Hievt Komponist Soukup Tschechien ins ESC-Finale?

Ondrej Soukup © Ondřeje Pýchy

Die Erfolgsgeschichte Tschechiens beim ESC ist bisher überschaubar - das soll Komponist Ondrej Soukup nun ändern.

Es ist die größte Überraschung im Hinblick auf die Teilnehmerländer des 60. Eurovision Song Contest in Wien: Dass Tschechien wieder teilnimmt. Manche sagen, dies läge daran, dass das der österreichische Nachbar mal zum habsburgischen Reich gehörte und insofern seitens des ORF in Wien immer gute Kontakt zum öffentlich-rechtlichen Sender in Prag bestanden. Hübsch jedoch ist die tschechische ESC-Wiedergeburt vor allem deshalb, weil das Land eine solche Erfolglosigkeitsgeschichte verkraften musste wie kein anderes.

Die Slowakei, mit Tschechien bis Anfang der 90er-Jahre vereint, nahm immerhin erstmals 1993 am ESC teil, scheiterte damals noch am osteuropäischen Vorentscheid. Tschechien hingegen ließ sich erst vor wenigen Jahren erwärmen. 2007 in Helsinki, 2008 in Belgrad und 2009 in Moskau war man Teil des ESC, wurde aber kaum wahrgenommen, weil die drei Acts allesamt im Halbfinale scheiterten. Das taten sie - eine Rock-Gruppe, eine Sängerin sowie eine Roma-Formation - nicht einmal knapp. Tschechien, so lernte man in Prag, kommt in Europa nicht an. Sagte man den ESC-Verantwortlichen hingegen, dass es vielleicht an den durch die Bank seltsamen und schlimmen Liedern gelegen habe, erntete man irritierte Blick: Wie, man wird an der Güte der Lieder gemessen?

Angst vor dem ESC?

Ja, Tschechien war beleidigt und zog sich zurück. Im Grunde hatte man Angst, wieder etwas ins internationale Rennen zu schicken, das an den Ansprüchen der Zuschauer und Jurys zerschellt. So von wegen: Nein, das mögen wir nicht - das überhören wir lieber gnädig. Seitens des Fernsehens hieß es zwischen 2010 und Mitte 2014: Man habe andere große TV-Projekte zu bezahlen, da sei kein Spielraum für den ESC und dem dazugehörigen Vorentscheid. Man konnte die Not verstehen: Immer nur ganz weit unten zu landen macht die Zuschauergunst nicht fett, sondern lässt sie verschwinden.

Immerhin, nun geht man die Sache nicht mehr halbherzig an: Wie jüngst bekannt wurde, hat das tschechische Fernsehen den Komponisten Ondrej Soukup damit beauftragt, drei Lieder für einen Vorentscheid zu schreiben. Die Sängerin, der Sänger oder die Gruppe könnten durch ihn nicht benannt werden, aber drei Lieder möchte man von ihm.

Ondrej Soukup, ehrlich?

Klickt man sich durchs Internet, erschließt sich auch ohne tschechische Sprachkenntnisse leicht, dass dieser Mann zur Spitze seiner einheimischen Musiker- und Unterhaltungsmusikerszene zählt. Er ist Jahrgang 1951, hat schon in frühen Jahren Filmmusiken komponiert, versteht sich auf Lieder, die Konzerthallen füllen, doch auch kann er Stoff liefern für feine Kammerkonzerte. Soukup soll die entscheidende Tonspur ergrübeln, mit der Tschechien zumindest ins Finale gelangt.

Es ist eine gute Wahl, das steht fest. Es ist sogar eine, die andeutet, dass die ESC-Verantwortlichen in Prag die Sache ernster nehmen denn je. Soukup ist eine gute Wahl, weil er keinen Schrott produziert, weil er über genügend Erfahrung verfügt, ein Stück für drei Minuten zu schreiben, das alles in sich trägt: Geheimnis, Magie und die Fähigkeit, das Publikum zu berühren. Sollte das gelingen, wäre in Tschechien immer noch keine ESC-Begeisterung zu haben: Es ist immer schwierig dieses Format in einem Land zu etablieren. Man muss Radiostationen überzeugen, diesen gewissen Titel zu spielen; man muss das einheimische Publikum einstimmen, damit es mitfiebert und sich mit dem Beitrag des eigenen Landes identifiziert und zugleich die anderen Lieder nicht einfach abtut. Kurzum: Man braucht viel Verführungsgefühl, um den ESC zum Erfolg und Quote zu verhelfen.

Berühmtester ESC-Vertreter: Karel Gott

Karel Gott trat 1968 für Österreich beim Grand Prix an. Aufnahme aus den 60er Jahren. © picture-alliance / KPA

Karel Gott trat 1968 für Österreich an.

Der prominenteste Tscheche, der jemals an einem ESC teilnahm, war der berühmteste Sangesmann aus Prag überhaupt: Karel Gott - für den Ondrej Soukup auch schon schrieb. 1968 nahm er für Österreich teil - und belegte mit "Tausend Fenster" - übrigens aus der Feder des ESC-Siegers Udo Jürgens - zwar nur einen hinteren Platz. Aber, so Karel Gott, dieser ESC hat ihm Türen ins Showgeschäft Westeuropas geöffnet.

Ich mag Tschechien, ein schönes Land. Ich bin wahrscheinlich parteiisch, denn ich würde mich freuen, wenn dieses Ondrej-Soukup-Konzept aufginge und dieses Land zumindest das Grand Final erreicht. Karel Gott kann doch nicht das letzte seriöse ESC-Wort aus diesem Land gewesen sein!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr