Stand: 11.03.19 11:50 Uhr

Hatari aus Island rühren ihre Werbetrommel

Nun sind auch die letzten Lieder des diesjährigen Eurovision Song Contest in Tel Aviv bekannt - 41 Acts treten insgesamt an. Fans können alle Beiträge auseinanderhalten, für 98 Prozent des Publikums gilt das eher nicht. Die meisten hören die Lieder erst an den Show-Abenden. Wer also etwas auf sich hält, muss Werbung machen. Solche, die aufregt, ein bisschen nach Skandal riecht und in den Social-Media-Kanälen viral geht. Mit anderen Worten: Reklame, die den eigenen Namen aus der Masse hervorhebt. So haben dies Dana International und Guildo Horn einst sehr erfolgreich gemacht. Die Marketingleute der Israelin kamen mit dem Hinweis auf die Transidentität der Diva, das Team des Deutschen mit dem medial gestreuten Tipp, er sei anders als alle anderen Deutschen - bunt, schrill und komisch.

Projekt "Kapitalismus abschaffen"? Gescheitert!

Der Sänger von Hatari bekommt eine Trophäe überreicht. © RUV/Hatari

Hatari haben Anfang März den isländischen Vorentscheid "Söngvakeppnin" gewonnen.

Die Methode der Erregung funktioniert immer wieder. Hatari sind von den isländischen Zuschauern mit der Fahrkarte nach Tel Aviv ausgerüstet worden, aber das reicht nicht, um bekannter als alle anderen zu sein. Wer interessiert sich beispielsweise in Italien schon für Hatari, eine lärmende Band, die sich Ende vorigen Jahres beinahe aufgelöst hätte, weil sich ihr Ziel, den, wie sie selbst sagten, "Kapitalismus abzuschaffen", trotz mehrfacher Appelle und Mahnungen partout nicht erfüllte. Waren sie auf ewig weg vom Fenster? Nein, das isländische Fernsehen bat sie, am ESC-Vorentscheid teilzunehmen. Und das taten sie - und gewannen mit "Hatrið mun sigra", zu Deutsch: "Hass wird siegen". Klemens Hannigan, Matthías Haraldsson und Einar Stefánsson machten ihren Job gut, sie traten mit eher in sexuellen Undergroundszenen geläufigen Klamotten auf, doch wen hätte das in Hinblick auf Popularität beim ESC in Tel Aviv gekümmert? Damit lockt man nun wirklich niemanden mehr hinterm Ofen hervor - bereit, sich zu empören und "Skandal" zu rufen.

Hatari provozieren ESC-Gastgeberland Israel

So kamen Hatari offenbar auf die Idee, einen mächtigen Sturm im Wasserglas auszulösen, eine Provokation, die mutmaßlich im Laufe der nächsten sieben Wochen wirken wird: Kritik grundsätzlicher Art an Israel, am Gastgeberland des ESC. Die Webseite Wiwibloggs, international einflussreich, schreibt nur Gutes über die Band: Sozialkritik komme von ihnen, gehüllt in Leder und Ketten. Aber das wäre noch nicht ein Aufreger an sich, eher schon, was in "Times of Israel" zu lesen ist: Hatari würden beim ESC antiisraelische Proteste planen, auf der Bühne jedoch keine palästinensische Flagge entrollen wollen. Das isländische Fernsehen wird sie schon bändigen, um kein Risiko einzugehen, aus dem Wettbewerb geworfen zu werden.

Auf einen Ringkampf mit Netanjahu

Die isländische Band Hatari © RUV

Sorgen nicht nur optisch für Aufmerksamkeit, sondern auch politisch: Klemens Hannigan, Matthías Haraldsson und Einar Stefánsson.

Neulich aber erklärten Hatari, in Tel Aviv sich für die palästinensische Sache beim ESC einzusetzen, wie es die Zeitung "Stundin" berichtet. Dort steht auch, dass sie Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zu einem Wettkampf einluden, einer Art Wrestling auf Isländisch. Gewänne Netanjahu, bekomme er die Vestmannaeyjar, eine Inselgruppe vor Island, geschenkt. Bei einem Sieg Hataris dürfen diese in Israel die erste BDSM-Kolonie begründen. BDSM, das ist, soviel muss erläutert werden, eine Buchstabenfolge, die bestimmte sadomasochistischen Praxen umschreibt. Kurzum: Das ist schrill, bunt, nur unernst zu nehmen - also Werbegeklingel.

In den Wetten liegen sie weiter oben

So geht also modernes Marketing, um Tausende über die eigene Fanbase hinaus zu mobilisieren: Indem man die politischen Klischees über Israel bedient - und das Land dämonisiert. Klar, die Nichtstaatlichkeit der palästinensischen Teile in der Westbank und im Gazastreifen ist für die Zukunft von deren Bewohnern nicht gut. Aber, Hatari verteufeln wie so viele kapitalismuskritische Zeitgenossen dieses Land, indem sie es zum wichtigsten Punkt auf ihrer politischen Agenda erklären. Als Werbetrick ist das politisch in jeder Hinsicht schwierig, als Idee, sich bekannter zu machen, nicht schlecht. In den Wettbüros liegen sie derzeit auf Platz sieben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.03.2019 | 19:05 Uhr