Stand: 12.01.16 12:00 Uhr

ESC-Vorentscheid: Ein weites Feld

Alex Diehl und Ella Endlich. (Bildmontage) © Universal Music GmbH Foto: ScreenHunter, Oliver Zwack Electrola  a division of Universal Music GmbH

Alex Diehl und Ella Endlich wollen für Deutschland zum ESC nach Stockholm.

Nein, ich werde mich nicht vorab festlegen, ich werde noch keinen als meinen Favoriten ausrufen. Zunächst betrachte ich die Liste der zehn Acts für den deutschen Vorentscheid am 25. Februar in Köln - und bin zufrieden. Das Rennen scheint mir ganz und gar offen. Viele unterschiedliche Stile sind präsent. Das entspricht den Wünschen sehr vieler ESC-Fans, die sich ein Potpourri aus allen möglichen der gängigen Stile wünschten. Das ist fein, das ist gerecht, und das verspricht in gewisser Hinsicht Spannung.

Laura Pinskis große Chance

Ein Detail sticht hervor - und das ist der Umstand, dass die Sängerin Laura Pinski ein Lied des Münchner Komponisten Ralph Siegel interpretieren wird. TV-Zuschauer mögen die stimmmächtige Chanteuse aus ihrem Castingshow-Einsatz kennen, aber Ralph Siegel ist, wie auch immer sie die Töne zu halten vermag, ihr größter Trumpf. Dieser Mann hat die meisten ESC-Tickets aus Deutschland gewonnen, er weiß, wie es geht, international Gehör zu finden.

Ralph Siegel macht damit das erste Mal seit 2005 bei einem deutschen Vorentscheid mit. Damals erreichte das Duo Nicole Süßmilch und Marco Matias mit "A Miracle Of Love" den zweiten Platz hinter Gracia - die später in Kiew Schlusslicht war. Dass Ralph Siegel nun wieder im Rennen um den deutschen ESC-Beitrag mitmischt, mag man ästhetisch bewerten, wie man will. Es ist jedenfalls auch ein Zeichen, dass der Mann, der mindestens bis in die mittleren Achtziger echte Hits, nicht nur solche für den ESC, zu schreiben vermochte, wieder im Spiel ist.

Siegel hat in den vergangenen Jahren seine eurovisionäre Leidenschaft mit Hilfe San Marinos ausgelebt, einmal schaffte er es mit Valentina Monetta ins Finale, sonst schnitten seine Beiträge nicht so gut ab oder blieben im Halbfinale hängen. Mit Laura Pinski hat er eine Interpretin in Betreuung, die dringend eine Fortsetzung ihrer "Supertalent"-Karriere braucht.

"Under The Sun We Are One"

Es gab Jahre - 2002 mit Corinna May und 2003 mit Lou - in denen Siegel-Beiträge gewannen, weil sie sich in ihrer geschmacklichen Gefälligkeit am stärksten abhoben von modernen Popsongs. Die Kompositionen des Münchners waren in gewisser Hinsicht der stärkste Kompromiss für alle, die mit Liedern, die sonst nur auf Jugendkanälen laufen, nicht sehr sympathisieren. Insofern: Laura Pinski hat also ihre Chance. Ihr Song heißt "Under The Sun We Are One" - "Unter der Sonne sind wir eins". Warten wir mal ab, ob diese zeitlose Zeile gute Gefühle beim Publikum weckt.

Alex Diehl - ein Favorit?

Der Musiker Alex Diehl mit seiner Gitarre auf einer Bühne. © dpa Foto: Britta Pedersen

Sänger Alex Diehl: Sein Video mit dem Song "Nur ein Lied" wurde millionenfach im Netz angesehen.

Die Konkurrenz für Frau Pinski ist aber ohnehin fett. Ella Endlich und Jamie-Lee Kriewitz, Joco oder Woods of Birnam: schön und gut. Der Hammer ist natürlich der Mann, der nach den Pariser Terroranschlägen mit dem Friedenssong "Nur ein Lied" über die sozialen Netzwerke bekannt wurde. Der Interpret Alex Diehl entspricht nicht den gängigen Schönheitsidealen von Modemagazinen - und dieser Umstand, der ihn auszeichnet, wie auch die starke Anhängerzahl über Youtube für "Nur ein Lied" machen ihn zum Favoriten für die Show im Februar. Es ist kein Beitrag, der auf Tanz und Tänzer setzt, sondern auf die Personality des Künstlers. Das Publikum könnte also, ein Jahr nach Andreas Kümmert, einen Mann zum Stockholm-Fahrer küren, der sehr, sehr anders als die anderen wahrgenommen wird: Wie einer, der in der Fußgängerzone zur Gitarre singt, vor sich den Gitarrenkoffer, in den eine berührte Zuhörerschar freundlich kleine Münzen wirft.

Der Hype kann beginnen

Gut möglich, dass in den einschlägigen ESC-Foren nun viel kritisiert wird. Man möchte dazu sagen: Gemeckert wird immer. Zu allem. Unterschiedslos. Ich erinnere an das Jahr 2010, ehe das Lena-Märchen begann. Auch die von Stefan Raab so geförderte Sängerin hatte nicht nur Freunde, sondern wurde wegen ihrer Gesten und ihrer Aussprache des Englischen oft schroff kritisiert. Damit will ich sagen: Es ist eine gute Auswahl. Und: Der Hype um das Lied für Stockholm kann ab sofort mit zehn Acts als Diskussionsgrundlage beginnen. Gut so!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr