Stand: 09.04.13 12:00 Uhr

"Diesen Druck hatten wir nicht"

von Mary Roos
Die Sängerin Mary Roos © Mary Roos/Foto: Carmen Lechtenbrink

Stand mehrfach für Deutschland auf der Grand-Prix-Bühne: die ESC-Legende Mary Roos.

Der Grand Prix hat sich doch sehr geändert. In den letzten Jahren, so ist mein Eindruck, ist es viel wichtiger geworden, sehr gut abzuschneiden. Als ich mit "Aufrecht geh'n" 1984 in Luxemburg von der Platzierung her nicht so gut abschnitt, hieß das nicht, dass das Lied keinen Erfolg haben würde. Nein, im Gegenteil. Bis heute gehört es zu mir - und niemand denkt: "Na, das hat aber nicht viele Punkte erhalten."

"Grand Prix hat mir alle Türen geöffnet"

Für mich, die auf viele Jahre im Showbusiness zurückblicken kann, würde ich vor allem dies zum Eurovision Song Contest sagen: Mir hat er alle Türen geöffnet. "Nur die Liebe lässt uns leben" vor 41 Jahren in Edinburgh und der dritte Platz, das hat Spaß gemacht, das war Freude, das war Lampenfieber auf die beste Weise - und schon war ich im Pariser "Olympia". Man hatte damals nicht viel erwartet von diesem Auftritt. Dass der dritte Platz schließlich herauskam, war überraschend und hat mir auch in Deutschland viel Applaus gebracht.

Ich würde sagen, wer sich beim Grand Prix alle Mühe gibt, wer dieses Festival - und ich habe Festivals immer geliebt! - zu seiner Sache macht, wird auch als Sänger oder Sängerin belohnt. Man muss die Sache nicht so ernst nehmen, als ginge es um Leben oder Tod. Aber man muss das ernst nehmen, was man da macht. Das ist nicht einfach nur rausgehen und singen, sondern jeder muss wissen, dass man mit dem Auftritt in ganz Europa zu sehen ist.

"Nichts darf schiefgehen"

Klar, dass ich keinen Contest je verpasst habe. Ich sehe die Sänger und Sängerinnen, bin extrem gespannt auf die Punktevergabe - und freue mich heftig, wenn jemandem ein Superauftritt gelungen ist. Ich würde nämlich sagen, dass, wie ich am Anfang geschrieben habe, der Druck wahnsinnig angewachsen ist. Drei Minuten hat jeder nur, nicht zwei Stunden wie bei einem Konzert, bei dem man sich warmsingen kann. Nein, beim Grand Prix muss von der ersten Sekunde an alles, wirklich alles sitzen. Nichts darf schiefgehen. Und das lastet auf vielen, die da heutzutage auftreten, offenbar sehr. Wer sich auf der Bühne nicht wohlfühlt, wer innerlich schon mit Furcht ans Mikro geht, kann nichts gewinnen - schon gar nicht die Sympathien des Publikums. Mein Gefühl ist jedenfalls ganz bei denen, die beim Eurovision Song Contest über sich hinauswachsen und mehr geben als sie selbst dachten, geben zu können. Cascada finde ich als deutschen Beitrag super. Die Band kennt doch in Europa jeder, die sind in so vielen Ländern schon bekannt. Das wird ein schöner 18. Mai in Malmö. Ich gucke es mir im Fernsehen an, wie immer aus Solidarität mit ein bisschen Lampenfieber für alle, die dort den Auftritt ihres Lebens haben werden.

Mary Roos

Die Sängerin gehört zu den deutschen ESC-Legenden; sie ist außerdem eine der prägendsten deutsch- und französischsprachigen Sängerinnen im Pop- und Schlagerbereich. 1972 holte sie mit "Nur die Liebe lässt uns leben" in Edinburgh den dritten Platz, hinter Siegerin Vicky Leandros. 1971 sang sie bereits die deutsche Fassung von Karinas "Un mundo nuevo", der Zweiten von Dublin, Titel: "Wir glauben an morgen". Mary Roos nahm an einigen Vorentscheidungen zum ESC noch teil, 1984 jedoch trat sie international abermals an - "Aufrecht geh'n" erreichte nur den 13. Rang. In Hannover, beim Sieg von "Cascada", war sie Teil der Expertenjury. Ihr neues Album mit dem Titel "Denk was du willst" ist die erste jazzige Produktion von Mary Roos.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 05.05.1984 | 21:00 Uhr