Kommentar

Stand: 13.08.18 11:17 Uhr

Türkei rückt vom ESC- Boykott nicht ab

Eine türkische Flagge weht im Wind. © picture alliance Foto: Winfried Rothermel

Die Türkei will auch weiterhin nicht am ESC teilnehmen.

Der Chef des türkischen TV-Senders TRT, Ibrahim Eren, hat Medienberichten zufolge allen Hoffnungen und Spekulationen, die Türkei werde alsbald wieder am Eurovision Song Contest teilnehmen, eine Absage erteilt. Der Sender sieht demnach in dem Wettbewerb eine ernste Gefahr für Anstand und Moral der Türken. "Ein öffentlich-rechtlicher Sender kann nicht um 21 Uhr live übertragen, wenn Kinder zuschauen, die dann einen Österreicher sehen, der gleichzeitig einen Bart und ein Kleid trägt und sagt, er habe kein Geschlecht, er sei Frau und Mann zugleich", sagte Eren der Zeitung "Hürriyet". 

TRT wollte schon vor Conchita nicht mehr

Das ist natürlich eindeutig auf Conchita, Siegerin von 2014, gemünzt. Tatsächlich ist dies von TRT-Vertretern gleich nach dem Triumph der Dragqueen in Kopenhagen auch so angeführt worden - wer eine solche Showfigur auftreten lasse, könne nicht damit rechnen, in die Türkei übertragen zu werden. Allerdings: TRT nahm 2012, also deutlich vor Conchita Wurst, letztmals am ESC teil. Vor gut sechs Jahren in Baku, als die Schwedin Loreen mit "Euphoria" gewann, war für die Türkei Can Bonomo dabei - und belegte mit "Love Me Back" den sehr guten siebten Platz.

In früheren Zeiten stießen andere Dragqueen-Performances beim ESC in der Türkei nicht auf heftige Reaktionen - wie etwa der Auftritt der Sloweninnen von Sestre im Jahr 2002, ein Jahr bevor Sertab Erener mit "Everyway That I Can" erstmals für die Türkei den ESC gewann. Und: Der ESC 2004 in Istanbul war in queerer Hinsicht einer der freundlichsten überhaupt.

Türkei wollte zu den Big Five gehören

Die Gründe für den Ausstieg der Türkei aus dem Wettbewerb waren damals wohl woanders zu sehen. Mitte der 2000er-Jahre wollte TRT in die Zentrale der European Broadcasting Union (EBU) einen Mann entsenden, der von der Genfer EBU-Zentrale nicht akzeptiert wurde. TRT beklagte sich daraufhin, diskriminiert zu werden - auch beim ESC. Denn das große Land gehöre nicht zu denen für das Finale gesetzten Nationen, den Big Five, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland. Allerdings hieß es schon vor Jahren seitens der EBU, dass TRT nie einen Antrag gestellt habe, zu den Big Five (also dann: Big Six) zu gehören. Außerdem monierte der Sender das Wertungssystem - ohne je zu konkretisieren, was an diesem für die Türkei ungünstig sei. Denn: Auch ohne die automatische Finalteilnahme war die Türkei eines der erfolgreichsten ESC-Länder der vergangenen 20 Jahre überhaupt.

"Von moralischen Werten abgewichen"

Obwohl es also ursprünglich andere Argumente für den Rückzug gab, führt die Türkei nun moralische Gründe an. Rundfunk-Chef Eren sagte, dass die Verantwortlichen beim ESC von den "moralischen Werten" abgewichen seien. Dies müsse korrigiert werden. "Dann können wir zum ESC zurückkehren." Dass der türkische Verzicht auf den ESC mit der fortschreitenden Islamisierung des Landes unter Präsident Recep Tayyip Erdogan zu tun hat, erscheint offenkundig.

EBU: "Vielfalt mit Musik feiern"

Die EBU ließ die Aussagen aus der Türkei nicht unkommentiert, reagierte knapp, aber mit einem klaren Statement: "Die Werte des Eurovision Song Contests sind Universalität und Inklusion sowie die stolze Tradition, Vielfalt mit der Musik zu feiern." Der Sprecher ging nicht weiter auf Inhalte der Diskussion oder Forderungen der Türkei an die EBU ein, sondern betonte stattdessen: "TRT hat in der Vergangenheit einen großen Beitrag zum Wettbewerb geleistet, insbesondere als Gastgeber des Wettbewerbs 2004 in Istanbul. Wir heißen die Türkei sehr herzlich wieder willkommen, sollten sie sich wieder zu einer Teilnahme entscheiden."

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 25.08.2018 | 19:05 Uhr