Stand: 06.12.16 16:14 Uhr

ESC 2017: Ukraine in der Krise?

Die Türme der Sophienkathedrale in der ukrainischen Hauptstadt Kiew © picture alliance / Arco Images Fotograf: G. Thielmann

Gelingt es der ukrainischen Hauptstadt Kiew alle Zweifler eines Besseren zu belehren?

Noch immer ist Kiew mit seinen Vorbereitungen für den ESC 2017 schwer in Verzug und nur peu à peu werden neue, hoffnungsgebende Details veröffentlicht. Doch die Skepsis ist nach wie vor groß. Wird Kiew tatsächlich Austragungsort bleiben?

In der Tat berichten einige Quellen (etwa das Forum eurofire.me), dass die Vorbereitungen zumindest chaotisch ablaufen. Das ökonomisch zweitärmste Land Europas weiß offenkundig nicht die Finanzmittel aufzubringen, um den von der European Broadcasting Union (EBU) verlangten Anteil zu bezahlen. Vor Kurzem noch meldeten wir, dass die ESC-Vorbereitungen - auch mit Segen der EBU in Genf - normal verliefen, wenngleich die Budgetrechnungen eher Fragen aufwarfen als beantworteten.

Entsetzter Sergey Lazarev aus Russland im Greenroom. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

So wie Sergey Lazarev selbst konnten es auch viele Russen einfach nicht fassen, dass Jamala und damit die Ukraine den ESC 2016 gewannen.

Dass jetzt Russland ins Spiel gebracht wird, liegt möglicherweise daran, dass der faktische Kriegsgegner der Ukraine ein starkes Interesse hat, dem Siegesland Jamalas den wohlorganisierten ESC zu missgönnen. Russland glaubt ja, so transportieren es dort viele Medien, dass Sergej Lazarev der eigentliche Sieger des ESC von Stockholm war und Jamala nur durch das neue Wertungssystem ganz oben landete. Außerdem möchte das Land der Ukraine nicht den Prestigegewinn überlassen: Zum zweiten Mal nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion den ESC auszurichten - das ist vielen im Kreml wohl ein Dorn im Auge. Russland gelang das nur 2009.

Viele Länder waren in Zeitverzug

Marie N (bürgerlich Marija Naumova) 2002 bei der Generalprobe zum Grand Prix. Sie vertrat Lettland und belegte den 1. Platz  Fotograf: Carsten Rehder

Viele osteuropäische Länder waren nach ihrem Sieg in Verzug und dennoch schafften sie es - so wie Lettland 2002 - eine tolle Show hinzulegen.

Andererseits ist auch dies zutreffend: Alle osteuropäischen Staaten (bis auf das finanzstarke Russland) hatten mit Planungsproblemen zu kämpfen. Estland 2002, Lettland 2003, die Ukraine 2005, Serbien 2008, Aserbaidschan 2012: Mehr oder weniger lagen sie planerisch kurz vor Weihnachten weit hinter allen Zeitplänen, in Aserbaidschan gab es vor fünf Jahren nicht einmal die Halle, in der der ESC stattfinden sollte.

Und in Lettland stand im Februar - drei Monate vor dem ESC - nicht fest, ob man den ESC wirklich in einer ziemlich müffeligen Trainingshalle von Skonto Riga austragen möchte. Man tat es - und später im Fernsehen sah alles perfekt aus. So könnte es auch im kommenden Jahr sein: Kiew als strahlende Gastgeberstadt.

Gibt es jetzt bald Klarheit?

Jon Ola Sand, Executive Supervisor des Eurovision Song Contest © picture alliance/APA/picturedesk.com Fotograf: Hans Klaus Techt

Am Donnerstag treffen sich Jon Ola Sand und andere EBU-Verantwortliche auf einer Versammlung in Genf - vermutlich auch, um den Verzug der Ukraine zu thematisieren.

In dieser Woche, am 8. Dezember, wird die Situation in Kiew garantiert auf einer Versammlung der EBU in Genf erörtert. Jon Ola Sand, bei der EBU für den ESC verantwortlich, mag hinter den Kulissen ziemlich die Stirn gerunzelt haben ob des Zeitverzugs in Kiew. Offiziell heißt es eurovision.de gegenüber: "We are in constant contact with NTU in Ukraine and are doing everything we can to assist them in their hosting of the 62nd Eurovision Song Contest in May 2017", so Dave Goodman, Pressesprecher des ESC. Heißt: "Wir sind in ständigem Kontakt mit der NTU [dem TV-Sender, der den ESC ausrichtet, Anmerk. d. R.] und tun alles, um sie als Gastgeber des 62. ESC im Mai 2017 zu unterstützen."

Und: "Every broadcaster enters the contest aiming to win, and understanding that if they do they will host the next year's competition. If a situation ever arose in which a broadcaster could not fulfil those requirements, there are always contingency plans in place. However, the EBU continue to work hard with NTU to produce The Eurovision Song Contest 2017 in Kyiv, and have been pleased with the way positive progress has been made." Auf Deutsch: Jeder Sender, der am Contest teilnimmt, tue das, um zu gewinnen und verstehe, dass wenn es gelingt, sie im nächsten Jahr die Gastgeber sind. Für den Fall, dass ein Sender die Anforderungen nicht erfüllen kann, gäbe es Notfallpläne. Aber man arbeite hart mit NTU zusammen für den ESC in Kiew - und sei erfreut über die gemachten Fortschritte. 

Paul Hrosul, Teil des Teams Jamala und intimer Kenner der ukrainischen Verhältnisse, sagt: "Wir werden nächstes Jahr in meiner alten Heimat den ESC erleben. Die Ukraine wird alles tun, das Eurovisionsfest nicht zurückgeben zu müssen. Es hängt der ganze Nationalstolz an diesem Projekt."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr