Stand: 02.02.15 09:45 Uhr

Mischung von Glam bis Liedermacherei

Ason und Ann Sophie (Bildmontage) © NDR

Die vier schwedischen Schwestern von Ason und Ann Sophie gehören zu den Clubkonzert-Teilnehmern.

Über 1.300 Bewerbungen hat es für das Clubkonzert in der Großen Freiheit auf St. Pauli in Hamburg gegeben - das ist eine Menge für die Jury zum Aussuchen gewesen. In dieser Runde der Aussuchenden befinden sich mit Thomas Schreiber, NDR Unterhaltungschef und ARD-Unterhaltungskoordinator, als Vorsitzenden der Jury noch Steffen Müller (Warner Music), Konrad von Löhneysen (Sprecher der Independents in der Musikindustrie), Tom Bohne (Universal), Aditya Sharma (Radio Fritz-Musikchef in Berlin und Brandenburg), Nico Gössel (Sony), Norbert Grundei (N-JOY) sowie Jörg Grabosch und Claudia Gliedt (beide Brainpool, produzierende Firma der Sendung). Der Transparenz sollte angefügt werden, dass sieben Stimmen gültig waren; die beiden Brainpool-Mitglieder sowie die beiden Vertreter der ARD-Popwellen hat je ein gemeinsames Votum.

Die Mixtur: Modern

Herausgekommen ist eine akzeptable Mischung von ein bisschen mehr oder ein weniger professionellem Zuschnitt. Einige der zehn Kandidaten haben Castingshow-Erfahrung, andere treten am 19. Februar das erste Mal im Fernsehen auf - live zumal. Es gibt einige Stile im aktuellen Popmusikgewerbe, die ich wiederum vermisse, wie etwa im vorigen Jahr auch schon jenen, den man wie Balkandisco, Brass-Band-Schwung oder schlicht Hoppelrock definieren kann.

Im Überfluss beinahe sind diesmal dabei schöne, elegisch anmutende Stimmen, wieder einige gitarrenlastige Lieder und wenigstens eine Chanteuse, die sich auf das Fach der Glanzproduktion versteht, auf Glamour und eine gewisse Verruchtheit. Auffällig scheint mir: Alle Kandidaten sind sehr, sehr jung. Entweder noch nicht volljährig oder eben gerade im Alter, in dem man das politische Wahlrecht hat. Die Ältesten, sie sind die Ausnahmen unter den Bewerben für Hannover, sind nach meinem Blick gerade 30.

Ich habe mir erspart, jeden Kandidaten, jede Kandidatin daraufhin zu überprüfen, ob der oder die zu irgendeiner großen Musikcompany gehört - am Ende ist das ohnehin nicht entscheidend, wenn es um den Wettbewerb geht. Voriges Jahr, mit Elaiza als Gewinnerinnen, war es so, dass sie zu einem guten Produktionsbüro gehörten, aber in erster Linie durch ihre Livepräsenz (plus schwungvollem Lied) die Wildcard einkassierten und schließlich auch die Vorentscheidung in Köln gewinnen konnten.

Von Aden bis zu den Klangpoeten

Die Band Klangpoet © NDR/Sebastian Fischer

Leonie, Ekrem, Zett Eins und Haui sind die Klangpoeten.

Im Einzelnen, nach alphabetischer Reihenfolge: Aden Jaron ist 20, hat eine schöne Stimme, die ein bisschen wie die dänischen Outlandish klingt und wird mit einem gewissen Augenaufschlag gewiss einige Anrufe und SMS extra gewinnen. Er hat Charme, das ist sein stärkster Trumpf. Alisson Bonnefoy, 21, hat die vielleicht interessanteste, weil wandlungsfähigste Stimme. Ob ihr eher getragener Stil die Große Freiheit erhitzt, muss offen bleiben: Möge sie keine Erkältung vorher sich zuziehen. Ann Sophie, 24, sieht im Video glamourös aus, sie orientiert sich ausweislich der Bilder, die wir von ihr kennen, an Figuren wie Amy Winehouse, ein bisschen, scheint mir, auch an französisch anmutenden Chansonsängerinnen. Ihre Art ist die der direkten Werbung - und das Vokale hat sie hörbar ganz sicher im Griff, ihre Weise zu singen ist virtuos. Ason sind vier Schwestern, von denen die eine zwölf ist, also weder bei der Clubkonzert-Performance noch in der Vorentscheidung noch möglicherweise beim Wiener Finale mitmachen darf. Ihr Lied ist, hört man genau hin, von dieser gewissen Leichtigkeit, die ja schwer zu erzeugen ist, welche auch Abba eigen war. Kein Wunder - es sind Schwedinnen. Möglich, dass sie als Favoritinnen gelten müssen, denn gute Laune zieht immer viel Sympathie. Klangpoet, nicht minder gut gelaunt, sind eine große Formation, die am stärksten das sehr deutliche Multikulti-Element hervorheben. Kräftige Gute-Laune-Bären singen da mit, alles kommt leicht und luftig daher: Das ist wirklich nicht übel.

Von Lars bis Sophie

Die Nachwuchs-Sängerin Louisa.

Lou macht an der Hamburger Stage School eine Ausbildung im Bereich Musical und Schauspiel.

Lars Pinkwart, den wir über den Titel "Tornado" kennen, dementiert die Überschrift seines Liedes, mit dem er sich beworben hatte, erheblich. Er singt wahnsinnig intensiv und schön, aber es bleibt bis zum Ende ein Stürmchen, das um Gunst sich müht. Lou erinnert vom ersten Ton an an die große Poetin Jewel - eine zart besaitete Person, die zart besaitete Klänge bevorzugt. Sehr fein, sehr gut: Werden Wunderkerzen entzündet? Moonjos sind Ricardo und Daniel Munoz, nach meinem Überblick die Senioren des Teilnehmerfeldes mit 29 und 30 Jahren. Man hört ihre stupende Professionalität, beide Brüder wissen, wie man erfrischende Popmusik ohne Oberflächlichkeitsverdacht serviert. Sendi hingegen erinnert in den ersten Momenten an die Königin des Dancefloors, an Natasha Beddingfield. Ihre Performance hängt entscheidend davon ab, dass die Verstärker perfekt eingestellt, das Mikro eventuelles Scheppern zu schlucken weiß und alles sonst auch stimmt. Sophie wird hauchen und flehen und werben - und wir werden feststellen, dass ihre Stimme sehr, sehr reif klingt, schön und warm. Vergisst sie für drei Minuten das, was sie erwarten könnte in Wien, wird man mit ihr stark rechnen müssen.

Ich muss gestehen: Voriges Jahr hatte ich Elaiza nicht gleich auf der Rechnung, erst nach der Generalprobe. Dieses Jahr will mir auch niemand genau einfallen, der das Rennen gewiss machen könnte. Ich bin, wie ja alle, ziemlich gespannt.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 05.03.2015 | 20:15 Uhr