Stand: 21.11.15 14:30 Uhr

Xavier Naidoo: Der Messias aus Mannheim

Er ist der deutsche Künstler mit den meisten Nummer-eins-Hits. Gleich mit seinem Debütalbum "Nicht von dieser Welt" setzt sich der bekennende Christ 1998 an die Spitze der Charts und ist seither der Maßstab für deutsche Soulmusik. Naidoo selbst versteht sich als Missionar: "Gott hat mir mein Talent gegeben", sagt er einmal in einem Interview, "damit ich über ihn und die Bibel singe."

Der 1971 geborene Mannheimer räumt im Laufe seiner Karriere wiederholt alle wichtigen Musikpreise ab, vom Echo bis zum MTV Music Award. 2010 ist er Jurymitgleid bei "Unser Star für Oslo", der Vorausscheidungs-Show für den Eurovision Song Contest, bei der Lena als Siegerin hervorgeht. Im selben Jahr gehört er zur fünfköpfigen deutschen ESC-Jury.

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Hitgarant mit Samtstimme

Mannheim wird zum musikalischen Hotspot

Schon als Kind zieht es den Mannheimer, dessen Eltern Wurzeln in Südafrika und Indien haben, auf die Bühne. Er singt in Schul- und Gospelchören, beginnt nach der mittleren Reife aber erst einmal eine Kochlehre. Als er die Chance erhält, in den USA eine Platte aufzunehmen, bricht er die Lehre ab und versucht sein Glück in den Staaten - ohne Erfolg. Naidoo kehrt in seine Heimatstadt zurück, erhält ein Engagement als Musicaldarsteller und wird von Produzent Moses Pelham für sein Rödelheim Hartreim Projekt als Backgroundsänger verpflichtet. Hier lernt er auch Schwester S kennen, die wenig später als Sabrina Setlur zu Deutschlands erfolgreichster Rapperin avanciert. Setlurs Produzent Moses Pelham will auch Xavier Naidoo zum Solostar aufbauen und nutzt dafür ihre Popularität: 1997 kommt die Single "Freisein" von Sabrina Setlur introducing Xavier Naidoo heraus. Das erhöht die Aufmerksamkeit für Naidoos ein Jahr später erscheinendes Debüt "Nicht von dieser Welt". Es verkauft sich über eine Million Mal und ist bis heute sein erfolgreichstes Album. Ob Setlur und Naidoo auch privat ein Paar waren, bleibt unklar. Über sein Privatleben erfährt die Öffentlichkeit wenig. Mehr, als dass er verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat, ist auch heute nicht bekannt.

Naidoos kometenhafter Aufstieg hilft auch dem Künstlerkollektiv Söhne Mannheims, das der Soulsänger zusammen mit befreundeten Musikern und DJs 1995 gegründet hatte. Ihre Mission: Musik machen und Gutes tun. Mit sozialem Engagement unterstreichen sie die christlich-religiösen Botschaften ihrer Songs. "Ich werde dafür sorgen, dass in fünf Jahren in Mannheim kein rotzverschmiertes Kind mehr am Straßenrand steht", verkündet Naidoo. Die Musiker gründen den Verein "Söhne Mannheims" (heute "Aufwind-Mannheim e.V."), der sozial Benachteiligten hilft. Das nötige Geld dafür bringt der Erfolg des ersten Albums "Zion", das 2000 bis auf Platz zwei der Albumcharts klettert. Bis heute haben "Die Söhne" sieben Alben herausgebracht, von denen sechs Gold- oder Platinstatus erreichen.

Der Erfolg der Söhne Mannheims führt zum Bruch mit Naidoos Produzent Moses Pelham, der einen Teil der Einnahmen für sich beansprucht. Die ehemaligen Freunde liefern sich einen jahrelangen Gerichtsstreit um die Verwertungsrechte, den der Sänger schließlich gewinnt.

Vom Senkrechtstarter zum Dauerbrenner

Egal was Naidoo anpackt - es wird erfolgreich: Der Mann mit der Samtstimme macht bei den Brothers Keepers mit, einem Bandprojekt afrodeutscher Soul-, Hip-Hop- und Reggaemusiker gegen rechte Gewalt. Mit "Adriano (Letzte Warnung)" landen sie 2001 einen Hit. Politisches Engagement zeichnet den Sänger bis heute aus: Er ist bei "Rock gegen Rechts" dabei und tritt zusammen mit "Amnesty International" für Menschenrechte ein. 2005 haben die Söhne Mannheims ein Konzert in Tel Aviv und feiern damit die israelisch-deutschen Beziehungen. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Naidoos Schaffen ist die Nachwuchsförderung: Der Musiker unterstützt die erste Popakademie Deutschlands in Mannheim an der er auch Gastdozent ist. Als Juror und Coach beim TV-Quotenhit "The Voice of Germany" 2011 und 2012 setzt er sich mit vollem Elan für sein Team aus hoffnungsvollen Nachwuchskünstlern ein.

Auch der Austausch mit Musikern anderer Stilrichtungen zieht sich durch Naidoos gesamte Karriere. 2011 organisiert er zusammen mit dem Berliner Rapper Kool Savas die Konzertreihe "Wir beaten mehr", zu der sie Rapper, Hip-Hopper und Popkünstler wie Marteria, Peter Fox und Adel Tawil einladen. Die Initiatoren sind zu dem Zeitpunkt schon länger befreundet und Naidoo gibt an, wegen folgender Textzeile seines fleischlos lebenden Freundes selbst Vegetarier geworden zu sein: "Du könntest ohne Probleme aufhören Tiere zu essen. Und somit ohne Probleme ein paar Leben mehr retten" (aus "Der beste Tag meines Lebens").

2012 bringen sie als "Xavas" das Album "Gespaltene Persönlichkeit" heraus, das die Spitze der Charts erreicht. Mit der Singleauskopplung "Schau nicht mehr zurück" gewinnt das Duo im September 2012 den von Stefan Raab initiierten Gesangswettbewerb "Bundesvision Song Contest".

2014 lädt Naidoo erneut deutsche Stars zum gemeinsamen Musizieren ein. Diesmal als Gastgeber von "Sing meinen Song. Das Tauschkonzert". Die Fernsehsendung gewinnt den deutschen Fernsehpreis. Neben Pop-Größen wie Sarah Connor und Sasha darf auch der Newcomer Gregor Meyle mitmachen, womit sich Naidoo wieder als Talentförderer erweist: Nach Ausstrahlung der Show nimmt die Karriere des Singer-Songwriters enorm an Fahrt auf. Mit der Sendung bereitet der Gastgeber außerdem den Boden für einen künstlerischen Neustart Sarah Connors: Inspiriert von ihren deutsch-singenden Kollegen nimmt sie nach der TV-Show ihre erste deutschsprachige Platte auf und kann damit an ihre größten Erfolge anknüpfen.  

Weltsicht mit Widersprüchen

Im Oktober 2014 werden die ständigen Erfolgsmeldungen von einer Flut von Negativschlagzeilen überschattet. Am Tag der Deutschen Einheit hält Xavier Naidoo vor dem Berliner Reichstagsgebäude eine Rede auf einer Friedenskundgebung, die von der sogenannten Reichsbürgerbewegung mitorganisiert ist. Die Bewegung glaubt an ein Fortbestehen des Deutschen Reiches und zweifelt die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik an. Drei Jahre zuvor hatte der Sänger im ZDF-Morgenmagazin eine ähnliche Meinung vertreten und darauf bestanden, dass Deutschland immer noch ein besetztes Land sei, weil es keinen Friedensvertrag gäbe.

Wie schon häufiger in der Vergangenheit äußert sich der streitbare Musiker auf der Demo am 3. Oktober auch antiamerikanisch. Er behauptet, die offizielle Sicht auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 entspräche nicht der Wahrheit und rückt sich auch damit in die Nähe von Verschwörungstheoretikern.

Doch die laute Kritik in den Medien kann den Erfolgskurs Naidoos nicht stoppen. Im Mai 2015 läuft die zweite Staffel von "Sing meinen Song" und erzielt noch höhere Einschaltquoten als die erste. Das dazugehörige Album setzt sich sofort an die Spitze der Charts.

NDR zieht Naidoos ESC-Nominierung zurück

2016 sollte Xavier Naidoo für Deutschland zum ESC fahren, doch daraus wurde nichts. Nachdem der NDR die Nominierung bekannt gegeben hatte, brach eine Welle der Empörung im Netz aus. Kurz darauf entschloss sich der NDR, die Nominierung zurückzuziehen. "Die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht", sagte der NDR-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. "Der Eurovision Song Contest ist ein fröhliches Event, bei dem die Musik und die Völkerverständigung im Mittelpunkt stehen soll. Dieser Charakter muss unbedingt erhalten bleiben. Die laufenden Diskussionen könnten dem ESC ernsthaft schaden. Aus diesem Grund wird Xavier Naidoo nicht für Deutschland starten. So schnell wie möglich wird entschieden, wie der deutsche Beitrag für den ESC in Stockholm gefunden wird." Er betont, dass Xavier Naidoo zum ESC gefahren wäre. Die Entscheidung sei allein vom NDR ausgegangen. Der Soulsänger reagiert auf die Entscheidung gelassen: "Vor einigen Monaten ist die ARD auf mich zugekommen und hat mich gebeten, im nächsten Jahr für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Stockholm anzutreten.

Das war der alleinige Vorschlag der ARD. Ich habe nach reichlicher Überlegung schließlich zugesagt, weil dieser Wettbewerb ein ganz besonderes Ereignis für mich gewesen wäre. Wenn sich nun kurz nach unserer vertraglichen Einigung mit dem NDR und dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das ok für mich. Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 25.02.2016 | 20:15 Uhr

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