Stand: 15.04.16 11:00 Uhr

Stockholm: Hotspots am Rande des ESC

Tim Krohn, Korrespondent im ARD-Studio Stockholm. © NDR Foto: Christian Spielmann

Tim Krohn ist ESC-Fan und Stockholmkenner. Als Hörfunk-Korrespondent der ARD hat er vier Jahre in Schwedens Hauptstadt gelebt.

Dieser Mann kennt sich aus: Tim Krohn hat vier Jahre lang als Hörfunk-Korrespondent in Stockholm gearbeitet und von dort über Skandinavien und das Baltikum berichtet. Er ist aber nicht nur Stockholmexperte, sondern auch ESC-Fan. So lange er denken kann, verfolgt Tim schon den Song Contest. Beruflich hat er unter anderem von den ESCs aus Malmö und Kopenhagen für die ARD-Hörfunkwellen berichtet. Eine Woche vor Beginn des diesjährigen Wettbewerbs im Mai übergibt er das Stockholmer Studio offiziell an seinen Nachfolger. Dann hat er endlich Zeit, den Song Contest mal wieder ganz privat zu erleben.

Leben in der "vielleicht schönsten Stadt der Welt"

Tim, du hast mal gesagt, Stockholm sei die "vielleicht schönste Stadt der Welt ... naja, zumindest im Sommer." Was macht Stockholm im Mai denn so besonders?

Tim Krohn: Das Licht, die Inseln und das Wasser. Der Himmel scheint hier immer etwas heller und blauer zu sein als anderswo. Mehr Postkartenmotiv geht gar nicht. Du kannst am Mälarsee fischen gehen, vor dem Rathaus ins Wasser springen und mit dem Kanu oder dem Dampfschiff raus zum Baden fahren. Der Schärengarten in der Ostsee besteht ja aus tausenden großen und kleinen Inseln, eine schöner als die andere.

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Königliche Stadt der 14 Inseln: Stockholm

Wer zum ESC nur für ein paar Tage in die Stadt kommt, wird aber nicht viel Zeit haben für längere Ausflüge.

Kleiner Schiffsanleger auf der Schäreninsel Fjäderholmarna bei Stockholm

Kurzurlaub gefällig? Auf der Schäreninsel Fjäderholmarna heißt es: Seele baumeln lassen und genießen!

Krohn: Muss auch gar nicht, Stockholms Sommer funktioniert auch im Schnelldurchlauf. Wenn Freunde zu Besuch sind, entführe ich sie erst einmal auf die nächstbeste Dampffähre nach Fjäderholmarna. Das ist die erste Schäreninsel außerhalb der Innenstadt. Dort mit guten Freunden und gut gefülltem Picknickkorb auf einem der Felsen sitzen und die Kreuzfahrtschiffe an sich vorbeiziehen lassen - einen besseren Kurzurlaub zwischen zwei ESC-Partys gibt es nicht. Die Fähren dorthin fahren übrigens stündlich ab Slussen, der Stockholmer Schleuse zwischen Gamla Stan und Södermalm oder ab Nybroplan, dem wunderbaren Platz am Ende des mondänen Strandvägen.

Von da aus kann man übrigens mit der Fähre "MS Emelie" auch hinüber zum Sjaltsjökvarn tuckern. Dort, direkt am Kanal, der Södermalm von der Gemeinde Nacka trennt, liegt das Boule & Berså, einer meiner liebsten Biergärten der Stadt und noch ein echter Geheimtipp: Bouleplätze, sehr leckeres Essen, chillige Atmosphäre ... fantastisch!

Stockholm ist mehr als ESC und Abba

Stockholm kennt man musikalisch ja vor allem als Hauptstadt des ESC, des Europop und natürlich als Heimat von Abba. Gibt es für Musikfans denn noch andere Alternativen?

Krohn: Zum Glück ja. Der Hype um die ESC Songs macht zwar Spaß, kann einem aber auch schnell mal zu viel werden. Und ganz ehrlich: Das meiste, was in Schweden für den ESC-Vorentscheid Melodifestivalen produziert wird, ist auch nicht wirklich besser als der deutsche Schlager. Ich persönlich finde, dass auch die Vermarktung von Abba inzwischen an seine Grenzen stößt. Dass Abba-Museum mag für echte Fans ja noch ganz aufregend sein. Die neue Show "Mamma Mia - The Party" aber, die gleich nebenan im Vergnügungspark Gröna Lund gegeben wird, finde ich vor allem teuer und albern, Abba goes Bauerntheater. Ich war bei der Premiere am Ende ziemlich enttäuscht. Nein, dann lieber mal wieder das gute alte "Arrival"-Album hören, sich durch Gröna Lund treiben lassen oder mit der berühmten Straßenbahn 7 weiterfahren über die Insel Djurgarden bis zum Museumsgarten bei Waldemarsudde. Das lohnt sich viel mehr.

Die Musikszene in Stockholm ist sowieso nicht so innovativ, wie man sich das vielleicht gedacht hat. In Malmö, an der schwedischen Westküste zum Beispiel, gibt es viel mehr alternative Bands und Clubs als in der reichen und teuren Hauptstadt. Stockholm ist satt, schön und manchmal eben doch etwas behäbig. Meine Stockholmer Freunde lieben die Subkultur in Hamburg oder Berlin, zuhause in Schweden sind sie doch alle sehr viel zurückhaltender.       

Die kleine Straße Stora Nygatan in der Stockholmer Altstadt Gamla Stan

Die Stockholmer Altstadt Gamla Stan lädt zu einer gemütlichen Kneipentour ein - wie hier in der Stora Nygatan.

Guten Livejazz und gutes Bier gibt es im Stampen oder im Wirströms, zwei urige Pubs in der Stora Nygatan in der Altstadt Gamla Stan. Gute Clubkonzerte, Elektronikklänge und verdammt coole Leute findet man eher auf Södermalm - im Debaser-Club am Hornstulls Strand zum Beispiel. Wer genau wissen will, was wann wo läuft, der sollte auf der Götgatan in Södermalm einfach mal die Augen offen halten. Überall findet man Plakate und Hinweise auf Konzerte, Clubs und andere Events. Es muss nicht immer Abba sein. Wirklich nicht.

Achtung, Sperrstunde!

Wenn du in der ESC-Woche nicht gerade im Globen bist - wo trifft man dich abends in der Stadt? Welche Clubs und Kneipen lohnen sich aus deiner Sicht?

Krohn: Der ideale Start in einen lauen Sommerabend gelingt mit einem Drink im Mälarpaviljongen auf der Insel Kungsholmen. Bar und Restaurant sind auf Pontons direkt ins Wasser gebaut, es ist der perfekte Platz für alle Ray-Ban-Sonnenbrillenträger. Sehr viel zentraler liegt der Biergarten des Sodra Teatern über dem Mosebacke Torg. Den weiten Blick von Södermalm über die Dächer der Altstadt, über Gröna Lund bis hinein in die Stockholmer Schären gibt es hier gratis dazu.

Nach dem Essen, nur eine Straßenecke weiter, gehe ich gerne noch auf ein Öl (Schwedisch für Bier) zu Carmen in der Tjärhovsgatan 14. Diese Bar ist allerdings eine garantiert Song Contest freie Zone. Carmen ist eine eher rustikale schwedische Eckkneipe, randvoll mit Studenten, die sich die überteuerten Preise in den hippen Läden der Stadt nicht mehr leisten können oder wollen. Bei Carmen gibt es das Bier zum fairen Preis und ohne jeden Schnickschnack. Auch das, finde ich, tut in der "Posh City" Stockholm manchmal ganz gut.

Danach empfehle ich das winzige Omnipollos Hatt in der Hökens Gata mit seinen ungewöhnlichen Biersorten und der wunderbaren Steinofenpizza oder auch das Sidetrack, eine kleine, feine Kellerbar nahe des Mariatorget. Beide Läden sind lebendiger als so mancher Designtempel der Stadt.
Wer von hier aus noch weiter will findet garantiert den passenden  Anschluss. Aber Achtung, nicht zu spät losziehen: In Schweden gibt es eine Sperrstunde.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr