Stand: 16.02.10 11:30 Uhr

Wolthers Welt

Italien: Von Sanremo in die Welt

Gigliola Cinquetti (Montage) © KP

Dass in Italien ständig gesungen wird, gehört zu den unausrottbaren Klischees über das Land südlich der Alpen. Dass Musik in der italienischen Kultur schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat, ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Schon bei den alten Römern wurden Zirkusspiele, Triumphzüge und Kulthandlungen musikalisch begleitet, meist durch Blasinstrumente wie dem von den Etruskern stammenden Lituus. Doch auch in der gehobenen Gesellschaft war das Musizieren beliebt, und Kaiser Nero schuf sogar einen antiken Musikwettbewerb, den allerdings immer nur er gewinnen durfte.

Gregorianische Gesänge

Mit dem Siegeszug des Christentums gerieten diese heidnischen Traditionen in Vergessenheit. Die frühchristliche Musik verzichtete gänzlich auf Musikinstrumente und verkündete das Lob Gottes allein mit der menschlichen Stimme. So entstanden in Rom vom vierten bis zum achten Jahrhundert die gregorianischen Gesänge. Während die Kirchenmusik sich auch später noch an den lateinischen Bibeltexten orientierte, wurden in der Renaissance weltliche Lieder in italienischen Dialekten verfasst, die so genannten Madrigale. Sie sind Vorläufer der Oper, die im 16. Jahrhundert in Florenz entstand. Der Belcanto, der "schöne Gesang", wurde zum mustergültigen Vortragsstil und später Synonym für alle schönen Stimmen mit klassischer Gesangstechnik.

Starke regionale Prägung

In Neapel brachte die lokale Volksmusiktradition in Verbindung mit dem Belcanto im 19. Jahrhundert die Canzone Napoletana hervor, zu der auch das berühmte "O sole mio" zählt. Im Zuge der großen Auswanderungsbewegung, bei der mehr als ein Drittel der italienischen Bevölkerung das Land verließ, wurde die Canzone Napoletana in alle Welt getragen und prägte dort das Klischee von italienischer Musik. Aufgrund der relativ späten nationalen Einigung Italiens 1861 blieb die italienische Musikkultur noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark regional geprägt. Unter den Faschisten wurde zwar eine nationale Musik forciert, doch in den ländlichen Gegenden spielen die Dialektkulturen bis heute eine wichtige Rolle. 

Sanremo und Musica leggera

Segelboote und Yachten in Hafen von San Remo, Italien © picture-alliance / dpa Foto: Barone

Erst mit dem Festival della Canzone Italiana, besser bekannt als Sanremo-Festival, entstand eine gesamtitalienische Unterhaltungsmusik, die Musica leggera. Seit 1951 sind fast alle Größen des italienischen Showgeschäfts aus diesem Festival hervorgegangen. Die Veranstaltung wird über das Eurovisions-Netzwerk in mehr als 50 Länder übertragen. Angesichts der vergleichsweise bescheidenen Erfolge beim Eurovision Song Contest mag es daher nicht verwundern, dass in Italien kaum Interesse an einer ESC-Teilnahme besteht, da das Ansehen italienischer Musik in der Welt durch Sanremo weitaus effektiver gefördert werden kann. Längst ist das Festival nicht mehr nur Forum für die Musica leggera, sondern bietet auch anderen Stilrichtungen wie Jazz, Rock und HipHop eine Plattform.                       

Italo-Disco und andere Exportschlager

Bereits in den 1960er-Jahren hatte das Sanremo-Festival eine unverzichtbare Rolle für den italienischen Musikexport übernommen. Das erfolgreiche Revival des Festivals in den frühen 1980er-Jahren löste dann einen regelrechten Italo-Boom aus, der neben italienischen Canzoni auch den Italo-Disco-Sound in die internationalen Hitparaden katapultierte und mit Titeln wie "Self Control" oder "I Like Chopin" den Klang der 80er-Jahre entscheidend mitbestimmte. In den 1990er-Jahren war es dann der Italo-Dance-Sound, der die Tanzflächen dominierte. Bis heute ist elektronische Musik einer der wichtigsten Musikexporte aus Italien, auch wenn die Lieder aus San Remo die Vorstellung von italienischer Unterhaltungsmusik noch immer bestimmen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr