Kommentar

Stand: 28.02.19 09:58 Uhr

MARUV tritt nicht für die Ukraine an

Der Eurovision Song Contest ist 2019 so politisch, wie er es niemals sein wollte. Nun hat es die ukrainische Sängerin MARUV erwischt, die mit "Siren Song" für ihr Land an den Start gehen wollte und vom öffentlich-rechtlichen Sender UA:PBC nicht die Erlaubnis dafür erhält. Bereits im Vorfeld hatte es heftige Kritik an der Teilnahme MARUVs bei der ukrainischen Vorentscheidung Vidbir gegeben. Die Kritik liegt vor allem darin begründet, dass Hanna Korsun, wie die Sängern mit bürgerlichem Namen heißt, auch eine Karriere in Russland verfolgt und dort auch in den nächsten Wochen Termine wahrnehmen will. So monierte der Chefredakteur der Musikzeitschrift "Veslo", Alexander Yagolnik, die Auftritte sogenannter Raffiots bei Vidbir - also Künstlern, die Konzerte in Russland und den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine geben.

Maruv, ESC-Teilnehmerin 2019 der Ukraine, in weißer Bluse und Corsage. © Serg Glovny/ZUMA Wire

Songcheck: Ukraine/MARUV - "Siren Song"

Eurovision Song Contest -

MARUV aus der Ukraine hat ihre ESC-Teilnahme zurückgezogen. Sie warf dem Sender politische Instrumentalisierung vor. Unsere Experten haben ihren "Siren Song" außer Konkurrenz gecheckt.

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Vizepremier schaltet sich ein

Yagolnik verwies in seinem Artikel auf ein geplantes Gesetz, nach dem bei Auftritten solcher Raffiots im ukrainischen Fernsehen künftig die Einblendung: "Dieser Künstler tourt im Aggressorstaat", erfolgen soll - auch beim Eurovision Song Contest. Der ukrainische Vizeministerpräsident Wjatscheslaw Kyrylenko twitterte mit Bezug auf diesen Artikel: "Was den nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest angeht, kann ich nur die Meinung vieler wiederholen, der ukrainische Vertreter kann kein Künstler sein, der im Aggressorstaat getourt hat oder dies für die Zukunft plant und nichts Verwerfliches darin sieht." Neben MARUV standen auch weitere Teilnehmer wegen Auftritten in Russland in der Kritik. Die beiden in Russland erfolgreichen ESC-Diven Ani Lorak und Svetlana Loboda gelten vielen Ukrainern schon seit Jahren als Verräterinnen.

Jamala stellt Frage nach patriotischer Gesinnung

Maruv, ESC-Teilnehmerin 2019 der Ukraine, auf der Bühne. © UAPBC

Opfer der politischen Situation? Die 27-jährige Sängerin MARUV.

Das alarmierte wohl auch den ausrichtenden Privatsender STB und die drei Juroren der ukrainischen Vorentscheidung, die um ihren guten Ruf fürchten mussten. Und so stellte Jurymitglied Jamala als Lackmustest für MARUVs patriotische Gesinnung vor laufenden Kameras die Frage, ob die Krim für die umstrittene Sängerin zur Ukraine gehöre. Das eher zögerliche "Ja" dürfte die Kritiker kaum überzeugt haben. Die UA:PBC sah sich dazu gezwungen, MARUV nach ihrem Vorentscheidungssieg vertraglich zu bedingungsloser Solidarität mit dem eigenen Land zu verpflichten und ihr die Zusage abzuringen, nicht mehr in Russland aufzutreten. Innerhalb von 24 Stunden sollte sie ein entsprechendes Dokument unterzeichnen, wovon auch die EBU in Kenntnis gesetzt wurde.

Unglückliche Reaktion

MARUV entschied sich dann allerdings auf Facebook, die Klauseln des Dokuments öffentlich zu machen und sich zum Opfer politischer Einflussnahme zu stilisieren. So erklärte sie, dass die Forderung des Senders, auf Improvisationen bei der Bühnenshow zu verzichten und mit Journalisten nur nach Rücksprache mit UA:PBC zu kommunizieren, untragbar und ein Verstoß gegen die Menschenrechte sei. Derartige Klauseln sind beim Eurovision Song Contest allerdings durchaus üblich und sollen verhindern, dass Künstler ihren Auftritt und ihre Pressekonferenzen politisch instrumentalisieren. Auch die von MARUV monierte Übertragung der Musikrechte an den Sender ist Bestandteil des Künstlervertrags, um die Erstellung von ESC-Sampler und -DVD sicherzustellen.

Reißleine gezogen

Diese Indiskretion und der dadurch aufgebaute öffentliche Druck dürfte UA:PBC schließlich dazu bewogen haben, die Reißleine zu ziehen und MARUV nicht für Tel Aviv zu nominieren. So schreibt der Sender in seiner offiziellen Erklärung:

"Gemäß den Regeln des Eurovision Song Contests muss die teilnehmende Fernsehanstalt den unpolitischen Charakter der Veranstaltung sicherstellen. Die aktuellen Ereignisse rund um die nationale Vorentscheidung weisen allerdings deutlich auf eine Politisierung hin. Die öffentliche Meinung, Versuche politischer Einflussnahme sowie die Einmischung von kulturellen Akteuren und Medienstrukturen des Aggressorstaats haben die Ergebnisse der nationalen Vorentscheidung in politischer Weise beeinflusst." UA:PBC

Trolle am Werk?

Da der Krieg zwischen der Ukraine und Russland auch durch gezielte Einflussnahme auf die öffentliche Meinung geführt wird, stellt sich nun die Frage, inwiefern die aktuelle Situation womöglich bewusst herbeigeführt wurde. Vizeministerpräsident Kyrylenko sieht den ESC-Vorentscheid als Teil der "hybriden Kriegsführung" Russlands, und tatsächlich hat die Ukraine bei den Fans mit der Nichtnominierung von MARUV wieder einmal den schwarzen Peter gezogen - ähnlich wie bei dem Einreiseverbot von Julia Samoylova beim ESC 2017 in Kiew. Auch wenn die Sängerin vermutlich Opfer der politischen Situation geworden ist, häufen sich aktuell seltsam gleichlautende Kommentare in den sozialen Netzwerken, in denen vermeintliche ukrainische Fans die Politik ihrer Regierung kritisieren und dazu aufrufen, MARUV zu unterstützen. Haben womöglich Trolle die ESC-Fangemeinde im Visier?

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.03.2019 | 19:05 Uhr