Stand: 06.11.15 09:00 Uhr

Fangeschichte: Ein Königreich für einen Fernseher

Alain Fontan ist Franzose, hat aber lange Zeit als Fremdsprachenkorrespondent in Deutschland gearbeitet. Der 63-jährige ESC-Fan ist heute Rentner und lebt in Paris. Er erinnert sich noch gut daran, wie Frankreich dem Wettbewerb zweimal fernblieb. Beim zweiten Mal konnte er die französischen TV-Verantwortlichen allerdings austricksen. Für die Reihe "Mein Grand Prix" verriet der glühende Fan, wie ihn das ESC-Virus schon seit seiner Kindheit fest im Griff hat.

ESC-Fan Alain Fontan aus Paris © Alain Fontan

Seit er ein kleiner Junge war, liebt der Franzose den Grand Prix: Alain Fontan aus Paris.

Ich bin ESC-Fan seit 1965. Ich erinnere mich, wie ich meine Oma bekniete, die Sendung sehen zu dürfen, weil ich eigentlich um halb neun ins Bett musste und der ESC damals erst um 22 Uhr begann. Der Contest war nämlich die einzige Unterhaltungssendung in Frankreich, bei der man deutschsprachige Musik hören konnte. 1963 hatte ich am Gymnasium Deutsch als erste Fremdsprache gewählt und beim ESC konnte man mindestens einen, manchmal sogar zwei oder drei Titel auf Deutsch hören. Ich fand das total spannend und 1966 gewann dann auch noch Udo Jürgens, der Superstar des deutschen Schlagers. Ich konnte gar nicht anders, als mich in den Wettbewerb zu verlieben.

Staatstrauer geht vor Song Contest

Im März 1974 war ich nach einem zweijährigen Aufenthalt in Deutschland ganz frisch nach Paris gezogen. Ursprünglich komme ich aus Tarbes im Südosten Frankreichs. Meine Oma hatte mir damals 1.000 Francs geschenkt, damit ich mir ein Fernsehgerät kaufen konnte, um den ESC am 6. April zu sehen. Ich hatte mir also gerade einen neuen Fernseher zugelegt, als am 2. April die Nachricht vom Tod des französischen Präsidenten Georges Pompidou das Land erschütterte. Für den darauffolgenden Samstag wurde Staatstrauer angeordnet, und so war es für unsere französische Vertreterin Dani unmöglich, mit dem Titel "La vie à 25 ans" am Wettbewerb in Brighton teilzunehmen.

Wie auch immer, in Frankreich konnte man den Sieg von "Waterloo" nicht live mitverfolgen und auch ich erfuhr erst knapp eine Woche später, wer gewonnen hatte. Ich muss immer lachen, wenn die Leute bei Rückblicksendungen erzählen, dass sie sich noch genau an den Sieg von Abba erinnern. Ich frage mich dann, wie sie das wohl gemacht haben, denn der Wettbewerb wurde zwar in der darauffolgenden Woche im französischen Fernsehen ausgestrahlt, aber so spät in der Nacht, dass außer den eingefleischten Fans wohl kaum jemand zugeschaut hat - wo wir doch noch nicht einmal einen eigenen Beitrag im Rennen hatten.

ESC-Asyl in Münchener Hotelzimmer

1982 sollte mir dann erneut das Schicksal blühen, dass der ESC in Frankreich nicht ausgestrahlt wird. TF1, der erste französische Fernsehsender, war damals noch staatlich. Nachdem die Sozialisten unter François Mitterrand an die Macht gekommen waren, entschied man sich, nicht an dieser kapitalistisch-bürgerlichen Veranstaltung teilzunehmen. Ich war mittlerweile 30 Jahre alt und auch nicht mehr so knapp bei Kasse und beschloss, den Wettbewerb anderswo zu schauen - in Deutschland. Ich unternahm also einen Kurztrip nach München und bei der Reservierung des Hotelzimmers achtete ich darauf, dass auf jeden Fall ein Fernseher vorhanden ist, denn das war damals noch kein Standard und kostete einen Aufpreis.

Fan Alain Fontan mit Gleichgesinnten beim ESC in Istanbul. © Alain Fontan

Weite Reisen sind für echte ESC-Fans kein Hindernis: Alain Fontan (rechts) 2004 mit Gleichgesinnten in Istanbul.

Ich hatte zwar Freunde in Deutschland, die ich hätte fragen können, aber es ist ein bisschen unhöflich, sich zum Fernsehen einzuladen und den Gastgebern dann zu sagen, sie sollen doch bitte für die Dauer der Übertragung den Mund halten. Ich kann es nämlich nicht ausstehen, wenn die Leute beim ESC dauernd quasseln. So habe ich den Eurovision Song Contest 1982 ganz allein in einem Münchener Hotelzimmer gesehen. Und dann gewann auch noch Nicole. Ich schaute anschließend aus dem Fenster auf die Straße, aber ich konnte keine jubelnden Menschenmengen ausmachen.

Satelliten-Empfang ist Trumpf

1997 war ich dann das erste Mal live beim ESC dabei. Ich finde das auch schön, aber es ist etwas ganz anderes. Und im vergangenen Jahr in Wien, wo der Wettbewerb so ewig lange gedauert hat, war ich ganz froh, dass ich die Sendung zu Hause sehen konnte und nicht stundenlang im Saal stehen musste. Mittlerweile habe ich eine Satellitenschüssel auf dem Dach und empfange 60 oder 70 Sender aus aller Welt, darunter auch einige deutsche. Dass ich den Eurovision Song Contest in Frankreich nicht sehen kann, dürfte mir also nicht noch einmal passieren.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 20.03.1965 | 20:15 Uhr