Stand: 14.08.14 16:14 Uhr

Gibt es Alternativen zum ESC?

Das Publikum schwenkt vor der großen Bühne Fahnen. © NDR/Rolf Klatt Foto: Rolf Klatt

37 Länder haben 2014 am ESC teilgenommen - sechs weniger als im Vorjahr. In Wien werden es aber wahrscheinlich wieder mehr.

Der vergangene Eurovision Song Contest hätte sich als einer der Krise charakterisieren können: 37 Länder nur nahmen in Kopenhagen teil, das waren sechs weniger als etwa vor gut drei Jahren in Düsseldorf. Nicht nur, dass die Türkei wieder fehlte, auch das halbe Ex-Jugoslawien hatte sich nicht auf den Weg nach Dänemark gemacht: Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina. In der Tat sind viele Sender von Finanzproblemen geplagt - und das Projekt ESC war eines der ersten, das unter diesen zu leiden hatte, etwa in Kroatien oder in Bosnien und Herzegowina. Viel Aufwand, um dann doch wieder nicht im Finale vertreten zu sein - das hatte sich nicht gut rechtfertigen lassen vor den Budgetprüfern in Zagreb und Sarajevo.

Andererseits waren andere Länder wieder dabei: Polen und Portugal. Inzwischen kann man davon ausgehen, dass es im kommenden Jahr in Wien wieder mehr werden, die an der populärsten TV-Show Europas teilnehmen werden: Zypern und Kroatien haben ihr Mitmachen angekündigt beziehungsweise für hochwahrscheinlich erklärt. Dennoch scheint es Mühen zu geben, Alternativen zum ESC zu kreieren. Ein Artikel aus der "Berliner Zeitung" erzählt vom russischen Projekt namens "The Voice of Eurasia".

Shows kommen nicht ans Original heran

Zur näheren Erläuterung muss angefügt werden, dass in Russland der ESC keineswegs unpopulär ist, vielmehr nationalistische (und das heißt auch: homophobe) Kreise dem Sieg von Conchita Wurst keineswegs applaudierten, sondern ihn verabscheuten. Andererseits bekam die "Rise Like A Phoenix"-Königin auch aus osteuropäischen Ländern wie Russland beim Televoting tüchtig Zustimmung. Will sagen: Das "The Voice of Eurasia"-Ding mag dort über die Bühne gehen wie auch im türkischen Kontext die zweite Auflage des turkoiden Festivals namens "Türkvizyon", letztlich aber kommen all diese Shows nicht an das Original heran (auch wenn das Vorbild des ESC das italienische Festival von San Remo in den frühen 50ern war). Letztlich geht es um Aufmerksamkeit beim Eurovision Song Contest - so wie jede Filmtrophäe jenseits des Oscars irgendwie immer kleiner ausfallen muss.

Der italienische Sänger Marco Mengoni siegt beim italienischen Festival San Remo 2013 © RAI

Marco Mengoni siegte 2013 in San Remo und durfte in Malmö antreten. Ein Jahr später nominierte Italien Emma Marrone direkt.

Und das war schon immer so. Das San-Remo-Festival ist letztlich immer eine inneritalienische Angelegenheit geblieben, trotz internationaler Gäste. Auch das in Belgien beheimatete Festival von Knokke, das von 1959 bis 1973 durchaus als Konkurrenz zum Grand Prix Eurovision de la Chanson verstanden wurde und bei dem deutscherseits auch Männer wie Reinhard Mey, Udo Jürgens und Roy Black mit von der Partie waren, hielt sich nicht sehr lange - es war keine Fernsehshow, die viele Länder versammelte (und damit die nationalen Identifikationen stiftete), und entsprechend wenig populär werden konnte.

Dem RTL Grand Prix von 1969 bis 1972 war auch kein langes Leben beschieden: Das ZDF übertrug zwar, erzielte aber - gemessen am ESC - kaum Quote und vor allem keine Liebe der Musikindustrie. Letztlich ist auch der Bundesvision Song Contest, 2004 von Stefan Raab erfunden, eine nationale Geschichte geblieben. Die Motive, diese Pro7-Show ins Leben zu rufen, waren durchaus Konkurrenz zum ESC: Nach Max Mutzkes achte Platz in Istanbul wollte Raab nicht mehr von internationalen Jurys und Televotern abhängig sein - so dass immer Deutschland gewinnt. Das tut es beim BSC tatsächlich, wenngleich ohne internationale Aufmerksamkeit. Die Publikumszahlen lassen auch nicht auf eine glamouröse Zukunft schließen, wenngleich dieses Projekt sich etabliert hat: als national-jugendliche Show der Musik von Jungerwachsenen und Teenagern.

ESC kann nicht kopiert werden

Welche Alternativen auch immer ersonnen werden: Letztlich müssen sie scheitern, weil das Format ESC das Original darstellt und jedes andere aussieht wie eine Kopie, eine Fälschung, eine Abweichung. Zuschauer schätzen aber nicht, mit Ersatzkaffee abgespeist zu werden, wenn der gute Espresso doch ebenso zu haben ist. "The Voice of Eurasia" mag veranstaltet werden, aber Russland wird in Wien dabei sein, sozusagen in der Königinnenstadt der Conchita Wurst: Klug ist das, weil man doch seitens dieses Landes an jeder Art von Prestigegewinn interessiert sein muss.

Ohnehin gibt es ein paar Probleme, die jedes alternative ESC-Fest hätte: Es darf nicht aussehen wie ein ESC. Also mit Hymne zum Auftakt, mit Punktewertungen, sozusagen im ästhetischen Copy-Paste-Verfahren exekutiert. Sietse Bakker, Sprecher des ESC, sagte mir eindeutig: Der Song Contest sei eine Lizenzware, die nicht kopiert werden dürfe. Jan Ola Sand, Generalsekretär des ESC, äußerte einem österreichischem Medium gegenüber seine Zufriedenheit mit Wien als Ort des nächsten Wettbewerbs - aus seinen Worten spricht die mächtige Zufriedenheit eines Mannes, der weiß, das dem europäisch-eurovisionären Projekt so schnell nichts etwas anhaben kann.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr