Stand: 21.05.13 12:34 Uhr

Emmelie, Anouk, Cascada – und die Resonanzen

Emmelie de Forest beim ESC in Malmö © www.prinz-esc.de

Emmelie galt im Vorfeld des Finales als heißer Favorit. Dass sie tatsächlich gewann, konnte sie trotzdem kaum fassen.

Man darf die Frage der Zeitung “Berlingske Tidende” im Hinblick auf das Schicksal der ESC-Siegerin Emmelie de Forest für typisch nehmen: “Ein Stern für einen Abend – oder zwei?”. Natürlich, man jubelt in Dänemark – aber, wie die deutsche Nachrichtenillustrierte Focus korrekt berichtet: Der dänische Sender Danmarks Radio, der auch einen schönen Bericht von der Party im Vergnügungspark Tivoli gebracht hat, weiß noch nicht, wie er den nächsten ESC ausrichten will. Viel Geld hat die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt vor 12 Jahren nicht verloren, als man den Grand Prix in Kopenhagen im Stadion Parken ausrichtete. Aber durch einen viel zu groß geratenen Senderneubau im prestigeverheißenden Neubauviertel zwischen Innenstadt und Flughafengelände Kastrup war man einige Jahre klamm. Fakt scheint mir: Der überbordende Beifall fiel für Emmelie de Forest einige Dezibel leiser aus – anders als bei den Olsen Brothers, die 2000, als sie auf Kopenhagens Rathausbalkon standen, von Zehntausenden so freundlich angekrischen und angehimmelt wurden wie 1992 die Fußball-Nationalmannschaft nach dem EM-Final-Sieg gegen Deutschland.

Emmelie – das ist auf jeden Fall die Königin dieser Nacht. Fans, die den letzten Zug nach Dänemark von der Malmö-Bahnstation Hyllie nicht erreichten, grölten absolut quietschvergnügt auf dem Bahnsteig und riefen “Sejren er vor” – also: “Der Sieg ist unser”. Man stelle sich vor, wie die deutsche Bildungspresse über diese Fans hergefallen wären (und hätte sie des verhüllten Nazitums bezichtigt), wenn sie diese Parole vor sich hingescheppert hätten.  Aber die öffentlich vorgetragene Freudenbekundung in Deutschland ist eine schwierige Sache . Geht wohl nur, wenn ein Verein gewinnt, und das wird nächstes Wochenende garantiert der Fall sein, denn Bayern oder BVB, das ist die Frage. Eigentlich: die einzige Frage, die das deutsche Kollektivgemüt einige Tage lang beschäftigen wird.

Aber dazu gleich mehr, zunächst ein Blick in die Schweiz. In der Boulevardzeitung Blick teilten sich die voriges Jahr gestrauchelten Jungs von Sinplus mit: “Nächstes Jahr müssen Jüngere mit Talent ran!” Ja, das mit der “Heilsarmee” war nix – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil das Lied “You & Me” auf so groteske Art Biedersinn verströmte. Nein, das ging nicht. Aber müssen die Heilsarmisten nun sehr leiden unter öffentlicher Schmäh? Glaube ich nicht. Bei den Eidgenossen zählte schon Sonntag die Eishockey-WM mehr. Man wurde dort Zweiter, was ziemlich sensationell war. In Schweden reagierte die Presse ähnlich: ESC ist okay, doch Männersport wie Eishockey ist als Volkskultur noch stärker.

Um es mal etwas boulevardesk auszudrücken: Ea wäre kein Wunder, wenn in den Niederlanden in den nächsten Monaten sehr viele neugeborene Mädchen Anouk genannt würden. Fast sechs Millionen Zuschauer guckten bei unseren nordwestlichen Nachbarn den ESC, schreibt die Amsterdamer Tageszeitung Volkskrant – und das ist eine Menge, die in Deutschland einer Zahl von etwa 31 Millionen Menschen entspräche, die dem ESC zuschaute. Das hat, bei aller Liebe zu Lena Meyer-Landrut, deren Auftritt als Punktefee 2013 im Netz ein Riesenthema ist, selbst die ESC-Siegerin von 2010 in Oslo nicht geschafft.

Hierzulande ist es erwartbar geworden: Jens Maier schreibt auf stern.de über Cascada. Es ist die Zeit der üblen Nachrede, der Grand-Prix-Miesmachung und so weiter und so fort. In der Zeitung Die Welt wird ein “Rückfall in alte Zeiten” konstatiert – und dass die 18 Punkte für Cascada kein Ausdruck einer antideutschen Stimmung gewesen seien: “Sollte die Analyse der Musik ehrlich verlaufen, dürfte es wohl auf ein Ergebnis rauslaufen: In Malmö ist schlicht das wahr geworden, was viele Fans nach dem Vorentscheid vom Februar befürchtet hatten.” Im Sinne des Autors heißt das wohl: LaBrass Banda hätten es sein sollen – aber die seien ja von der Jury übersehen worden. Nun gut, man könnte mit Peer Steinbrück sagen: HätteHätteFahrradkette … Als Spruch für jedwede Debatte um ein “Was wäre wenn?”

Auch was auf gmx.de stand, zusammengetragen aus Material von Nachrichtenagenturen, ist nur ein Ausschnitt: Blogger gibt es viele, auch griechische, und manche pöbeln, andere nicht. Die Lautstärksten werden meist am Ehesten wahrgenommen, that’s it. In der Frankfurter Rundschau behauptet der Autor, die Big-Five-Regel habe sich nicht bewährt. Und an solchen Thesen merkt man immer wieder: Es wird viel Nonsens geredet, auch in Zeitungen, die eher siechen als leben. Denn: Ohne diese Regel hätte der ESC allein deshalb keine Chance, weil im Falle des Ausscheidens dieser (fiinazstarken) Länder in den Semis deren jeweiliges Publikum nicht mehr final zugucken würde. Und das wiederum führte irgendwann zum Verzicht auf die Show überhaupt – na, das ist vielleicht etwas zu weit vorausgedacht für Journalisten, die in einem ESC nichts als lustiges Dies & Das erkennen.

Die Frage wird uns ja weiterbeschäftigen, Kollege Stefan Kuzmany von Spiegel Online deutet es an: Ob man Cascadas 18 Punkte dem Politischen zuschreibt, ob man den Dance-Act im ESC-Kontext für ästhetisch riskant hält, eines ist wahr. Nämlich, dass alle Sieger der vergangenen Jahre nach den Finnen von Lordi, die 2006 gewannen, Anfang bis Mitte 20 Jahre jung waren. Und insofern  überwiegend die Aura von Nichtroutine und Unschuld verbreiten konnten, obwohl sie alle professionell agierten, was sonst. Das ist ein wichtiger Fingerzeig für die kommenden Jahre. Mehr nicht. ESC heißt: Ausnahmen bestätigten alle Regeln.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 18.05.2013 | 21:00 Uhr