Stand: 20.08.18 14:07 Uhr

Kessler-Zwillinge feierten ihren 82. Geburtstag

Die Kesslers waren einfach da. Sie waren in Deutschland berühmt - verströmten sie doch den Duft der großen weiten Welt. In Paris nämlich arbeiteten Deutsche mit Erfolg als Künstler, das hatte einen starken und guten Klang. Und sie, die Zwillinge, hatten auch Lust. Auf den Grand Prix Eurovision de la Chanson.

Feddersens Kommentar

Groß, blond und vier lange Beine

Es ist kein Phänomen jüngerer Zeit, dass der Modus deutscher Vorentscheidungen offen ist. Schon früher bestimmte ein Sender ohne Auswahlverfahren Künstler für einen Auftritt beim Eurovision Song Contest. Und so war es auch 1959. Deutsche Beiträge hatten bis dahin keinen besonderen Erfolg beim ESC verbuchen können, und man liegt nicht falsch, wenn man die Zurückhaltung der Jurys in jenen Jahren auch als politisch begreift.

Deutschland war beim ESC willkommen, musste aber bitte nicht gleich gewinnen. So fiel die Wahl der ARD Anfang 1959 auf zwei Frauen, die in den fünfziger Jahren internationales Renommee gesammelt hatten - mit viel Tanz, einigem Gesang, auch mit Einsätzen im Film.

Engagement im "Lido": Die Chance ihres Lebens

Die Kesslers, am 20. August 1936 in Nerchau, Sachsen, geboren, wurden von den Eltern Paul und Elsa Kessler schon früh gefördert und zum klassischen Ballett geschickt. 1952 flohen beide, eine Weltkarriere im Kopf - die sich wie Paris und Amerika buchstabiert und nicht wie Dresden und Sofia - in die Bundesrepublik.

So kamen sie im Düsseldorfer Revuetheater "Palladium" unter und wurden dort vom Direktor des Pariser "Lido" entdeckt, dem Mekka des getanzten Entertainments. Sie waren deutsche Frauen, blond und hoch gewachsen, die im Ausland nicht als Kinder von Nazigrößen begriffen wurden, sie waren charmant, und sie waren absolut vorzeigbar.

Ärger mit dem Liedtitel

Alice und Ellen Kessler tanzen in rosa Fransenkleidern © picture alliance/Keystone Foto: Röhnert

Selbstbewusst und ernorm erfolgreich: die Kessler-Zwillinge.

Hätte die ARD vor 20 Jahren Ute Lemper ohne Vorentscheidung für den ESC bestimmt, wäre dies mit dem Kessler-Zwillinge-Projekt vergleichbar gewesen: international anerkannt und handwerklich tadellos. Im Übrigen mussten die beiden damals 22-jährigen Frauen Frankreich nicht einmal verlassen: Der ESC sollte an der Côte d'Azur stattfinden, im Palais des Festivals et des Congrès in Cannes. Nur um das Lied gab es, gelinde gesagt, Ärger. Sehr selbstbestimmt teilten Alice und Ellen Kessler mit, dass das Lied, "Heute möcht' ich bummeln" textlich nicht passe. Lahm und international nicht verständlich, hieß es. So kam es zu dem Titel "Heute Abend woll'n wir tanzen geh'n".

Am Ende brachte aber die Korrektur an der Überschrift nichts: Teddy Scholten gewann für die Niederlande zum zweiten Mal. Und die Kesslers bekamen insgesamt nur fünf Punkte aus Belgien, der Schweiz, Italien und Frankreich. Damit belegten sie den achten Platz unter elf Kandidatinnen und Kandidaten. Im Gegensatz zu einem anderen Nichtsieger, nämlich Domenico Modugno aus Italien, dessen Lied "Piove" (bekannt als "Ciao, ciao, bambina") weltberühmt wurde - verschwand der ESC-Beitrag der Kesslers in der Versenkung. Er war weder in der Bundesrepublik noch irgendwo anders in den Charts, wurde kaum im Radio gespielt und gelangte auch nicht als Tonträger in den Plattenhandel. Im Grunde genommen war dieses deutsche ESC-Lied für damalige Verhältnisse hoch modern, aber es passte nicht in die Vermarktungsstrategie der Plattenfirma.

Topfit an der Ballettstange

Beide leben seit Langem in München, im Prominentenviertel Grünwald. Vor zwei Jahren - zu ihrem 80. Geburtstag - gaben sie in vielen Interviews bekannt, dass es ihnen gut gehe, dass sie weiterhin prima miteinander auskommen und dieses auch weiterhin in strahlender Gesundheit vorhaben. Gymnastik an der Ballettstange sei das beste Mittel, um sich körperlich fit zu halten. Gleichwohl teilten sie aktuell und in bester Laune mit: "Jeder, der sagt, er liebe seine Falten, lügt."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 11.03.1959 | 21:00 Uhr