Stand: 18.08.15 14:34 Uhr

Von der Heide: "Es war ein großes Abenteuer"

Michael von der Heide © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Keystone Gaetan Bally

Vertrat 2010 die Schweiz in Oslo: Michael von der Heide.

Michael von der Heide lebt in Zürich, hat in Berlin, so sagt er, noch einen Koffer stehen - und ist in der Schweiz ein Star. Er kann singen, tanzen und charmant plaudern, etwa über sein neues Album "Bellevue". Es ist sein zehnter Longplayer, eine bezaubernde Mixtur aus vielen Stilen, die aber immer ihn erkennen lassen. Den Mann, der 1999 im deutschen Vorentscheid als eidgenössischer Kandidat mitmachen durfte. Sein Land nämlich musste in Jerusalem damals pausieren. Mit dem coolen, ungewöhnlichen Titel "Bye Bye Bar" gewann er jedoch nicht.

Was hat es damals für Sie bedeutet, bei der deutschen Vorentscheidung mitzumachen?

Michael von der Heide: Urspünglich war das ja mein Kindertraum! Als ich 1980 Paola mit "Cinéma" auf der großen Grand-Prix-Eurovision-de-la-Chanson-Bühne sah, war ich hin und weg und sagte zu meinen Eltern: "Da will ich auch mal hin." Als 1999 dann die Anfrage ins Haus flatterte, zierte ich mich erst ein wenig. In jener Zeit empfand ich den ESC als nicht mehr spannend. Er hatte in unseren Breitengraden keinen wirklich guten Ruf. Außerdem feierte ich in der Schweiz meine ersten größeren Erfolge und hatte etwas Angst, dass das Schweizer Publikum meine Teilnahme nicht goutieren würde - was dann aber überhaupt nicht der Fall war, denn ich hatte ja auch dieses hübsche ironische Lied "Bye Bye Bar" im Gepäck.

Und war dieses Gepäck eine Last?

Von der Heide: Nein, denn es war mit diesem Lied eine tolle, aufregende Zeit. Meine Chorsängerinnen und ich hatten viel Spaß. Erst kürzlich meinte eine der beiden, es wäre eine der unbeschwertesten Wochen in ihrem Leben gewesen.

Und wie war es, 2010 für die Schweiz beim Contest in Oslo dabei zu sein?

Von der Heide: Das fühlte sich dann noch einmal ganz anders an, so richtig dabei zu sein. Ein großes Abenteuer, das war es. Diese vielen Eurovisions-Fans vor Ort. Es gab viele tolle Begegnungen. Ich hab mich mit Hera Björk, der Teilnehmerin aus Island, angefreundet. Und mit einigen der israelischen Delegation stehe ich bis heute in Kontakt. Ich trat entweder im Vorfeld oder auch nachher in Ländern auf, die ich nur aus dem Geographieunterricht kannte. Es war eine Riesensache.

Und war es enttäuschend, mit "Il Pleut De L'or" (Es regnet Gold) nicht ins Finale zu kommen?

Von der Heide: Auf jeden Fall. Die Schweiz kam zwar auch die Jahre davor mit DJ Bobo, den Lovebugs, oder auch mit Paolo Meneguzzi nicht in die Kränze, und man konnte sich ein bisschen vorbereiten. Ich hatte dieses Szenario also für mich schon durchgespielt. Aber wenn man mitmacht, denkt bestimmt jeder: Alles ist möglich. Und so sollte es ja eigentlich auch sein.

Viele ESC-Teilnehmer, die von der Platzierung her nicht so erfolgreich waren, haben ihre Karrierewünsche knicken müssen. Sie nicht, im Gegenteil. Was haben Sie anders gemacht als so viele, dass Sie jetzt noch im Gespräch sind?

Michael von der Heide

Mit der ESC-Teilnahme ging ein großer Traum in Erfüllung - auch wenn es nicht fürs Finale reichte.

Von der Heide: Das kann ich eigentlich nicht wirklich beantworten. Ich bin schon fast 20 Jahre in diesem Beruf. Vielleicht halten mich meine vielseitigen Interessen flexibel. Ich mache meine Alben und Tourneen mit meiner Band, singe auch in  verschiedenen Theaterproduktionen wie zum Beispiel von Christoph Marthaler auf den Bühnen dieser Welt. Zum Beispiel im April in der Inszenierung "King Size" im Royal Opera House in London.

"Bellevue" ist Ihr zehntes Album. Was macht es für Sie kostbar?

Von der Heide: Bellevue heißt ja "Schöne Aussicht" - so heißt auch ein Flecklein im Bergdorf Amden, in dem ich aufgewachsen bin. Bellevue heißt auch eines der elegantesten Hotels der Schweiz oder das Schloss Bellevue in Berlin - das sind alles schöne Orte. Der Titel steht aber vor allem für das unbeschwerte In-die-Zukunft-Schauen, für die Hoffnung. Obwohl, das gebe ich zu, das in der Europa- und Weltlage schwierig ist, wie schon lange nicht mehr.

Privat gefragt, als Kind schweizerisch-deutscher Eltern:  Was mögen Sie an der Schweiz, was schätzen Sie an Deutschland?

Von der Heide: Ich empfand die deutsche Verwandtschaft meines Vaters immer ein bisschen herzlicher und aufgeschlossener. Tante Hanni machte unglaublich tolle Sahnetorten. Bei der Schweizer Verwandtschaft gab es Früchtekuchen ohne Wenn und Aber. An der Schweiz gefallen mir die Viersprachigkeit, die Überschaubarkeit und die Diversität des Landes. Und an Deutschland liebe ich die Größe, Annette und Inga Humpe, Nina Hagen, Udo Lindenberg und die Ostsee.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Von der Heide: Erst mal gehe ich  in der Schweiz mit meinem Album und meiner Band auf Tour. Parallel arbeite ich an zwei weiteren Projekten und ab November bin ich dann wieder mit Christoph Marthalers "King Size" und meiner wunderbaren norwegischen Duettpartnerin Tora Augestad unterwegs. Strassburg, Marseille, Jerusalem, Minsk.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 29.05.2010 | 21:00 Uhr