Stand: 21.04.15 11:26 Uhr

ESC-Rückblick: Die Zeit der britischen Macht

Sandie Shaw posiert nach ihrem Sieg im Grand Prix EUrovision 1967 vor der Anzeigetafel. © UPI

1967 begann mit dem Sieg von Sandie Shaw die britische Ära beim ESC.

Ausgerechnet im monarchischen Gehege der Wiener Hofburg kam es zur Explosion des Pop beim ESC. Bis in dieses Jahr, 1967, gaben gediegene, aus heutiger Sicht eher schläfrig stimmende Chansons den Ton beim eurovisionären Festival an - mit der Ausnahme von France Gall, die 1965 als Heldin der französischen YéYé-Jugendkultur mit einem anzüglichen Lied namens "Poupée de cire, poupée de son" siegte. Mit der - in der öffentlichen Wahrnehmung - immer stärkeren Jugendkultur, die in den Beatles, in den Supremes oder in Liedermachern wie Bob Dylan oder Joan Baez ihre Helden erkannte, hatte der ESC buchstäblich gar nichts zu tun. Und wollte es auch nicht!

Die allermeisten Verantwortlichen für den ESC in den öffentlich-rechtlichen Sendern Europas wollten den Einfall junger Kulturen nicht in ihrem Contest. Ihnen war vielmehr wichtig, dass das offizielle Kulturverständnis ihrer Länder zum Ausdruck kommt. Der ESC galt ihnen als Bühne ihrer Länder - quasi Lieder im Botschaftsrang. Zumal sie allesamt darauf verwiesen, dass der Grand Prix Eurovision ja ein Texter- und Komponistenwettbewerb sei. Eine Irreführung war das freilich, denn es zählte ja immer die Performance am stärksten. Der Hessische Rundfunk berief sich auch darauf, dass die jugendliche Kultur erst noch geprüft werden müsse, ehe man diese zum ESC delegieren könne.

Entertainment zählt

Die Ausnahme von dieser distanzierten Haltung zum modernen Entertainment war die BBC. Die Briten nutzen den ESC schlicht und ergreifend als Plattform, um ihren stärksten Sängern und Sängerinnen die Chance zu geben, sich als Exportprodukte für den europäischen Markt zu empfehlen. Was zählte, war das Lied - egal für wie blöde TV-Funktionäre mit Kulturauftrag es auch hielten. Man nahm den ESC wie eine Popmesse, bei dem es nicht um Tragödien oder Liebesschicksale geht, sondern um Erfolg.

1967 kam Sandie Shaw zum Zuge, eine nicht nur in England erfolgreiche Chanteuse der Beatgeneration, die für den "Girl-Pop" jener Jahre stand. Sie kam mit einem Lied, das sie für das irrste und bekloppteste in ihrem ganzen Repertoire hielt, das sie im BBC-Vorentscheid für albern und dumm hielt und doch gewann. Mit "Puppet On A String" eroberte sie auch den ESC-Gipfel. An ihr stimmte an jenem Abend alles: coole Frisur von Vidal Sassoon, ein tüllhaftes Nichts als Kleid - und dann trat sie auch noch barfuß auf. Das gab es bei einem ESC noch nie, so hippiesk aufzutreten. Ihr Lied wurde zu einem der erfolgreichsten der ESC-Geschichte.

Cliff Richard beim Grand Prix 1968  Foto: UPI

Doppelter Einsatz: Cliff Richard vertritt Großbritannien 1968 beim Grand Prix und belegt den zweiten Platz. 1973 singt er sich auf Platz drei.

Das "United Kingdom", "le royaume-uni", wie es in der franzöischen Übersetzung bei der Punktevergabe stets hieß, belegte zwischen 1967 und 1976 (mit dem Familienschlager der Brotherhood of Man namens "Save Your Kisses For Me") nie einen schlechteren als den vierten Rang. Dreifach wurde man Erster, viermal Zweiter, einmal gelang ein dritter, zweimal ein vierter Platz. Künstler von Rang und Namen - teils bis heute - waren an dieser Erfolssträhne beteiligt, auch Cliff Richard, der vermutlich wegen gekaufter Punkte 1968 beim Heimspiel in der Londoner Royal Albert Hall nur Zweiter hinter der Spanierin Massiel und ihrem "La La La" werden konnte.

Gruppen erstmals möglich

Andere große Namen - ob sie es waren oder wurden - standen für die große Zeit des ESC überhaupt: Julio Iglesias, Mouth & McNeal, Katja Ebstein, Vicky Leandros, Gianni Morandi … Und eine schwedische Band namens Abba, die 1973 noch in der Vorentscheidung mit dem, gemessen an "Waterloo", besseren "Ring Ring" auf der Strecke blieben. Aber eben in Brighton triumphierten. Jahre zuvor waren beim ESC Gruppenteilnahmen nicht einmal erlaubt: Mit den Schweden, die auf Basis des Contests ihre Weltkarriere starten wollten und es auch taten, gewann eine Band, die für nichts als Glam und Pop stand.

Abba, VL: Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus vertreten Schweden 1974 beim Grand Prix und belegen den 1. Platz © dpa Foto: Olle Lindeborg

Der Beginn einer Ära: Mit dem ersten Platz 1974 in Brighton startete Abbas Erfolgsgeschichte.

Der Rest ist Geschichte: Abba ist der stärkste Act geworden, der je aus einem ESC hervorging. Auch die Schweden sangen auf Englisch - 1974 war es nicht Pflicht, in der Landessprache zu singen. Mit dem Sieg der Niederländer von Teach-In 1975 und der Irin Dana mit "All Kinds of Everything" hatte die Muttersprache des Pop sich beim ESC gegen das Französische durchgesetzt. Wobei die klassische Mundart des Grand Prix Eurovision nicht erfolglos blieb. Frida Boccara (1969), Séverine (1971), Vicky Leandros (1972) und Anne-Marie David (1973) gewannen mit klassisch-dramatischen Liedern: starke Armbewegungen, Abendkleider, starke Stimmen, mächtige Gefühle.

Öffentlich hieß es stets, der ESC werde von Hunderten von Millionen Menschen geguckt. Das stimmte nie. Zuschauerzahlen gab es nicht in allen Ländern, aber richtig bleibt: Der Grand Prix Eurovision war die erfolgreichste Show der länderübergreifenden Art in Europa. Als Liveformat - kein anderes Entertainment reichte an diese Popularität auch nur näherungsweise heran.

Meine Top Ten von 1967 bis 1976

  1. Mary Cristy: "Toi, la musique et moi" (Monaco 1976, 3. Platz)
  2. Lenny Kuhr: "De troubadour" (Niederlande 1969, 1. Platz)
  3. Romuald: "Celui qui reste et celui qui s'en vas" (Monaco 1974, 4. Platz)
  4. Mary Hopkin: "Knock, Knock Who's There" (Großbritannien, 1970, 2. Platz)
  5. Joy Fleming: "Ein Lied kann eine Brücke sein" (Bundesrepublik Deutschland, 1975, 17. Platz)
  6. Ilanit: "Ey sham" (Israel 1973, 4. Platz)
  7. Milestones: "Falter im Wind" (Österreich 1972, 5. Platz)
  8. Mariza Koch: "Panagia mou, panagia mou" (Griechenland 1976, 13. Platz)
  9. Gigliola Cinquetti: "Si" (Italien 1974, 2. Platz)
  10. Mocedades: "Eres tú" (Spanien 1973, 2. Platz)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 08.04.1967 | 21:00 Uhr