Konzert das erste Mal und hören ganz gespannt hin. Auf jedem Konzert norden wir die Leute auch schon ein, dass selbst Geburtstage und Hochzeiten verschoben werden müssen, denn: Am 13. März hat man gefälligst nichts Besseres vor, als "Unser Song für Dänemark" zu gucken! (lacht).

Ihr geht mit einem deutschen und einem englischsprachigen Song ins Rennen. War das Absicht?

Both: Ja, das haben wir ganz bewusst so gemacht. Wir sehen mit dem englischen Titel europaweit natürlich bessere Chancen, wenn wir weiterkommen würden. Aber so haben wir die Option.

Verrätst du uns insgeheim, ob du einen persönlichen Favoriten hast?

Both: Ich mag beide Songs. "The Fiddler On The Deck" findet man gleich geil; "Wir werden niemals untergehen" ist dagegen ein Lied, das sich einem erst nach drei, vier Mal hören eröffnet. Bei so einem Contest hat man natürlich nur die eine Chance, daher ist "Fiddler" so gesehen stärker. Aber "Untergehen" ist der Song, in den man sich langfristig verliebt.

Ist der Song Contest eine neue Welt für euch, oder gibt es langjährige ESC-Fans in eurer Band?

Both: Als Musiker haben wir das lange Zeit von außen betrachtet. Das war eher weit weg. Und dann kam die Lena-Nummer - die fand ich schon beim Vorentscheid speziell. Dass sie sich dann bis ganz nach oben durchgekämpft hat, ist eine geile Erfolgsstory. Und Lena war einfach die richtige Figur dafür. Seitdem gibt es eine neue Aufmerksamkeit für den Wettbewerb und ich habe das Gefühl, dass versucht wird, das Niveau zu heben. Also, natürlich nicht durch uns... (lacht)! Ich finde gut, wenn der Wettbewerb verjüngt wird und daran angepasst, was wirklich gerade so abgeht. So dass es ein Spiegel dessen ist, was zurzeit relevant ist.

Was erhofft ihr euch von der Teilnahme?

Both: In so einer Haudegentruppe wie der unseren, haben wir einen gewissen sportiven Aspekt: Wenn wir schon ins Rennen gehen, dann wollen wir das Ding auch gewinnen! Wir fahren da nicht hin, um die lustigsten am Start zu sein, sondern ganz klar, weil wir das Ding einsacken wollen. Auf der anderen Seite ist unser Schicksal nicht damit verknüpft. Dieser unbedingte Wille, bei dem man sich auf etwas versteift, hindert einen manchmal eher daran, sein Ziel zu erreichen. Da muss man ein bisschen elastisch bleiben und so werden wir auch den ESC durchziehen.
Wir sind seit zwei Jahren auf einer wahnsinnigen Reise, mit der wir alle nicht gerechnet hatten. Und das ist der Grund, warum wir jetzt beim ESC mitmachen: Wir nehmen auf dieser Reise alle Kurven und Einbuchtungen mit.

Schon mit eurem Debütalbum habt ihr einen unglaublichen Erfolg gefeiert. Du sagst, ihr seid selber davon überrascht gewesen. Woher kommt deiner Meinung nach bei so vielen Menschen die Sehnsucht nach altem Liedgut, wie ihr es macht?

Both: Da sagst du was! Darüber zerbrechen wir uns alle seit zwei Jahren den Kopf. Es gibt nicht diesen einen Grund, es ist ein Zusammenwirken der Teile. Die Sehnsucht hast Du ja selber schon angesprochen. Und dann hängt es vielleicht damit zusammen, dass wir nicht in einer modernen Sprache auf aktuelle Problematiken eingehen, wie viele andere. Sondern wir haben uns einer etwas shakespearesken Sprache verschrieben, mit der wir über die elementaren Dinge des Menschseins singen. Diese Metaphern-Welt kann jeder auf sich projizieren: Wir sind ja alle kleine Seefahrer, die ihr Schiff von einem Punkt des Lebens zum anderen steuern - und dazwischen ist das Meer. Und wir wissen alle, was dort teilweise so lauert. Ich glaube, damit können viele etwas anfangen.

Küstenbewohner auf jeden Fall. Wie steht’s mit dem Bergsteiger?

Both: Klar, am Anfang haben wir schon ein Nord-Süd-Gefälle gehabt. Inzwischen bedeutet das aber: Im Norden kommen 15.000 Menschen zum Konzert - und im Süden sind es dann immer noch 5.000 bis 7.000. Und auch in der Schweiz singen sie "Hoch im Norden" mit.

Santiano spielen live auf dem Wacken Open Air 2012. © NDR

Auf Santiano-Konzerten beim Wacken Open Air treffen sich die unterschiedlichsten Fans.

Die letzten Jahre habt ihr regelmäßig beim Wacken Open Air gespielt. Wacken und der ESC: Das sind zwei Kult-Veranstaltungen, die - zumindest gefühlt - auf unterschiedlichen Kontinenten liegen. Wie könnt ihr eine Brücke zwischen den Fans schlagen?

Both: Das tun wir eigentlich schon immer: Bei uns sind Leute auf dem Konzert, die sich sonst mit dem Arsch nicht angucken würden. Da ist der Metaller mit Ring in der Nase, Stirntätowierte und daneben ein Zahnarzt und Tante Annegret mit sieben Kindern. Und die liegen sich in den Armen! Eigentlich machen wir also Gesellschaftsfriedenspolitik (lacht)! Wir kriegen Briefe von Eltern, die wieder mit ihrer pubertierenden Tochter reden, mit der es seit einem Jahr Stress gibt - und dann stellen sie fest, sie haben sich die gleiche CD gekauft. So etwas passiert.

Der ESC findet in diesem Jahr in Kopenhagen statt. Auch ihr kommt alle aus dem hohen Norden. Könnt ihr dänisch sprechen?

Both: Ja, wir haben ja mehrere Flensburger unter uns: Axel und Andreas, die können natürlich dänisch sprechen. Auch Peter, der ja Engländer ist, lebt schon seit 35 Jahren da. Timm kommt aus dem Schleswiger Raum und ich selber bin Friese. Dass heißt, ich bin da selber nicht so bewandert, aber ich kann bestimmt so tun (brabbelt etwas dänisch Klingendes)! So, hoffentlich habe ich jetzt nichts Schlimmes gesagt (lacht). Jetzt mal im Ernst: Als Kinder war es für uns gang und gäbe, im Urlaub nach Dänemark zu fahren - eher als nach Italien. Kopenhagen, unsere Türen sind für dich geöffnet!

Das Interview führte Veronika Emily Pohl.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.03.2014 | 20:15 Uhr