Stand: 09.05.16 17:00 Uhr

Tagung: Der ESC und die Krise Europas

Schwedische Soldaten hissen die Flaggen der ESC Teilnehmerländer vor dem Stockholmer Schloss. © NDR Foto: Anna Mundt

Flaggenhissen in Stockholm: als würden eurovisionär-olympische Spiele eröffnet.

Karen Fricker, Literaturwissenschaftlerin aus Irland und momentan im kanadischen Toronto an der Universität als Lehrbeauftragte tätig, hatte die European Broadcasting Union (EBU) in Genf als Unterstützerin dieser Tagung gewinnen können: An der Stockholmer School of Economics, einer Edel-Universität am Sveavägen, kam für einen halben Tag eine kleine Runde von Experten zusammen, um über das Phänomen Eurovision Song Contest zu sprechen. Fricker, die die Federführung in der länderübergreifenden akademischen Begleitung des ESC übernommen hat, wählte als Überschrift: "The Eurovision Song Contest and the Changing Europe".

ESC als gesamteuropäisches Element

Jon Ola Sand, Generaldirektor des ESC bei der EBU, sprach ein Grußwort und führte aus, dass der ESC einen gesamteuropäischen Rahmen biete, über alle politischen und kulturellen Krisen hinweg. Das war dann auch der Generalton der Veranstaltung: Wie geht der ESC als größtes TV-Event in Europa - und über seine Grenzen hinaus - mit den europakritischen Bewegungen um, die sich in vielen Ländern der EU etabliert haben?

Andreas Önnerfors, Historiker an der Universität Göteborg, beschwor den destruktiven Charakter der europafeindlichen Entwicklung und erinnerte daran, dass das Motto des ESC 2013 in Malmö "We Are One" lautete. Das sei keine gute Wahl gewesen, denn vor der Vereinigung aller Länder hätten viele Menschen Angst und wollten dies nicht. Das diesjährige Motto "Come Together" sei besser gewählt: Zusammenkommen, um Verschiedenheit zu zeigen.

Unpolitisches verbindet über Grenzen hinweg

Dass die Zeiten sich geändert haben, sagte auch Olof Lavesson, Kopf des Kulturausschusses im schwedischen Parlament. Die Utopie der fast verschwundenen Grenzen sei aus dem Blick geraten: Inzwischen sei die Brücke zwischen Malmö und Kopenhagen wieder eine Grenze mit Kontrollen. Aber der ESC biete die Möglichkeit, die politischen Krisen insofern unbeantwortet zu lassen, als dessen Verantwortliche es ablehnen, ausdrücklich politisch zu sein. Gerade im offiziell Unpolitischen sei die Chance enthalten, miteinander über alle Grenzen hinweg im Gespräch zu bleiben.

Englische Texte oder Lieder in Landessprache?

Dean Vulectic, Historiker aus Österreich, sagte, was ohnehin auf der Hand liegt: Der ESC sei politisch gewesen, immer. Er würde es befürworten, dass viel mehr in den Landessprachen gesungen werde - der ESC habe sich schon einmal vielfältiger angehört: Jetzt sei alles Englisch, alles Einheitssoße. Viele Teilnehmer widersprachen: Englisch sei für die meisten Länder die Sprache, von der sie annehmen, dass sie am ehesten von allen verstanden werde. Und überhaupt: Was sei schon nationale Kultur - wo doch die Grenzen verschwimmen, die Verhältnisse sich europäisieren?

ESC als Brückenbauer in Europa

Interessant war auch das Statement von Marco Schreuder, ehemaliger Promoter von Conchita Wurst und Journalist: Conchita Wurst habe Österreich als grenzübergreifendes, brückenbauendes Land in Europa profiliert - aber jetzt, nur so kurz nach dem Wiener ESC vor einem Jahr, seien die Grenzen so gut wie dicht. Wie die Utopie namens Europa wiedergewonnen werden kann, ließen die Panelteilnehmer offen. Immerhin: Olof Lavesson erzählte von Debatten im Europarat, in dem bis auf Weißrussland alle europäischen Länder vertreten sind. Trotz aller Krisen der EU und an den Rändern Europas bleibe man dort miteinander in Verbindung, spreche miteinander, halte sich in aller Differenz aus.

Es hätte sich auch resümieren lassen: Der ESC bekommt immer stärker den Charakter einer offiziellen europäischen Veranstaltung. Am Sonntag wurden erstmals sogar am Morgen vor der Eröffnung des ESC mit dem Gang über den roten Teppich und dem Empfang im Rathaus Flaggen vor dem Euroclub gehisst. Es war, als würden eurovisionär-olympische Spiele eröffnet. Das ist in Zeiten der Krise in Europa eventuell vor allem eines: ein Zeichen der Selbstbehauptung eines TV-Projekts, das Europa verbindet, nicht trennt.

Die nächste Konferenz, wieder mit Unterstützung der EBU, findet in einem Jahr statt - das Land ist offen, denn die Tagungen sind immer im Siegesland des ESC. Wird es, so wurde spekuliert, Russland sein?

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr