Stand: 16.05.15 17:08 Uhr

Der Thomas-Evangelist

Tex Rubinowitz in seiner Ausstellung "The Nul Pointers" im Wiener Leopold Museum

Ein Herz für Verlierer: Tex Rubinowitz hat die Nullpunkter der ESC-Geschichte malerisch verewigt.

Der ungewöhnlichste ESC-Fan ist Tex Rubinowitz überhaupt. Der Künstler, geboren 1961 in Hannover, zählt im deutschsprachigen Raum zu einer ästhetischen Richtung, die schreibend, zeichnend, karikierend und kommentierend Licht ins Halbdunkel der Wirklichkeiten bringen will. Voriges Jahr gewann Rubinowitz, der in Wien seit langem lebt, den Bachmann-Preis in Klagenfurt. Sein Roman "Irma", eine nach landläufigen Kriterien etwas irre Liebesgeschichte, entzückte die Juroren reihenweise. Hier allerdings ist Rubinowitz zu preisen für seine Wahrnehmung des ESC. In der aktuellen Nummer des Wiener Stadtmagazins "Falter" hat er den ESC skizziert: So farbig, glaubwürdig und innig wie kein ESC-Fan sonst es vermögen wollte.

Hymnen und Pomp der Verlierer

Jan Feddersen in der Rubinowitz-Ausstellung "The Nul Pointers" im Wiener Leopold Museum

Farbig, glaubwürdig und innig - so Jan Feddersen - hat Tex Rubinowitz den ESC skizziert.

Rubinowitz, ein erfrischend zupackender Analyst, liebt Hymnen und Pomp, vor allem aber mag er am ESC, dass er Momente von Magie und Berührung gebiert. Er mag im Übrigen die Sieger eher am Rande, wenn überhaupt. Seine Liebe gilt aber den Verlierern, jenen, die mit gar keinen, absolut null Punkten nach Hause gereist sind. Diese hat er auf Holztafeln, etwa im doppelten Din-A-4-Format, malerisch verewigt. Und falls ich das gleich sagen darf: Die Zeichnung des Isländers Daníel Ágúst ist die schönste, dieser Mann musste 1989 schwer düpiert nach Reykjavik zurückfliegen. Neben die Tafeln, religiösen Votivbildern gleich, sind auf die weißen, hohen Wände biografische Notizen zu den insgesamt 34 Null-Punktern geschrieben worden. Man lernt historisch jede Menge, und für viele ESC-Fans dürfte diese Form der würdigenden Antiheldengeschichte eine Chance auf einen besseren Blick sein. Denn, wie das Philosophenquartett Abba schon ironisierend sang: "The Winner Takes It All", denn die Verlierer sind die Letzten, und die könnten die Ersten sein.

Besondere Liebe erhält durch Tex Rubinowitz der österreichische Sänger Thomas Forstner, 1991 in Rom ein Nullpunkter mit der seltsamen Schnulzengeschichte "Venedig im Regen". Des Künstlers Theorie, die er als Evangelist des Heiligen Thomas F. formuliert: Man wird nicht belohnt, wenn man in Rom von Venedig singt, außerdem den Regen beweint und dann auch noch ein Mann ist, dem ein genetischer Zufall Ohren ohne Läppchen bescherte. Solche Menschen, findet Rubinowitz, werden in katholischen Ländern mit Teufeln gleichgesetzt: Das konnte also nicht gut gehen.

Ein Kissenbezug für Finnland

Jan Feddersen und Tex Rubinowitz in der Ausstellung "The Nul Pointers" im Wiener Leopold Museum

Tex Rubinovitz' Favorit beim diesjährigen Contest ist die finnische Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät, die er mit einem bestickten Stoffbezug würdigt.

Diesjährig favorisiert Rubinowitz die finnische Punkband, er liebt diese Musik, die Anmut der vier Künstler. Ihnen hat er eine Art Stoffkissenbezug genäht, darauf die Gesichtskonturen der finnischen Punker. In einem kurzen Film sieht man, wie Rubinowitz durch das Nähen für die von ihm Favorisierten zum Nadelkünstler wird. Nebenbei muss man diesen Aktionskünstler ernst nehmen, an ihm erkennt man, wie wenig der ESC eigentlich sich eignet, ironisch zu werden: Er hat schon Conchita Wursts Sieg geweissagt, als noch niemand an sie glaubte.

Montag findet im Museum Leopold ein "Venedig im Regen"-Erinnerungskonzert statt. Man darf resümieren: Es ist die beste Ausstellung im ESC-Diskurs, die es jemals gegeben hat: Weil sie die Würde der KünstlerInnen nicht nur nicht verrät, sondern sie überhaupt erst wieder herstellt. ESC-Akkreditierte sollten sie unbedingt sich anschauen: Es sind Bilder, die zur Meditation einladen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr