Stand: 07.04.16 14:50 Uhr

Jamie-Lee: "Es ist eine Ehre, zum ESC zu fahren"

Jamie-Lee sitzt in einem Halbkreis © Michael Zargarinejad/Universal Music Foto: Michael Zargarinejad

Sie hat einen recht eigenwilligen Stil: Jamie-Lee.

Wir treffen uns in einer der oberen Etagen des Universal-Gebäudes in Berlin an der Spree. 35 Minuten Gespräch werden es - und Jamie-Lee, die gerade an ihrem ersten Album arbeitet, sitzt locker in einem der Businesssessel in diesem verglasten Raum. Der Ausblick von hier oben: hübsch. Aber kein Sinn für urbane Schönheit, die Zeit läuft. Die inzwischen 18-jährige Sängerin sitzt im Mangastyle da und wirkt entspannt. Am Ende des Talks sagt sie auf die Frage, welche drei Tiere ihre liebsten seien: "Elefant. Und Hund. Ach, ja, Löwen finde ich auch cool."

Ist der Look, den wir beim Vorentscheid in Köln bei Dir gesehen haben, Teil einer Jugendkultur - oder zeichnet dieses Aussehen vor allem Dich aus?

Jamie-Lee: Das machen eher wenige, würde ich sagen, aber es gibt eine starke Community. Ich bin jedenfalls nicht die Einzige, in Japan gibt es viele, die sich so anziehen. Es gibt diese Manga-Cosplay-Szene. Ich war auch schon bei Conventions, große Veranstaltungen, in Hannover oder Köln, speziell Manga- oder Cosplay-Conventions. Dort gibt es Verkaufsstände mit viel Merchandising, wie auch neulich in Leipzig auf der Buchmesse, wo ich auch war. Man trifft dort ganz viele Manga- und Anime-Figuren. Um Musik zu hören, um an Cosplay-Wettbewerben - also Kostümwettbewerben - teilzunehmen. Es ist natürlich eine Minderheit, aber die Community ist groß.

Wie bist Du zu dem Look gekommen?

Jamie-Lee: Ich habe mich schon als Kind für Anime interessiert und den Style in der "Bravo" entdeckt. Ich hab' mich gleich informiert, gegoogelt - und es hat es mir total gefallen. Im Internet habe ich mir dann Sachen aus Korea und Japan bestellt.

Du bezeichnest Dich und Deinen Look als normal?

Jamie-Lee: Ja klar. Okay, jeder hat einen anderen Geschmack, aber jeder kann rumlaufen wie er will. Es ist nichts Außergewöhnliches daran, etwas individueller zu sein. An meiner Schule gibt es einige, die am Cosplay teilnehmen und zu Conventions gehen. Cosplay heißt, sich eine Figur als Vorbild zu nehmen und so gut es geht wie diese auszusehen. Das kann auch eine Disney-Figur sein.

Läufst Du auch privat so rum?

Jamie-Lee: So wie man mich in Köln beim ESC-Vorentscheid kennengelernt hat, zeige ich mich nur öffentlich, also auch bei Coventions. Privat laufe ich gechillter, ein bisschen sportlicher rum. Privat trage ich eher Schwarz. Vor meinem jetzigen Stil war ich ein bisschen "Emo", mit 13 oder 14 Jahren war ich komplett schwarz angezogen, mit Nietengürtel und Piercings im Gesicht und schwarz angemalt um die Augen. Der Pony hing ins Gesicht, sodass man die Augen fast nicht mehr sehen konnte. Das wirkte rockiger, ein bisschen wilder. Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr auf Schwarz, sondern auf was Buntes.

Du bist durch "The Voice" bekannt geworden. Wie bist Du zu dem Castingformat gekommen?

Jamie-Lee: Eigentlich wollte ich mich schon 2014 bewerben, aber es kam etwas dazwischen. Ich wollte nicht gewinnen, sondern dabei sein. Und ich fragte mich: Wie komme ich in der Öffentlichkeit an? Wie weit schaffe ich es? Passe ich in so eine Castingshow?  Bin ich zu extrem oder zu langweilig? Mir ging es außerdem um das Feedback von professionellen Musikern.

Hätte Dein Fernseh-Engagement nicht auch für die Schule gefährlich werden können?

Jamie-Lee: Eigentlich nicht. Ich wusste immer, wenn ich mit der Schule aussetzen muss, würde ich die Zeit wiederholen können. Meine Eltern, Lehrer, die Schulleitung, alle haben gesagt: Du musst die Chance nutzen. Aber eines ist klar: Abitur, der Schulabschluss, muss sein.

In Deinem Leben hat sich nach dem Sieg bei "The Voice" viel geändert?

Jamie-Lee: Ja, klar, mein ganzer Alltag. Vorher war ich nach der Schule gern zu Hause und habe gechillt. Ich hab mich zwar mit Freunden getroffen, aber ich war auch gern allein. Jetzt bin ich dauernd unterwegs und mir wird total langweilig, wenn ich zu Hause bin und nichts mache. Ich brauche jetzt dieses Unterwegssein. Auf der Straße erkannt zu werden, ist schon cool. Wenn ich mich selbst in einer Zeitschrift sehe, ist das schon strange. Letztens habe ich die "Popcorn" aufgemacht und mich als Poster darin entdeckt. Das konnte ich kaum realisieren, dass ich das bin - und dass die Leute, die die Zeitschrift nun kaufen, mich sehen und das Poster im Zimmer aufhängen. Das ist strange. Und freut mich.

Wie ist es, nicht mehr nur fernzusehen, sondern auch Teil des Fernsehens zu sein?

Jamie-Lee: Total krass, eine ganz andere Welt. Ich glaube, das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Schon strange zu sehen, wie viel Aufwand hinter solch einer Castingshow steckt. Als Zuschauer bekommt man höchstens zehn Prozent vor dem Fernseher mit, das andere sieht man nicht. Interviews, Filme, Presse - unvorstellbar.

Ist man da nicht manchmal überfordert?

Jamie-Lee: Schon, hin und wieder. Plötzlich erkennen einen die Leute auf der Straße, wenn man das nicht kennt, ist es seltsam. Oder bei Interviews: Wie verhalte ich mich? Was sage ich? Das ist alles neu. Alles, was man sagt, wird auch gezeigt und man fragt sich: War das richtig? Wie kommt das an? Das war schon schwer zwischendurch. Wir haben auch mit einem Psychologen darüber geredet.

Du sagtest, du willst auf jeden Fall noch Abitur machen. Aber ist es nach "The Voice" und im Hinblick auf den ESC noch attraktiv, in Schulbücher zu gucken?

Jamie-Lee: Ich fragte mich vorhin, ob ich morgen zur Schule gehe oder Ferien sind. Bestimmte Sachen habe ich vergessen. Das ist gerade total weg. Aber ich mache auf jeden Fall mein Abi, ich weiß nur nicht wann.

Du hast Dich lange vor "The Voice" in einem Gospelchor beworben und bist angenommen worden. Welchen Gospel hast Du kennengelernt?

Jamie-Lee: Es ist kein weißer Kirchenchor, sondern schwarze Gospelmusik, sehr fröhlich. Ich bin Atheist und glaube nicht an Gott, aber es ist diese Lebensfreude. Ich bin ein sehr positiver Mensch, aber ich brauche auch ein up and down, sonst wird es langweilig. Der Gospel hat mir ab und zu geholfen. Die Leute in meinem Chor sind alle in meinem Alter, niemand wird doof angeguckt, wenn er nicht an Gott glaubt.

Stammt aus dieser Zeit Dein dunkles Timbre in der Stimme?

Jamie-Lee: Vielleicht. Vor allem habe ich dort gelernt, laut aus dem Bauch heraus zu singen. Auch im Sopran. Wenn es sein muss, keine Angst vor dem Lauten zu haben.

Wie war es schließlich beim ESC-Vorentscheid? Du wolltest ja gewinnen?

Jamie-Lee Kriewitz vor dem ESC-Logo. © NDR Foto: Rolf Klatt

Für Jamie-Lee ist es eine Ehre, Deutschland im ESC zu vertreten.

Jamie-Lee: Ja, schon. Direkt nach "The Voice" bin ich gefragt worden und habe überlegt: Will ich das wirklich? Nochmal eine Wettbewerbssituation? Es war schon anstrengend und nervenaufreibend. Aber ich habe gedacht, die Chance bekommt nicht jeder, es ist eine Ehre. In ein paar Jahren kann ich sagen: Ich habe für Deutschland beim ESC gesungen. Egal, ob gewonnen oder nicht. Außerdem hatte ich ein paar Kandidaten kennengelernt, von denen einige unsympathisch aufgetraten. Das hat dieses Konkurrenz-Feeling bei mir gesteigert, da wollte ich wirklich gewinnen.

Nun kommt das dicke Konkurrenzding, oder?

Jamie-Lee: Egal ist es mir nicht, aber ich versuche, alles auf mich zukommen zu lassen. Man kann ja nicht wissen, wer wie mit welchem Geschmack votet. Ich halte es immer so: Ich bin ich selbst. Ich gucke einfach, was passiert.

In Stockholm werden Smudo und Michi Beck, deine Beschützer aus "The Voice", auch wieder dabei sein?

Jamie-Lee: Ja. Um für mich da zu sein und mich zu unterstützen in der ganzen Aufregung.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr