Stand: 27.12.13 11:35 Uhr

Glorioses “Kedvesem”

Emmelie de Forest auf der Bühne beim ESC 2013. © NDR Foto: Rolf Klatt

Eher ein kurzer Moment des Ruhmes: Emmelie de Forest gewinnt den ESC, danach wird es allerdings schnell ruhig um sie.

Jeder hat eigene Erinnerungen an den eben ein halbes Jahr vergangenen ESC. Das ist nur natürlich, eine Eurovisionsshow lebt ja davon, dass jeder andere Details als liebenswürdig, magisch oder gruselig erinnert. Mein Jahresrückblick sei hier in zehn Punkten aufgelistet. Kein Wort über San Marino, weil es nicht lohnt. Auch keine Silbe über Malmö als - nur, dass es gut war, den ESC nicht in Stockholm zu veranstalten: So blieb es für die Besucher übersichtlich. Eine Kleinigkeit am Rande: Erstmals gab es für Fans und Journalisten als Gratisgetränk neben Kaffee auch Trinkwasser aus der Leitung. Bizarr scheinend zunächst, aber dann wohlschmeckend.

1. Emmelie de Forest: Mit acht Mal zwölf Punkte erhielt die siegreiche Dänin zwei Höchstwertungen weniger als der Aserbaidschaner, der auf dem zweiten Rang landete. Das war ein Indiz: Sie sang am gefälligsten, aber ihr Ruhm nach dem ESC bleibt doch überschaubar. Die geplante Tournee? Storniert.

2. “Kedvesem”, vorgetragen vom Wollmütze tragenden ByeAlex bekam von der Reeperbahn aus zwölf Punkte aus Deutschland. Doch selbst wenn er nichts aus unserem Land erhalten hätte: Das war das interessanteste, zeitgenössischste Lied neben dem der Norwegerin Margaret Berger. Ein Lounge-Kracher dieser Ungar und bekennender Intellektueller.

3. Glorious und LaBrassBanda: Was konnte Natalie Horler dafür, dass ihr Titel zur falschen Zeit kam? Und “Euphoria” für diesen sphärischen Dancestil besser war? Die Wertung von Hannover war umstritten: Mir hätte LaBrassBanda auch besser gefallen. Aber war der öffentliche Missmut ob des Sieges von Cascada nicht auch Neid? Sie siegte und ging in Malmö unter. Schade.

4. Petra Mede moderierte die Show in Malmö vorzüglich. Das Vorurteil, dass eine politische Journalistin Unterhaltung nicht könne, erwies sich als haltlos. Ohnehin: Die in der Show souveräne Präsentation eines Hochzeitspaares, das sich als reine Männer-Geschichte herausstellte war eine ESC-Premiere. Freundlich!

5. Auch dies eine Premiere: Dass vor den finalen Performances alle 26 Acts über einen luftigen Catwalk wie bei den Olympischen Spielen einmarschieren. Das hatte den Spirit vom Familiären, vor allem war es ein Signal, dass vor den Wertungen alle gleich scheinen – symbolisch wertvoll.

6. Die Schweiz konnte einem leidtun. Die Band, die das Land präsentierte, durfte sich nicht “Heilsarmee” nennen, weil das allzu politisch sei. Einerlei, unter welchem Namen sie angetreten wären: Das Lied war von grotesker Harmlosigkeit, dass sie - nicht nur - mein Mitleid weckten.

7. Es ist bekannt, dass ich die russischen Geschichten - Stichwort Putin etwa - nicht allzu sehr mag. Aber im Laufe der Monate nach Malmö fräste sich eine moderne Schnulze stärker in mein Gemüt als alle anderen: Dina Garipovas “What If” war eigentlich ein sensationell simples Lied, allerdings mit starker Performance durch diese Sängerin.

8. Eigentlich war bisher als Comedyfigur für mich Krisse beim ESC 2007 in Helsinki die Königin ihres Fachs. Sie hat nun eine Thronfolgerin gefunden, und zwar leichter Hand: Sarah Dawn Finer gab als “Lynda Woodruff” die witzigste Figur des ESC in allen drei Shows. Als Sarah Dawn Finger gab sie die beste Interpretin von “The Winner Takes It All” seit Abbas Agnetha.

9. Klar “Marry Me” von Krista Siegfrid war kein Siegersong. Aber, dass es ein Act war, der die Heirat von zwei Frauen thematisierte und mit einem Kuss krönte, war nun auch für Kommentatoren in Osteuropa unübersehbar. Klasse Geste – und Finnland freute sich mit.

10. Marco Mengonis “L’essenziale”, am Ende leider nur siebter Platz, demonstrierte, wie cool Popmusik sein kann - mal wieder eine italienische Qualitätsdemonstration. Dass Bonnie Tyler mit “Believe In Me” in der Rolle der Veteranin schlecht abschnitt, hat mir missfallen. Musste man hinnehmen: Die Chartkracher von einst werden von den jungen Zuschauern ignoriert.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 18.05.2013 | 21:00 Uhr