Stand: 14.02.19 13:53 Uhr

Politische Nachwehen um Italiens Kandidat Mahmood

Mahmood, Italiens ESC-Teilnehmer 2019 © picture alliance / Pacific Press Foto: Pamela Rovaris

Der Mailänder Mahmood wird in Tel Aviv mit dem Titel "Soldi" für Italien antreten.

Der 26-jährige Italiener Mahmood, ein Softrapper, hat das Festival von Sanremo am Wochenende gewonnen - und das beschäftigt die italienische Öffentlichkeit heftig, aus politischen Gründen. Er erntete eher verhaltenen Applaus für seinen Sieg mit dem Titel "Soldi" (auf Deutsch: "Geld"). Italiens Innenminister Matteo Salvini, Parteichef der rechtspopulistischen Lega Nord, twitterte gehässig, hier sinngemäß ins Deutsche übersetzt: "Mahmood, na ja, das schönste italienische Lied? Ich habe Ultimo gewählt, was denkt Ihr?"

Unerwünscht - das scheinbar Ausländische

Dass dem wegen seiner Flüchtlingsfeindlichkeit berühmt gewordenen Minister der zweitplatzierte Ultimo besser gefällt, ist nicht verwunderlich: Er lieferte eine astreine, modern instrumentierte italienische Schnulze ab. Mahmood hingegen missfällt nicht nur Herrn Salvini, sondern vielen Italienern und Italienerinnen, weil sein Lied weniger italienischen Schmelz verströmt - und weil der Künstler zwar in Mailand geboren wurde, aber das Kind eines Ägypters und einer Italienerin aus Sardinien ist. Mahmood signalisiert mit seinem Vornamen genau das, was Salvini und andere in Italien nicht wollen: Menschen mit arabischem oder afrikanischem Lebenshintergrund.

Mahmood nach seinem Sieg beim Sanremo-Festival © RAI

Italiens Kandidat Mahmood konnte die Jury überzeugen - das Publikum favorisierte einen anderen Kandidaten.

Das kaum mehr nur dezente Lästern des Innenministers zeigt, dass ein ESC mehr ist als ein künstlerisch anspruchsvolles Musikfestival: Immer schon steckte jede Menge politischer Zündstoff in dieser Show. In Mahmoods Fall wird über ein Eurovisionslied politisch-kulturell verhandelt, wer zur Nation gehört. Und Mahmood, der von Ferne an den jungen Eros Ramazotti erinnert und dessen Lied für Tel Aviv nach meinem Geschmack das beste italienische ESC-Lied seit ewigen Zeiten ist, soll wohl nicht dazugehören. Der Künstler indes scheint kein Weichei zu sein. Er ist nicht so schnell einzuschüchtern: Auf der Siegespressekonferenz teilte er so kühl wie selbstbewusst mit, er sei Italiener, sonst nix. Gut so!

ESC löst viele politische Debatten aus

Politische Debatten um das Symbol "Eurovisions-Repräsentant" haben sich allerdings nicht nur in Italien entzündet. Nebenbei: Debatten um nationale Zugehörigkeiten hat es in der Eurovisions-Geschichte schon immer gegeben. In den 60er-Jahren wurde der Hessische Rundfunk als ESC-Sender der ARD zugedeckt mit Publikumsbriefen von Zuschauern, die sich darüber beschwerten, dass immer nur "Ausländer" Deutschland beim ESC vertreten - Nora Nova etwa, Wencke Myhre oder Siw Malmkvist. Italiens Debatte oder die in Frankreich sind also keine Überraschungen oder Sonderfälle.

Protest erntete im Übrigen auch der Franzose Bilal Hassani mit seinem Lied "Roi", das er sich selbst als schwulem Mann widmet: In den Netzforen drosch man auf ihn ein, vor allem seitens homophober Kommentatoren und Kommentatorinnen. Bilal Hassani wehrt sich - ebenso wie Mahmood in Italien - nach Kräften gegen Hass und Missgunst. Das Giftige gilt ja nicht nur ihm persönlich, sondern allen, die nicht das Frankreich der früheren Zeiten repräsentieren und Neues kreieren.

Bilal Hassani wird Diss nützen

Der Unterschied zwischen Hassani und Mahmood ist allein, dass der Franzose mit breiter Brust sagen kann, dass er die Vorentscheidung seines Landes mit einem deutlichen Sieg beim Televoting gewann. Mahmood indes landete beim Publikum auf dem dritten Rang - vorne lag mit knapp der Hälfte der Stimmen besagter Ultimo. Ihm wird der Hype nützen - er hat das Publilkum hinter sich. Der Mailänder hingegen hatte nur die Experten eindeutig auf seiner Seite - und am Ende knapp die Nase vorn.

Mit anderen Worten: Mahmood hat dem Publikum mit "Soldi" ein Lied serviert, das von der Armut von Familien handelt, nicht nur der von Migranten. Er hat ein textlich nahbares, musikalisch außerdem ungewöhnliches Lied auf die Bühne gebracht. Angesichts der politischen Atmosphäre in Italien war das kaum mehrheitsfähig.

Er ist jetzt nach Stand der Dinge Italiens Kandidat für Tel Aviv, wenn auch mit dem Malus des durch die Televoter nicht gefeierten Siegers von Sanremo. Er wird trotzdem gut abschneiden, gewiss bei den Jurys, die aller Erfahrung nach Performances schätzen, die sich ein wenig vom hymnischen Allerlei der anderen ESC-Lieder abheben. Aber auch dem Publikum - zumindest in den meisten eurovisionären Ländern - wird sein Charme und sein Lied gefallen. Italien tut sich keinen Gefallen, ihn, einen jungen Mann aus Mailand, der es aus schwierigen Verhältnissen in den Vordergrund der Popwelt geschafft hat, nicht ins Herz zu schließen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 23.02.2019 | 19:05 Uhr