Stand: 03.02.2016 10:18 Uhr  | Archiv

Tritt Ralph Siegel zum letzten Mal beim ESC an?

Ralph Siegel steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin und drückt die Daumen. © NDR/Nicole Janke Foto: Nicole Janke
Ralph Siegel will noch mal zum ESC für Deutschland.

Seine Begeisterung für den ESC ist ungebrochen. Ralph Siegel träumt davon, noch einmal für Deutschland beim ESC zu starten. Nach mehreren vergeblichen Anläufen hat er dieses Jahr wieder die Chance dazu. Seine Komposition "Under The Sun We Are One", gesungen von Laura Pinski, wurde für den deutschen Vorentscheid ausgewählt. Im Interview erzählt der ESC-Altmeister, was er vorhat, sollte die 19-Jährige das Rennen bei der Vorentscheidshow "Unser Lied für Stockholm" machen.

Wie fühlt es sich an, wieder beim deutschen Vorentscheid dabei zu sein?

Ralph Siegel: Das ist so eine unglaubliche Freude gewesen, dass ich fast ins Handy gebissen habe, als ich die Nachricht bekam. Ich hab laut geschrien und mich so gefreut, wie selten in meinem Leben. Ich habe immerhin zwölf Jahre darum gekämpft, und jedes Jahr wurde alles abgelehnt. Dann habe ich aus Verzweiflung das ein oder andere Lied im Ausland angeboten. Ich hatte die Lieder aber fast alle für Deutschland gemacht - für deutsche Interpreten, die weitaus besser waren.

Warum liegt Ihnen der ESC so am Herzen?

Porträt
Sängerin Laura Pinski lächelt in die Kamera.

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Siegel: Wir leben in einem Lande, in dem man so gut wie keine deutsche Musik mehr hört. Es ist fast nur noch englische Musik. Die Sender sind voll mit Popmusik aus Amerika oder Oldies. Wir haben immerhin 500 Sender in Deutschland, aber von den Hauptsendern spielen vielleicht noch zwei oder drei deutsche Musik. Über 60 Prozent der gesamten GEMA-Einnahmen gehen heute ins Ausland. Dann sucht man sich halt einen Platz, wo 200 Millionen wenigstens mal zuhören. Da schreibt man ein Lied für 200 Millionen. Früher waren es noch 500 Millionen. Man vergisst immer, dass es früher viel mehr Zuschauer waren.

Sie gehen doch aber mit einem englischen Titel an den Start ...

Siegel: Nein, es ist ein Titel von einem deutschen Künstler, einem deutschen Komponisten und einem deutschen Textdichter. Es ist kein englischer Titel. Das unterscheidet uns ganz gravierend. Lena ist mit einem amerikanisch-dänischen Titel an den Start gegangen. Ich trete mit einem Titel von Bernd Meinunger und Ralph Siegel an, die natürlich für den internationalen Wettbewerb in Englisch schreiben, weil die Welt diese Message verstehen will. Selbst Russland und fast alle Sieger sangen in Englisch.

Lag "Under The Sun We Are One" schon in der Schublade oder haben Sie ihn extra für Laura komponiert?

Porträt
Der Komponist Ralph Siegel © dpa / picture-alliance Foto: Elmar Kremser/SVEN SIMON

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Siegel: Ich habe Laura bereits vor drei Jahren, als sie beim Supertalent auftrat, gesehen und war begeistert. Ich habe einen Song für sie geschrieben, den ich 2013 eingereicht habe und es hat nicht geklappt. Dasselbe habe ich nächstes Jahr wieder gemacht und kam nicht weiter. Dieses Jahr im Sommer hatte ich vier Titel produziert, die ich einreichen wollte. Ich bin nach Amerika gefahren, um dort zu arbeiten, dann kam der Anruf, dass Naidoo fährt. Zwei Tage später, war die ESC-Welt wieder in Unordnung und der NDR sagte, wir machen doch einen Vorentscheidung. Ich lag da und dachte, lieber Gott, geht es mir gut, und auf der anderen Seite litt ich ein bisschen unter der Situation und dachte, ich muss zurück. Ich machte die Augen zu, schaute nach oben und dachte, auf der ganzen Welt sind wir doch eigentlich alle gleich - "Under The Sun We Are One". So ist die Zeile entstanden. Aber wie viele Menschen haben heute Angst, dass sie die Nacht nicht überleben? Wie viele Menschen sind nicht vom Glück beschienen? Ich hab den Song für Laura komponiert und sie angerufen, ob wir uns treffen können, wenn ich zurück bin. Dann hat sie ihn einstudiert und so was von gut gesungen.

Was gefällt Ihnen denn an Laura so gut?

Interview
Sängerin Laura Pinski lächelt in die Kamera. © NDR/Nicole Janke Foto: Nicole Janke

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Siegel: Was gefällt einem Komponisten an einer Künstlerin? Dass sie das, was man empfindet beim Schreiben, am besten noch besser rüberbringt, als man es selbst empfindet. Dieses Mädchen hat eine schwere Jugend hinter sich. Sie lag fast drei Jahre Jahre mit Knochenkrebs im Krankenhaus. Aber das ist für mich kein Grund, eine Platte zu machen, sondern: Sie hat eine sehr stabile Persönlichkeit in so jungen Jahren. Sie singt ein perfektes Englisch - ohne Akzent und sie singt astrein. Da gibt es keinen falschen Ton. Und sie war auch in der ersten Sekunde von diesem Song begeistert, das war mir sehr wichtig. Sie, der Künstler, muss es ja bringen.

Welche Chancen räumen Sie sich ein?

Siegel: Es ist sehr schwierig, weil die anderen teilweise bis zu 500.000 Follower haben. Ich glaube an das deutsche Publikum, ich habe nur ein bisschen Angst vor der sogenannten Internet-Community. Es ist unsere einzige Chance, dass sich an dem Abend auch die überzeugen lassen, die vorher vielleicht was anderes gewählt hätten. Ich sehe die Chance in der Formulierung "Das Wunder von Köln".

Wie gehen Sie den Tag an?

Siegel: Wenn ich es noch mal für Deutschland schaffen könnte, wäre das das 25. Mal. Das wäre mein Jubiläum und dann würde ich auch aufhören. Wir wären ganz oben und dann ist auch genug. Am Abend des Vorentscheids gehe ich zwei Stunden vorher in die Badewanne und rasiere mich, mach mich für eine lange Nacht 'ready' und trinke vielleicht noch zwei Red Bull. Dann bete ich ein bisschen zu Mami und Papi und sag 'Hey, Kinder, lasst es mich doch noch mal machen.' Und wenn nicht, wäre ich sehr traurig - aber die Welt geht dann auch nicht unter, denn unter der Sonne sind wir alle gleich.

Weitere Informationen
Ralf Siegel auf der Bühne © NDR Foto: Rolf Klatt

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Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 25.02.2016 | 20:15 Uhr