Stand: 03.06.2016 11:00 Uhr  | Archiv

EBU: Bosnien und Herzegowina droht ESC-Aus

Jala, Ana Rucner, Deen und Dalal bei der Pressekonferenz. © eurovision.tv Foto: Anna Velikova (EBU)
Jala, Ana Rucner, Deen und Dalal (v.l.n.r.) könnten der vorerst letzte Auftritt für Bosnien und Herzegowina gewesen sein.

Die Meldung erreicht die eurovisionäre Öffentlichkeit via esctoday.com: Dass der öffentlich-rechtliche TV-Sender von Bosnien und Herzegowina BHRT bei der European Broadcasting Union (EBU) mit 5,5 Millionen Euro in der Kreide steht. Nun hat die in Sarajewo ansässige Station noch bis zum 8. Juni eine letzte Frist eingeräumt bekommen. BHRT erklärte selbst, wenn die Minusbeträge nicht beglichen würden, müsse man zu Ende Juni den Betrieb aussetzen.

EBU lizensiert große TV-Events

Zur Erläuterung: Die EBU ist eine Netzwerkzentrale mit Sitz in Genf. Hier laufen die gemeinsamen Programmbeiträge zusammen, der größte selbst produzierte ist der ESC im Mai eines jeden Jahres. Ausgetauscht werden über Genf politische Nachrichtenfilme und Sportübertragungen, für die die EBU die Lizenz erworben hat. Wie viel Geld ein jeder der mehr als vier Dutzend Sender an die EBU für diesen Service bezahlt, ist nicht bekannt. Sicher ist - beziehungsweise nie dementiert wurde -, dass die großen TV-Stationen aus finanzstarken Ländern wie ARD, ZDF, BBC und die RAI vergleichsweise am stärksten in den Topf einzahlen.

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Anna Rucner, Deen, Dalal und Jala aus Bosnien-Herzegowina © Eurovision TV Foto: Vanja Lisac

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Auch aus Bosnien liegen keine genauen Zahlen vor, auch keine darüber, wie teuer (oder günstig) der ESC-Ausflug von Bosnien und Herzegowina nach Stockholm in diesem Jahr war. Schon die Performance von Dalal & Deen feat. Ana Rucer & Jala, als Elfte ihres Semifinales mit "Ljubav je" gerade nicht ins Finale gerückt, war kostspielig. Sponsoren machten die Teilnahme für BHRT möglich, es war die erste ESC-Teilnahme seit 2012 - in den Jahren dazwischen verzichtete der Sender ebenfalls aus finanziellen Gründen. Doch auch hier gilt: Exakte Zahlen gibt es nicht, nichts wird so diskret in der Musikökonomie behandelt wie die Kosten eines Acts.

Die Gründe für die Schuldenkrise von BHRT sind auch struktueller Art. In Bosnien und Herzegowina bezahlen alle Bürger und Bürgerinnen ihre TV-Gebühren mit der Telefonrechnung. Aber nicht alle Träger des Fernsehsenders haben ihre eingesammelten Gelder auch abgeführt - und das seit vielen Jahren.

Südost-europäische Länder haben Finanzprobleme

Jamala aus der Ukraine hält den ESC-Pokal und eine Flagge in die Höhe. © NDR/eurovision.tv Foto: Andres Putting (EBU)
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Möglicherweise wird Bosnien und Herzegowina wegen dieser aufgelaufenen Schulden nicht nur von der Übertragung der Fußball-EM ausgeschlossen, sondern auch für die der Olympischen Spiele. Ich schätze: Und auch der nächste ESC in der Ukraine muss ohne dieses Land geplant werden. Weil der bosnische Beitrag nicht ins Finale kam, ist dort auch die Akzeptanz für den ESC aktuell nicht sonderlich groß.

Auch andere TV-Sender in Ländern des früheren Ostblocks kämpfen mit Finanzproblemen: Bulgarien, Kroatien, die Slowakei - und jüngst ja auch Rumänien: Weil der Sender TVR in Bukarest jahrelang nicht zahlte, darf er keine von der EBU lizensierten Angebote ausstrahlen. Nix ESC, nix Fußball, nix Olympia. Die Regierung in Rumänien wollte die Schulden nicht übernehmen. Eine Anfrage von eurovision.de an das rumänische Fernsehen wie an deren Head of ESC-Delegation blieb bislang unbeantwortet.

EBU-Gebühren: "nicht hoch und bezahlbar"

Ingrid Deltenre, EBU-Generaldirektorin, sagte: "Wir hoffen sehr, dass die bosnische Regierung die Ernsthaftigkeit der Situation erkennt und nicht nur den nötigen Reformprozess zu den Lizenzgebühren beginnt, sondern ebenso BHRT ermöglicht, das Programm aufrechtzuerhalten und seine Schulden zu zahlen." Sie fügte an, dass ein öffentlich-rechtliches TV-Programm wichtig sei und der Aufklärung der Öffentlichkeit - unabhängig von kommerziellen Zwängen - diene.

Möglicherweise ist die Finanzkrise der allermeisten osteuropäischen TV-Sender (abgesehen von den russischen und dem polnischen TVP) auch nur ein Indiz für die europaskeptische Stimmung in diesen Ländern. ESC-Engagements sind nicht teuer - gerechnet in Fernsehminuten; die EBU-Gebühren sind gerade für finanziell schwächere Länder, wie es seitens der EBU heißt, "nicht hoch und bezahlbar".

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Der rumänische Sänger Ovidiu Anton in Lederjacke © TVR / Ioana Chiriță

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