Stand: 20.12.2015 15:33 Uhr  | Archiv

Stefan Raab: Der Meister des ESC dankt ab

Märchen von osteuropäischer Blockwertung

Frauen mit Landesfahnen auf der Bühne des Bundesvision Song Contests mit Stefan Raab © Pro Sieben Foto: Willi Weber
2004 stellte Raab den Bundesvision Song Contest auf die Beine.

Aus lauter Bosheit womöglich erklärte er nach Mutzkes achtem Rang, Osteuropa sei schuld, der osteuropäische Stimmenblock. War schon damals Unfug, nur kam er damit öffentlich durch, alle glaubten seiner Mär, dass die Deutschen (mal wieder) übel betrogen worden waren. Aus noch größerer Bosheit etablierte Raab Ende 2004 eine Konkurrenzveranstaltung, den Bundesvision Song Contest - und legte, er war mittlerweile ein Mann mit größtem Einfluss in die Popszene hinein, vielen Stars nahe, lieber am BuViSoCo teilzunehmen und nicht am deutschen Vorentscheid 2005. Raab sagte sinngemäß: Beim BuViSoCo würde auf jeden Fall ein deutscher Act gewinnen.

Man erkennt - bis heute gültig - in solch einem Satz die Kränkung, die er erleidet, wenn er mal nicht gewinnt. Der BuViSoCo war tatsächlich ein Erfolg, aber nur bei den Kritikern in Zeitungen und bei Leuten in der Popindustrie. Von der Quote her war dieses deutsche Format niemals auch nur näherungsweise so erfolgreich wie der ESC, international wie national. So musste ja Raab wiederkommen, und das war 2009, nachdem Alex Christensen und Oscar Loya in Moskau für Deutschland nur irgendeinen ganz hinteren Platz schafften.

Blütezeit in Oslo

Und dann begann die echte Blütezeit des Stefan Raab: mit dem Castingformat "Unser Star für Oslo". Am Ende war alles Lena. Der zweite Sieg für Deutschland beim ESC. Ich erinnere mich, dass Raab damals mit anbetungswürdiger Akribie den Auftritt von Lena Meyer-Landrut in Oslo mit vorbereitete. Wie er auf buchstäblich alles achtete, Look und Licht, auf die Ausleuchtung des Chores ebenso wie auf die so gut wie nicht vorhandenen Tanzschrittchen der deutschen Oslo-Siegerin. Da wollte jemand sein Meisterstück hinlegen, und das gelang ihm ja auch: eine German "Pop Princess" zu kreieren, ohne dass es wie Schlager klingt.

ESC 2010: Siegerin Lena Meyer-Landrut in Feierlaune mit Stefan Raab © Picture Alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen
"Einfach Wahnsinn!" Lena und Mentor Stefan Raab feiern den ESC-Sieg 2010.

Seltsam: Schon in Oslo, in der Nacht des Sieges, sagte Raab, er würde nicht aufhören wollen. Denn es hieße ja immer, man solle sich zurückziehen, wenn es am schönsten ist. Aber woher wisse er, dass es gerade am schönsten ist? Und doch scheint mir heute, die Osloer Siegesgeschichte war das Schönste, und alles, was danach kam, war nur noch Zugabe. Nichts konnte diesen Rausch toppen. Nicht der zweite Lena-Auftritt 2011 in Düsseldorf, nicht Roman Lob 2012 in Baku - Raab hatte fertig.

Raab hat alles beim ESC gemacht

Mit ihm verlässt ein Mann das deutsche Fernsehen - falls er sich daran hält, was manche für ungewiss halten - der dem ESC den Schlagerbrumpf austrieb. Der alles beim ESC machte, was zu machen war. Dirigieren, texten, komponieren, casten, singen, tanzen, jurieren, moderieren, Punkte verteilen: Er ist der einzige in der ESC-Geschichte, der alle Arbeitsfelder wenigstens einmal ausfüllte. Und er war der Mann, der den ESC begriff: nicht nur als ästhetisches Unterfangen europäischster Dimension. Sondern als beinharten Wettbewerb, bei dem es auf sehr gute Musik ankommt - und vor allem auf jedes Detail.

Ob er je wiederkommt ins Fernsehen? Keine Ahnung. Manche Freunde sagen: Er wird keinen zweiten Frühling wollen. Er will den ganz harten Entzug, ein TV-Junkie, der sich jetzt auf null stellt. Dem ESC hat er alles abgerungen, was ihm möglich war. Man muss jetzt ohne ihn famose Ideen haben. Gut so!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 26.05.2012 | 21:00 Uhr

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