Stand: 18.12.14 16:22 Uhr

So viel Andrang war nie

Mich erreicht eine Flut von Post seit dem 15. Dezember. Via Facebook, via Twitter, über meine gewöhnliche Elektropostadresse. Alle haben nur einen Inhalt mitzuteilen: Wie es ihnen erging von Montagmorgen 8 Uhr an, als der Kartenvorverkauf Wien offiziell begann. Ich darf sagen: Alle Gefühle sind dabei. Von "Ich bin untröstlich" über "Das hätte ich mir gleich denken können" oder "Was für eine undurchsichtiges Verfahren" bis hin zu "Ich bin überglücklich, fünf Karten habe ich erstanden."

So in etwa liest man es auch auf der Facebook-Seite von uns, von eurovision.de: Viele klagen, dass sie beim Kartenvorverkauf nicht mal ein Freizeichen erwischten, andere kamen nicht ins Netz oder versuchten es vergebens, Karten zu ergattern. Und zwar, das ist erstaunlich, nicht allein für das Finale war es schwierig, sondern für alle der neun Shows (Grandfinal, zwei Semifinals sowie drei Jury-Shows und drei familiengerechte Generalproben, weil diese am Nachmittag stattfinden werden).

Shitstorms in den ESC-Foren

In den entsprechenden ESC-Foren - gleich, in welchen - sind Briefe eingegangen, die zusammen einen wahren Shitstorm ergeben. Von der Tonalität waren die Bekundungen nicht alle stubenrein, aber wenigstens einige zeigten sich eben auch zufrieden, dass es mit dem Kartenerwerb geklappt hat.

Man darf sich trotzdem ein wenig wundern: Denn die Tickets sind ja allesamt nicht gerade im finanziellen Rahmen jener, die sich eher weniger als mehr leisten können. Doch auch dies hörte ich: Finalkarten sind erworben worden von Menschen, die mit sehr wenig Geld im Monat auskommen müssen. Kommentar eines solchen Freundes: "Ich spare mir lieber bis Mai buchstäblich alles vom Munde ab, als dass ich diesen ESC live nicht miterleben kann."

Die Wiener Stadtkulisse entlang der Donau beim Sonnenuntergang © picture alliance/APA/picturedesk.com Foto: Willfried Gredler-Oxenbauer

Wien ist für viele ESC-Fans die Stadt der Träume.

Das nenne ich Enthusiasmus, ja auch Leidenschaft. Das erinnert mich an den irischen Freund Martin Jones, Sozialarbeiter an der Westküste bei Galway, Freund von Linda Martin, ein ESC-Hooligan sozusagen ohne Gewaltneigung. Der sagt Jahr für Jahr: "Ich habe nicht das Geld für Reisen ins Ausland zum Contest - aber ich will es mir leisten, weil es das wert ist."

Der größte ESC aller Zeiten

Dass der 60. Eurovision Song Contest nach meiner Einschätzung der größte überhaupt werden wird, liegt natürlich nicht an Conchita Wurst, obwohl ihr Sieg selbstverständlich sehr motivierend war, einmal echt dabei zu sein. Die neue Sissi von Österreich hat schließlich ihren Triumph auch der prima Stimmung in der Kopenhagener Schiffsausrüsterhalle zu verdanken - das Publikum gab ihr ja in jeder Sekunde das Gefühl, sie zu Bestform zu bringen.

Vermutlich jedoch ist Wien als Ort mitten in Europa der geeignetste, diesen Andrang an Fananfragen für Tickets auszulösen. Alle scheinen das Gefühl zu haben, nach Österreich mal eben, also nicht besonders aufwändig reisen zu können. Wien ist eben ein anderes Ziel als, sagen wir, Baku, Helsinki oder Moskau. Nicht in politischer Hinsicht, sondern weil die drei anderen Orte eher in abseitigen Ecken des Kontinents liegen.

Im Januar geht's weiter

Man hätte natürlich auch jenen nacheifern können, die am Montag extra nach Wien gereist waren, um an der Stadthalle Tickets direkt am Schalter zu erwerben. Das wird im Januar, bei der zweiten Ticketrunde, auch der Fall sein. Echte Fans scheuen keine Mühen, um Karten für die Shows zu erwerben - und sei es, dass sie schon mal in die Stadt reisen müssen, in der sich im Mai 2015 alles darum dreht, wer in die Fußstapfen der Conchita Wurst treten darf. Viel Glück!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr