Stand: 16.05.18 11:16 Uhr

Kommentar: Wurde Nettas Botschaft verstanden?

Nein, man muss den israelischen Beitrag "Toy" nicht gut finden - weder die Melodie noch die Inszenierung. Man kann sich über das Gegackere lustig machen, über das schrille Manga-Kostüm oder die überdrehte Choreografie der Tänzerinnen. Man darf sogar der Meinung sein, dass der Song scheiße ist. Was sich aber seit dem Sieg von Netta Barzilai in den sozialen Netzwerken abspielt, hat mit persönlichem Geschmack nicht viel zu tun. Und nein, gemeint sind nicht nur die (leider) obligatorischen antisemitischen Äußerungen à la "Ich wünschte wirklich, Hitler wäre noch am Leben" oder Aufrufe populistischer Politiker zum ESC-Boykott. Verstörend sind auch Kommentare selbst ernannter ESC-Fans, in denen die 25-Jährige als "dickes Huhn auf Koks" bezeichnet wird, die so aussieht, als ob sie "Björk aufgefressen" hätte. #FetteKoreaAnime.

Netta aus Israel. © NDR Fotograf: Screenshot

Netta: "I am proud and honoured"

Eurovision Song Contest -

Eine erleichterte und überglückliche Netta freut sich über ihren Triumph beim ESC 2018. Sie ist vor allem darauf stolz, dass nun das magische Event 2019 in Israel stattfinden wird.

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Der neue alte Trend: "Body-Shaming"

Was passiert da gerade? Leider nichts Ungewöhnliches: Jemand, der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, wird auf sein Äußeres reduziert und aufgrund seiner vermeintlichen Defizite verbal geschmäht. Das Muster ist alt und erfährt im Zeitalter des Internet gerade eine Renaissance - unter der Bezeichnung "Body-Shaming". Betroffen sind vor allem Frauen, die ohnehin Tag für Tag damit zu kämpfen haben, dass das in den Medien propagierte weibliche Ideal ohne Photoshop oder Dauerdiät gar nicht zu realisieren ist. Die Folge: Immer mehr Menschen leiden an Essstörungen und fügen ihrer Gesundheit so dauerhaft schweren Schaden zu. Nicht jedem ist es gegeben, selbstbewusst wie Netta zu seinem beziehungsweise ihrem Körper zu stehen und zu sagen: "Look at me, I'm a beautiful creature."

Celebrate Diversity?

Natürlich ist es naiv zu glauben, dass "Body-Shaming" ausgerechnet unter ESC-Fans kein Thema ist. Schließlich gehört es ja auch zur Folklore des Wettbewerbs, dass man serbische Musiker ungestraft als "Flötenschlumpf" oder "Catweazle" bezeichnen kann, um die Lacher auf seiner Seite zu haben. Dennoch stimmt es nachdenklich, dass mit der Toleranz im Jahr vier nach Conchita schon wieder Schluss ist. "Thanks for choosing difference, thank you for celebrating diversity", erklärte Netta in ihrer Siegeransprache, doch vielen Kommentarschreibern ist anzumerken, dass sie mit "diversity" etwas ganz anderes meinen als die Israelin. Das ist besonders traurig, wenn es sich dabei um Menschen handelt, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung selbst unter gesellschaftlicher Ausgrenzung leiden. Denn "Diversity" ist nicht nur eine Sache der LGBTIQ-Community - sie geht uns alle an.

Solidarität für alle

Die finnische Sängerin Saara Aalto erfuhr nach ihrem Outing viel Zuspruch aus der ESC-Fangemeinde. Auch die homoerotische Tanzeinlage des irischen Beitrags "Together" wurde mit Beifall bedacht. Gegenüber anderen Formen der Diversität ist dagegen deutlich weniger Solidarität zu beobachten: Künstler im Rollstuhl werden schnell bezichtigt, Kapital aus ihrer Behinderung schlagen zu wollen, beleibte Interpreten werden zur Zielscheibe des Spotts, und wer seine weibliche Sexualität allzu offensiv zur Schau stellt, wird hinter vorgehaltener Hand (oder auch ganz offen) als Schlampe bezeichnet. Das ist weder witzig noch kritisch - das ist ganz einfach nur bescheuert. Und es ist der Weltoffenheit des größten Musikwettbewerbs der Welt nicht würdig.

Feminismus ist Gleichberechtigung

Es sind die Mechanismen einer männerdominierten Gesellschaft, die Netta in ihrem Song "Toy" anprangert - eine zutiefst feministische Botschaft. Dass dem Titel zu Marketingzwecken das #MeToo-Label angeheftet wurde, ist irreführend, denn #MeToo steht für den Missbrauch der Macht, die Männer in unserer Gesellschaft haben. Andererseits sind es vor allem Männer, die hinter den Kulissen des ESC die Strippen ziehen, und es sind überwiegend Männer, die im Pressezentrum sitzen und Zeitungen, Zeitschriften und Blogs mit ihren Kommentaren füllen. Und es sind fast ausschließlich Männer, die ihre ätzenden Kommentare zu Nettas Figur in die Welt twittern. Der Text des Songs ist an sie gerichtet, denn es darf nicht sein, dass man sich verbiegen muss, um einem Mann - oder irgendjemandem sonst - zu gefallen. Im Kern unterscheidet sich Nettas Botschaft eigentlich gar nicht so sehr von dem, was Dana International mit ihrem Sieg 1998 zum Ausdruck brachte, denn jeder hat ein Anrecht auf Respekt - egal ob Transsexuelle, Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender oder Frauen! Viva la Diva!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 12.05.2018 | 21:00 Uhr