Stand: 25.02.16 17:23 Uhr

Siegel: Wie ein Sportler vor dem Startschuss

Ralph Siegel präsentiert am 08.09.2015 seine Autobiografie in München (Bayern). © dpa Foto: Matthias Balk

Ist es seine letzte ESC-Mission? Nur bei Erfolg in Stockholm, sagt der 70-jährige Produzent und Komponist Ralph Siegel.

Als Laura Pinski die Bühne der Pressekonferenz zum deutschen Vorentscheid in Köln betritt, nimmt eine Legende des ESC in der vorletzten Zuhörerreihe Platz: Ralph Siegel. Pinski ist sein Schützling, sie steht vorne und antwortet lebendig auf die Fragen. Der Schöpfer ihres Beitrags "Under The Sun We Are One", eben der Mann, der so viele ESC-Erfolge wie kaum ein anderer erringen konnte, lächelt zufrieden. Grüßt hier und da. Siegel ist mit den Jahren milder geworden. Und doch hat er diese gewisse Nervosität, die auch Hochleistungs-Sportlern vor dem Startschuss eigen ist. Der Münchner, der so lange auf eine nächste Chance für den deutschen Vorentscheid wartete, tigert auch sonst unruhig und wie mit Tunnelblick hinter den Kulissen des Brainpool-Komplexes hin und her.

Der immergrüne Wettbewerbskönig

Er sagt auf die Frage, was er bis zu Beginn der Vorentscheidung machen werde, nur schulterzuckend: "Nichts". Er wartet ab. Er muss. Am liebsten soll der Wettstreit jetzt losgehen. Gleich. Wer Ralph Siegel kennt, wird ihn als den immergrünen Wettbewerbskönig erkennen. So war er früher schon. Aufgeregt, nervös wie vor einer entscheidenden Auseinandersetzung, professionell, punktgenau, konzentriert und dauerrauchend.

Nach Harrogate ein Jahr rauchfrei

Ist das nicht schlecht für die Gesundheit? Siegel sagt, er habe nach dem Sieg von Harrogate mit "Ein bisschen Frieden" für ein Jahr mit dem Rauchen aufgehört, "aber dann …" Es klingt wie das Bekenntnis eines Süchtigen. Also Nikotin, vor allem aber ein Suchtmittel namens ESC. Siegel hat es nötig, wie kein anderer, und der ESC hat ihn nötig. Wie gut, sagen ESC-Fans hier in Köln, dass Siegel mehrere Jahre für San Marino tätig war. Einmal hat es sogar fürs Finale gereicht.

Dieses Jahr aber, so schwört der Münchner, soll es die Fahrkarte nach Stockholm werden. Mit "Under The Sun We Are One" und Laura Pinski. Deren Stimme lobt er als gewaltig - aber Siegel hat noch jede ESC-Kandidatin hoch gelobt, wenn sie für ihn in Diensten stand. Dieses Jahr also Laura Pinski aus dem Rheinland. Die mit dem schweren Schicksal, der Krebserkrankung und den Chemotherapien. Siegel hatte schon immer ein Herz für kaum erträgliche Lebensgeschichten - zumal er ja selbst vor Jahren schwer an einem bösartigen Tumor litt. Jetzt wirkt er, im Vergleich zu vor vier Jahren, leicht älter. Aber, ehrlich gesagt, als sein Chronist über so viele Jahre, auch vitaler denn je. Siegel ist völlig fern von Resignation: Er will es wirklich noch einmal wissen.

Abschied vom ESC? Nein!

Auf der Pressekonferenz sagt er, das letzte Mal beim ESC mitmachen zu wollen. Das verstehen die Journalisten so, dass Siegel den ESC hinter sich lassen wird, ganz gleich, wie Laura Pinski in Köln abschneidet. "Nein", sagt er später im Gespräch, er würde mit dem ESC aufhören, wenn sein Beitrag es nach Stockholm geschafft hat. Sollte Laura Pinski dort sehr gut abschneiden, wäre das ein Zeichen, dass er Jahre in Deutschland verkannt wurde. Und würde sie weit hinten landen, wolle er auch dies als Zeichen verstehen, dass seine Musik in Europa nicht mehr verstanden wird. Sofern er in Köln nicht gewinnt, mache er natürlich weiter mit dem ESC. Was solle er denn sonst machen, fragt er. Er sei am Leben, erfreue sich guter Gesundheit, lebe gern - und liebe den ESC wie nichts anderes. Ist das nicht eine noble Haltung dem ESC gegenüber? Ein Liebhaber des europäischen Gedankens - mehr geht eigentlich nicht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 25.02.2016 | 20:15 Uhr