Stand: 27.01.08 12:00 Uhr

Neue Länder, neue Regeln

Svante Stockselius bei der Ziehung der Startreiehenfolge des ESC 2004 in Istanbul.

ESC Executive Supervisor Svante Stockselius vermarktet den Wettbewerb auch über die Grenzen Europas hinaus.

Italien pausiert noch immer beim Eurovision Song Contest, dafür hat San Marino zum Wettbewerb zurückgefunden. Im Interview spricht Executive Supervisor Svante Stockselius mögliche weitere Teilnehmerländer, neue Regeln und seine Zukunftspläne für den Wettbewerb.

43 Länder starten 2008 beim Eurovision Song Contest. Kritiker meinen, das Teilnehmerfeld sei unübersichtlich geworden. Ist das ESC-Projekt noch ein Erfolg?

Svante Stockselius: Natürlich. Es gibt größeres Interesse denn je. Mehr noch: Überall auf der ganzen Welt gibt es Interesse, unser Format zu übernehmen. Jüngst haben wir eine Lizenz für den arabischen Raum verkaufen können.

Auffällig ist, dass ein großes und traditionsreiches Land wie Italien nach wie vor fehlt. Was unternimmt die Eurovision, um Italien wie auch Luxemburg zu einer Rückkehr zu bewegen.

Stockselius: Jedes Jahr versuchen wir die italienische RAI zu motivieren, wieder in das Event einzusteigen. Und jedes Jahr habe ich das Gefühl, dass wir dem ein wenig näher kommen. Deshalb bin ich besonders glücklich, dass San Marino erstmals dabei ist.

Die an eine arabische TV-Gesellschaft verkaufte Lizenz deutet darauf hin, dass die teilweise zur Eurovision zählenden Länder des Maghreb von Marokko bis Tunesien, des Nahen Ostens wie der arabischen Halbinsel nicht mehr ausloten, Teil des ESC zu werden - wegen Israel.

Stockselius: Nein, das müsste nicht so sein. Hinter dieser Lizenzgeschichte steckt kein politischer Hintergedanke. Zunächst wollen diese Länder es mit einem eigenen Format probieren, andererseits verschließt die Eurovision keine Tür. Wahr ist, dass der Eurovision Song Contest großes TV-Entertainment in ganz Europa und seinen Nachbarländern bedeutet. Außerhalb vom Sport gibt es keine größere TV-Show, die so verbindet. Zur gleichen Zeit schauen über 100 Millionen Menschen zu. Darauf sind wir stolz.

Italien wäre gewiss wie Deutschland, Spanien, Frankreich und Großbritannien eines der großen Länder, die ohne Qualifikation gleich für das Finale gesetzt sind. Warum wird dieses Recht der Türkei und Russland eingeräumt - ebenfalls große Länder?

Stockselius: Die Diskussion um die gesetzten Finalplätze führen wir mit unseren Mitgliedern ständig. Auf der einen Seite ist es nicht fair, dass einige Länder einen Freifahrtschein ins Finale haben, andererseits zahlen die Big Four 30 Prozent des Produktionsbudgets - und würden sie fehlen im Finale, müssten diese Kosten auf die anderen, kleineren und weniger zahlungskräftigen Länder umgelegt werden.

Was zur Frage der Popularität zurückführt: Gerade die großen Länder müssen hart um Einschaltquoten beim ESC kämpfen. Das Publikum sagt: Die großen Stars fehlen, in den 60er-Jahren war es glamouröser.

Stockselius: Das wäre natürlich mein Traum: Dass jedes ESC-Lied umgehend ein Hit wird, nicht nur in dem Land, aus dem es stammt. Ich glaube aber, dass wir auf einem guten Weg wieder sind. Mit Gewinnerliedern wie Lordis "Hard Rock Hallelujah" oder Helena Paparizous "My Number One" ist das ganz offensichtlich. Auch Acts wie Texas Lightning oder die schwedische Band The Ark sind nicht allein in ihren Ländern sehr populär geworden.

Dieses Jahr wird es viele Events schon vor dem ESC-Finale geben. Zwei Halbfinals erstmals, außerdem eine Show mit der Auslosung dieser Qualifikationsrunden, die direkt vom ESC-Fernsehen aus Belgrad übertragen wird. Wie haben Sie die Auslosung vorbereitet?

Stockselius: Die Firma, die das Televoting organisiert, Digame, hat die Wertungen seit 2004 ausgewertet. Daraufhin haben wir sechs Töpfe zusammengestellt, aus denen sich beide Halbfinals zusammensetzen.

Griechenland und Zypern beispielsweise also nicht in einem Feld?

Stockselius: Beide Länder befinden sich in einem Topf - die Chance, dass sie nicht in einem Feld miteinander konkurrieren, ist groß. So versuchen wir Nachbarschaftswertungen zu verhindern und hinter all dem steckt, dass die besten Lieder ins Finale kommen können. Es ist eine Mischung aus Bestimmung und Zufall. Und das ist für ein modernes Europa sehr gut. Jedenfalls werden so alle Gerüchte um Absprachen wesentlich verhindert.

Das alles ist ziemlich viel Aufwand für einen Song Contest.

Stockselius: Ja, das ist so. Aber denken Sie, dass 43 Länder mit großen Hoffnungen in einen solchen Event gehen. Und für jedes Land müssen wir alles tun, dass der ESC als transparent und gerecht empfunden werden kann. Das neue Europa verlangt das ganz offensichtlich: Es ist eben nicht wie früher, als die Geschichte des ESC begann.

Es kursieren verschiedene Zahlen über die Zuschauermenge, die einen ESC anschaut. Wie hoch ist sie denn wirklich?

Stockselius: Wir haben seit Jahren eine hübsch stabile Menge von 100 Millionen Zuschauern. Manchmal etwas mehr, manchmal weniger: Das hängt davon ab, welche Länder es ins Finale schaffen. Dass das Interesse wächst, merken wir aber daran, dass die Website der Eurovision stärker denn je frequentiert wird, dass außerdem das Merchandising erfolgreicher läuft. Ich würde sagen: Das Interesse - ohnehin so mächtig wie bei keinem anderen Kulturprojekt in Europa - wächst.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 24.05.2008 | 21:00 Uhr