Stand: 14.03.08 11:26 Uhr

Wolthers Welt

Estland: Kleines Land mit großer Wirkung

Ein typisches Haus in der Hauptstadt von Tallin, Estland. © picture-alliance / Bildagentur Huber Foto: G. Simeone

Die Altstadt von Talinn in Estland gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Mit gerade einmal 1,5 Millionen Einwohnern ist Estland der kleinste der drei baltischen Staaten. Dabei suggeriert dieser Sammelbegriff eine kulturelle Zusammengehörigkeit, die so nicht existiert: Esten haben mit Letten und Litauern ungefähr so viel gemein wie Spanier mit Kroaten. Sie gehören zusammen mit den Finnen und Ungarn zur so genannten finno-ugrischen Kultur- und Sprachfamilie. Esten und Finnen können sich relativ problemlos miteinander verständigen und teilen sich sogar die gleiche Nationalhymne, allerdings mit einem anderen Text.

Mystische Stabreimdichtung

Die Wurzeln der estnischen Musik gehen bis in vorchristliche Zeiten zurück. Die alt-estnischen "Runolaulud" (Gedichtgesänge) sind klingende Zeugen einer uralten schamanischen Kultur, die in der Frühzeit rund um den Finnischen Meerbusen angesiedelt war. Wesentliche Merkmale dieser Liedform sind der Stabreim sowie die fast beschwörend wirkende Wiederholung kurzer, melodischer Rezitationsformeln. Die Tonalität ist modal, d.h. sie lässt sich weder Dur noch Moll zuordnen. Die charakteristische Wiederholung musikalischer Motive findet sich auch in dem estnischen ESC-Beitrag 2004, "Tii".

Deutsche Einflüsse

Tanel Padar und Dave Benton  vor der Estländischen Flagge. (Bildmontage) © Fahne: Fotolia, Quelle Künstler: picture-alliance / dpa Foto: Fahne: Juergen Priewe, Fotograf Künstler: lrich Perrey

2001 gewannen Tanel Padar und Dave Benton für Estland den ESC.

Trotz dieser Jahrtausende alten Gesangstradition konnte sich eine eigenständige estnische Kunst- und Unterhaltungsmusik lange nicht entwickeln. Seit der Unterwerfung Estlands durch den Schwertbrüderorden im 13. Jahrhundert lebten auf estnischem Gebiet viele Deutsche, die den Adel und einen Großteil des Bürgertums stellten. Durch ihre gesellschaftliche Position nahmen sie starken Einfluss auf das kulturelle Leben Estlands, das im Laufe der Jahrhunderte abwechselnd von dänischen, polnischen, schwedischen und russischen Eroberern regiert wurde. Nach und nach verdrängten deutsche Lieder die uralten Runo-Gesänge, und viele Esten wissen heutzutage gar nicht, dass das eine oder andere estnische "Volkslied" in Wirklichkeit deutschen Ursprungs ist.

Unter sowjetischer Herrschaft

Einer kurzen Phase estnischer Unabhängigkeit zwischen den beiden Weltkriegen folgten 50 Jahre sowjetischer Besatzung. Interessanterweise wurde auf diese Weise der deutsche Einfluss auf die estnische Musik weiter gefestigt: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Schlager das musikalische Geschehen in Estland entscheidend geprägt, und nach dem Beginn des Kalten Kriegs widersprachen die neuen Rhythmen des "Klassenfeinds" der herrschenden Ideologie. Dennoch gelang es zahlreichen estnischen Musikern, die wichtigsten musikalischen Trends aus dem Westen mit viel Erfindungsreichtum in ihre Lieder einzuarbeiten. So erlebte die estnische Popmusik in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Blütezeit und war als Ersatz für Westmusik in der ganzen Sowjetunion heiß begehrt.

Der ESC als Sprungbrett

Der Fall des Eisernen Vorhangs löste eine Krise in der estnischen Musikszene aus. Das Publikum stürzte sich auf die nun endlich frei verfügbare anglo-amerikanische Musik, und estnischen Produktionen gelang nur noch selten der Durchbruch. Dies änderte sich erst durch die anhaltenden Erfolge Estlands beim ESC. Neue Stars wie Maarja-Liis, Ines und Evelin Samuel sorgten in der Szene für frischen Wind. Die geringe Größe des nationalen Marktes stellt jedoch eines der Hauptprobleme der estnischen Musiker dar.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr