Stand: 31.12.09 12:00 Uhr

Wyn Hoop: "Wenn ich Grün habe, bin ich glücklich"

von Patricia Batlle

Der Sänger und Segler Wyn Hoop nahm 1960 am Eurovision Song Contest in London teil, wo er den 4. Rang erreichte. Im Gespräch vom 31. Dezember 2009 mit eurovision.de erzählt der Wahlhamburger von seinen Leidenschaften: der Musik und dem Segeln. Außerdem verrät er, weshalb der heutige ESC aus seiner Sicht wenig Sinn für Musiker ergibt.

eurovision.de: Sie haben sich etwa um 1980 aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und segeln seither professionell, geben maritime Reiseführer mit Ihrer Frau Andrea Horn, ebenfalls eine ehemalige Musikerin, heraus. Singen Sie an Bord?

Wyn Hoop: Natürlich, Musik ist mein Leben. Das wird man nie abgeben, das ist doch völlig klar.

eurovision.de: Woher kommt dieser Wandel: vom Musikstudio ins Boot, von den Bühnen der Welt in Europa, Asien und Mexiko auf die sieben Weltmeere?

Wyn Hoop bei seinem zweiten Beruf als Segler am Steuer, hier in Irland 1989. © Wyn Hoop

Segelt am liebsten über die Meere: der ehemalige ESC-Star Wyn Hoop.

Hoop: Ich bin als Junge schon immer ein Grüner gewesen und in einer Jugendbewegung aufgewachsen. Wir haben damals schon viel Kunst gemacht und gesungen. Mit 13 Jahren, als Deutschland in Schutt und Asche lag, sind wir mit dieser Jugend nach Marseille getrampt. Wir haben eine Überfahrt nach Korsika gemacht. Und sind mit dieser Gruppe über die Berge, also, eine kleine Expedition muss man sagen, denn Korsika ist die einzige hochalpine Insel im Mittelmeer. Die hat einige Dreitausender-Berge. Seit dieser Zeit bin ich sozusagen infiziert, ich brauche Grün. Wenn ich Grün habe, Pflanzen, unberührte Natur, bin ich glücklich.

eurovision.de: Haben Sie das in Asien vorgefunden und in Mexiko, als Sie in den Sechzigern dort waren?

Hoop: Klar. Wissen Sie, das ist schon eine Weile her. Selbst im unmittelbaren Kreis um Mexiko City war es fantastisch, da gab es noch nicht diesen Monsterverkehr von heute. Mexiko City liegt annähernd 2.000 Meter hoch, eine derartige Luftverschmutzung wie heute gab es damals nicht.

eurovision.de: Sie haben Folk und Rock, auch Lieder von Johnny Cash gesungen. Haben Sie diese Ikonen des Rocks getroffen?

Hoop: Johnny Cash und Elvis, na klar. Das war ja unmittelbar in der Zeit, wo wir noch populär waren.

eurovision.de: Sind Sie gemeinsam aufgetreten?

Hoop: Doch, mit Johnny Cash habe ich etwas gemacht, in einer italienischen Fernsehsendung. An den Termin mit der Country-Ikone kann ich mich nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall, trotz spärlichen Kontakts in derlei Sendungen, war er freundlich und bescheiden, wie fast alle Großen.

eurovision.de: Beim deutschen Vorentscheid zum ESC von 1960 haben Sie überraschend Heidi Brühl übertrumpft, die als Favoritin galt. Danach sind sie spurlos verschwunden, mit Ihrer Frau in die Berge. So ein Abgang wäre heute undenkbar für einen ESC-Teilnehmer.

Mit seiner Frau gibt Hoop heute maritime Reiseführer heraus.

Hoop: (Lacht) Da war wieder der Grüne. Da bin ich mit meiner Frau weggefahren, Andrea Horn. Sie ist Wienerin und ich wollte schon immer mal unbedingt auf eine Sennhütte im Winter. Sie hatte durch Ihren Vater die Möglichkeit, im Salzburger Land zu solch einer Hütte zu reisen. Hier in Deutschland herrschte natürlich die pure Verzweiflung, weil man mich nicht erreichen konnte, um mit der Vermarktung zu beginnen. Das hat mich nicht gestört. Die Musik war die Musik. Dass man damit Geld verdienen konnte, war super, aber nicht die Prämisse.

eurovision.de: Was macht den Reiz des ESC heute für junge Musiker aus?

Hoop: Für die heutigen Musiker hat es überhaupt keinen Reiz. Das frühere Chansonfestival ist kein Songfestival mehr, sondern ein Showfestival. Das Schlimme an der ganzen Geschichte ist, was ich sehr bedaure: Ich habe von den ganzen Titeln, die in den letzten Jahren gewonnen haben, gar nichts mehr gehört. Die sind alle kein Erfolg geworden. Können Sie auch gar nicht: Da wird prämiert, dass die Leute wie am Karneval rumlaufen. Aber die Substanz von einem wirklich guten Song ist in den Hintergrund getreten. Wenn das nicht wieder in den Vordergrund tritt, ist für mich die Eurovision völlig uninteressant. Als ich teilnahm, gab es eine Jury ...

eurovision.de:  ... die gibt es jetzt auch wieder.

Hoop: Wollen wir mal sehen, was die bewirkt. Wenn Sie das Publikum beurteilen lassen, liegt es doch auf der Hand, wie es ausgeht. Das ist wie beim Fußball. Wenn ich hier wohne, bin ich HSV-Fan, in Barcelona wäre ich Barcelona-Fan. Die Toleranz, zu sagen: "Das ist ein klasse Song", wenn ein anderes Land singt, ist nicht vorhanden. Deswegen ist dieses Festival für mich nicht mehr sehr wichtig.

eurovision.de: Sie landeten in London auf dem vierten Platz. Was für Erinnerungen ruft 1960 bei Ihnen hervor?

Hoop: Ich hatte diesen Titel "Bonne nuit ma Cherie", den Franz-Josef Breuer geschrieben hat. Als er ihn vorgespielt hatte und mir sagte, wie das Arrangement sein wird, habe ich gesagt: "Ich werde damit gewinnen." Das war für mich klar. Da haben die mich natürlich alle komisch angeguckt. Aber ich habe davor jahrelang Erfahrung als Musiker auf der Bühne gesammelt und habe eine Sicherheit mitgebracht. Für mich war der Grand Prix nichts Besonderes. Man hatte damals diese Arroganz, man war jung, konnte es sich leisten, Ausdrücke wie "diese Schlagerfuzzis" zu benutzen. Das hat mir die Sicherheit gegeben, in London auf die Bühne zu steigen. Es war sehr schön, in London im Kreis dieser ganzen für mich neuen Kollegen zu sein. Es gab nur einen Nachteil.

eurovision.de: Welchen?

Hoop: In Deutschland hatte ich das Lied mit dem Orchester des "Hässlichen Rundfunks" unter Willi Berking, ...

eurovision.de: ... das haben Sie absichtlich gesagt ...

Hoop: Kleiner Musikerscherz (lacht). Der dicke Willi Berking war ein klasse Musiker. Jetzt wollte aber der Komponist Breuer unbedingt selbst in London dirigieren. Er war ein wirklich guter Musiker, aber er hatte keine Erfahrung, in der Öffentlichkeit zu dirigieren. Wir hätten gut einen Platz besser machen können, wenn Berking damals dirigiert hätte.

eurovision.de: 2010 jährt sich ihr 50. Jubiläum der ESC-Teilnahme. Wollen Sie es auf der Bühne feiern?

Hoop: Ein Auftritt wäre kein Problem. Aber es wäre reizvoll, musikalisch mal wieder etwas aufzunehmen, was Aufmerksamkeit erregen würde. Im Moment habe ich jedoch keine Idee.

eurovision.de: Was für Pläne haben Sie für die Zukunft?

Hoop: Wir aktualisieren unsere maritimen Reiseführer alle drei Jahre. Da haben wir reichlich zu tun.

eurovision.de: Verraten Sie uns Ihr schönstes Segelgebiet?

Hoop: Das Mittelmeer, speziell die Ägais. Die türkische Küste ist so reich bewaldet, dass Sie gar nicht mehr das Gefühl haben, auf dem Meer zu sein, sondern in einem Fjord, einem dichten Wald. Und man segelt zwischen Orient und Okzident. Die Mentalitätsunterschiede sind sehr interessant, abgesehen vom Essen, den Menschen und der ganzen Kultur. Sie segeln dort durch ein Open-Air-Museum.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 29.03.1960 | 21:00 Uhr