Stand: 14.05.09 22:22 Uhr

Fiedler, Folk und Feuer: das zweite Halbfinale

von Stephan Schaar
Der Beginn des zweiten Halbfinales des ESC 2009  Foto: Alain Douit

Folklore-Show zu Beginn des zweiten Halbfinales.

Nachdem am Dienstag bereits im ersten Halbfinale zehn Finalisten gekürt wurden, ging es gestern darum, das Teilnehmerfeld fürs Finale zu komplettieren. Zur Eröffnung spielte das Terem Quartett auf riesigen Balalaikas ein Potpourri verschiedener ESC-Siegersongs, von Abbas "Waterloo" bis zu "Believe" von Dima Bilan. Dazu sausten und hüpften Rollerskater und Tänzer in Bärenkostümen über die Bühne. Auch im Zwischenprogramm während der Abstimmung gab es wieder reichlich russische Folklore zu hören und zu sehen. Das Moiseev National Dance Ensemble stellte in farbenfrohen Kostümen eine Reihe von Bildern und Themen des russischen und europäischen Tanzes dar.  

Die russischen Moderatoren, das Ex-Model Natalia Vodianova und TV-Moderator Andrei Malakhov, wirkten wie schon im ersten Halbfinale völlig überdreht. Sie stotterten und kreischten sich mit den plattesten Kalauern durch ihren Text und amüsierten das Publikum dabei höchstens mit unfreiwilliger Komik.

Kroatischer Iglesias und rockige Girls

Sinéad Mulvey & Black Daisy für Irland im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Sinéad Mulvey rockte die Bühne in Moskau.

Der Casting-Star Igor Cukrov mit dem Spitznamen "Cuki" bekennt sich zu seiner Vorliebe für Belcanto-Gesang und zu Vorbildern wie Andrea Bocelli und Celine Dion. Für Kroatien ist es der 17. Anlauf in Folge auf die ESC-Krone, diesmal mit einer Schmachtballade mit spanisch anmutenden Folkloreelementen. Igor Cukrov wollte im Duett mit Sängerin Andrea Šušnjara mit "Lijepa Tena" in bester Julio-Iglesias-Manier die Herzen des Publikums erobern und hat es offensichtlich auch geschafft. Kroatien ist im Finale dabei.

Die irische Mädchenband Black Daisy und die erst 21-jährige Sängerin Sinéad Mulvey rockten und röhrten leicht bekleidet und punkig gestylt über die Moskauer Bühne und hofften mit ihrer eingängigen Poprock-Nummer "Et Cetera" und reichlich Pyro-Effekten das Finale des ESC zu erreichen. Es sollte aber nicht sein, Irland scheiterte im Halbfinale.

Russischer R&B und ein lustiger Schuh-Song

Marko Kon & Milan für Serbien im zweiten Halbfinale des ESC 2009  Foto: Alain Douit

Marko Kon & Milan sangen mit viel Spaß für Serbien.

Der 30-jährige Intars Busulis und seine Band Sweetwaterz wollten mit ihrem flotten R&B-Song "Probka" die zuletzt eher durchschnittliche ESC-Bilanz von Lettland wieder aufpolieren. Busulis sang dann auch leidenschaftlich auf russisch davon, wie er sich in einem Verkehrstau sitzend wünscht, über die Blechdächer der anderen Autos zu hüpfen. Der Auftritt war souverän und schwungvoll, auch wenn Sänger Busulis nur über das Tanztalent eines Herbert Gröhnemeyer verfügt. Insgesamt eine runde Nummer mit dynamischem Beat, aber nicht für das Finale tauglich.

Zumindest hatte das serbische Duo Marko Kon & Milan für den beschwerlichen Marsch ins Finale mit festem Schuhwerk vorgesorgt: "Cipela" heißt ihr Titel, Serbisch für "Schuh". Chef der Expedition ist der mit einer alles überragenden Afro-Frisur gesegnete Marko Kon, der wie ein Tanzbär über die Bühne tapste und dabei im Stil von Adriano Celentano seinen bärigen Bass brummen lies. Eine äußerst humorige Nummer, die es mit Akkordeon-Musik und witziger Choreografie ins Finale schaffen wollte. Leider hofften die Serben vergeblich, sie sind nicht dabei.

Püppchen-Pop und nordischer Märchenprinz

Lidia Kopania für Polen im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Lidia Kopania hauchte ihr Lied für Polen.

Schmollmund, verführerischer Blick, blonde Haare und die Top-Figur von einem tief ausgeschnittenem weißen Abendkleid umhüllt, so stand die 31-jährige Lidia Kopania mit ihren Ballett-Tänzern auf der ESC-Bühne. Mit Sexappeal, Schmusestimmchen und der seichten englischen Soul-Pop-Nummer "I Don’t Wanna Leave", geschrieben von den deutschen Autoren Alex Geringas und Bernd Klimpel, wollte die Polin sich bis ins Finale hauchen. Am Ende traf sie nicht alle Töne und wird auch keine zweite Chance im Finale erhalten.

Der seit Wochen hoch gewettete Norweger Alexander Rybak feierte am Tag vor dem Halbfinale seinen 23. Geburtstag. Auf der Bühne tanzte, sang, lächelte, geigte und flirtete der gebürtige Weißrusse selbstbewusst mit der Kamera und performte sein "Fairytale" so makellos und überzeugend wie man es erwartet hatte. Da hätte er gar keiner Pyro-Knaller mehr gebraucht, um das Publikum zu beeindrucken. Ein sicherer Finalkandidat und so kam es auch, Norwegen steht als einer der Favoriten im Finale.

Glühwürmchen und schmachtende Slowaken

Christina Metaxa für Zypern im zweiten Halbfinale des ESC 2009  Foto: Alain Douit

Die blutjunge Christina Metaxa sang fast schüchtern von ihrer "Firefly".

Mit Christina Metaxa folgte eine der jüngsten Teilnehmerinnen des Grand Prix. Es wurde nicht so ganz klar, was sie vor der mit Lichtpunkten von Millionen Glühwürmchen gesprenkelten Kulisse mit ihrer spärlichen Bühnenchoreografie zeigen oder mit ihrem zart gehauchten Text aussagen wollte, aber ihre romantische Ballade "Firefly" fand durchaus ihre Fans. Für den Einzug ins Finale reichte es diesmal aber nicht.

Der 31-jährige Kamil Mikulcík und die erst 18-jährige Nela Pocisková aus der Slowakei hatten sich bei ihrem Vorentscheid mit der kraftvollen Ballade "Let' Tmou" - zu Deutsch etwa "Flug durch die Nacht" - in einem eher rockigen Starterfeld durchsetzten können. Vor einer Kulisse aus brennenden Kerzen lieferten sich die beiden auf der ESC-Bühne ein wahres Gesangsduell, bei dem beide Künstler mit perfekt getroffenen Tönen und viel Ausdruck überzeugen konnten. Für das ESC-Finale konnten sie sich dennoch nicht qualifizieren.

Brinck Springsteen und unendliche Symphonie

Brinck für Dänemark im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Mit Pop-Rock kämpfte Brinck für seine dänische Heimat.

Brincks von Ronan Keating komponierter Song "Believe Again" war genau das, was dem Ex-Boyzone-Sänger zu erwarten war, auch die Stimme des Dänen Niels Brinck erinnert an Keating. Seine rockige Pop-Nummer sang er impulsiv und männlich ehrlich und klang dabei wie eine Mischung aus Bruce Springsteen und Brian Adams. Zwischen den Folk-, Pop- und Disco-Nummern des ESC ein erfrischend anderer Beitrag, der allerdings sehr seicht, eingängig und damit leider auch ein wenig langweilig rüberkommt. Dennoch verlor er nicht den Glauben und kam mit "Believe again" ins Finale.

Der slowenische Beitrag "Love Symphony" von Quartissimo hat etwas von einer Parodie auf Rondo Veneziano - gefühlt besteht das Lied aus einem nicht enden wollenden Streicher-Intro, bevor die blonde Sängerin Martina, die hinter einer Schattenwand stand, nach geschlagenen 2,20 Minuten die Bühne betritt. Bis dahin waren nur die Streicher mit arg eingeschränkter Show zu sehen. Aber auch mit Martina wurden die letzten 40 Sekunden der "Liebes Symphonie" nicht viel besser und so schieden die Slowenen schon im Halbfinale aus.

Tanzzwerg und Ethno-Pop-Pärchen

Zoli Àdok für Ungarn im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Musicaltänzer Zoli Àdok bei seiner 70er-Disconummer "Dance With Me".

Der Ungar Zoli Adok ist für sein Land nur die dritte Wahl - die vor ihm gewählten Kandidaten mussten ihre Teilnahme wieder absagen. Warum Zoltan Adok nicht erste Wahl war, wird schnell klar. Der in grüner Jeans und hautengem T-Shirt im Schlangenleder-Look gekleidete Musical-Tänzer bietet bei der Disco-Nummer "Dance With Me" eine stimmlich recht schwache Performance. Da helfen auch keine äußerst knapp berockten Tänzerinnen, die ihm und sich zu Beginn der Show die schwarzen Kleider vom Leib reißen - in Budapest findet der nächste ESC nicht statt und die Hoffnung auf das Finale ist auch dahin.

Die auch in Moskau hoch favorisierten Aserbaidschaner Aysel und Arash lieferten bei ihrem Ethno-Pop-Titel "Always" eine solide bis schwache stimmlichen Leistung und eine perfekt einstudierte, aber auch etwas zu glatt wirkende Choreografie ab. Viel Feuer auf den Bildschirmen im Hintergrund, von der Hitze ist aber leider wenig in der Show zu spüren. Dennoch hat es gereicht und Aserbaidschan steht am Samstag im Finale.

Hellenischer Star und baltischer Timberlake

Sakis Rouvas für Griechenland im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Der athletische Sakis Rouvas turnte und sang sich für Griechenland die Seele aus dem Leib.

Dann betrat Sakis Rouvas, griechischer Superstar und erfahrener ESC-Teilnehmer, ganz in Weiß die Bühne. Sein Lied "This is Our Night" ist eine gewohnte Rouvas-Strand-Disco-Nummer, aber der Show fehlte die Wärme und das Herz. Alles war bis auf die Millisekunde durchchoreografiert, dadurch wirkt seine Show zwar äußerst sportlich, aber leider auch ziemlich künstlich. Der Gesang von Rouvas war durch die starken Background-Sängerinnen kaum zu vernehmen, dennoch konnte sich der sympathische Grieche fürs Finale qualifizieren.

Ganz minimalistisch dann Sasha Son, der litauische Justin Timberlake. Der Litauer saß zu Beginn seines Auftritts am Flügel und sang sein gefühlvolles "Love" mit schräg sitzendem Hut, bevor er seinen Gesang steigernd aufstand und seine Pop-Ballade in ein Finale mit Streichern und großen Gefühlen führte. Etwas sehr perfekt inszeniert, aber dennoch mit Herz und brennender Hand vorgetragen. Es hat sich gelohnt, auch der junge Litauer ist im Finale am Samstag dabei.

Zwergstaaten mit Volkstanz und Teenie-Pop

Nelly Ciobanu für Moldau © NDR Foto: Rolf Klatt

Mit kehliger Stimme sang Nelly Ciobanu ihren moldawischen Tanz "Hora Din Moldova".

Der 34-jährige Rotschopf Nelly Ciobanu trat für ihre Heimat Moldau mit der rasanten und an Zigeunertänze erinnernden Folklore-Nummer "Hora Din Moldova" an. Der "Tanz aus Moldau" sollte das einigende kulturelle Band zwischen den verschiedenen Ethnien des Landes verkörpern. Ciobanus folkloristische Bühnenshow, der kehlige und energiegeladene Gesang gepaart mit dem schnellen Tanzrhythmus regten auch das Publikum im Saal zum Tanzen und Mitklatschen an. Eine kleine Überraschung aber kein Wunder, dass diese mitreißende Tanznummer auch im Finale zu hören sein wird.

Mit der gerade 17-jährigen Kejsi Tola ging für Albanien die zweitjüngste Teilnehmerin des diesjährigen ESC an den Start. Etwas unsicher am Anfang, gewann ihr Gesang im Laufe des Auftritts sehr an Kraft, auch wenn ihr recht eingängiger Ethno-Pop-Titel "Carry Me In Your Dreams" in der englischen ESC-Version viel von seinem ursprünglichen Reiz verloren hatte. Mit viel Wind und sehr artistischen Einlagen der Tänzer kam auch noch etwas Bewegung in die sonst etwas müde Bühnenshow. Doch Kejsis jugendlicher Charme und ihr eingängiger Song konnten sich durchsetzen, Albanien steht erneut im Finale des ESC.

Höllenräder und alte Männer unter Strom

Svetlana Loboda für die Ukraine im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Svetlana Loboda zog für die Ukraine alle Register.

Spektakulär und feurig wurde es bei den Ukrainern. Das selbsternannte Anti-Crisis-Girl Svetlana Loboda wollte mit ihrer Höllenmaschine die Welt retten. Drei riesige Zahnräder, die an ein Rhönrad erinnern, standen auf der Bühne, in dem Rad tanzte sie mit einem ihrer Tänzer. Die Tänzer in silberglitzerndem Outfit, das wie eine Kreuzung aus römischen Gladiatorendress und Verka Serduchkas Kostüm von 2007 aussieht, bewegten sich akrobatisch und sehr artistisch über die Bühne. Am Ende ihres rockigen Disco-Titels "Be My Valentine" legte Svetlana Loboda noch selbst Hand an und spielte unter Pyro-Effekten ein Schlagzeug-Solo. So viel Einsatz wurde dann auch mit einem Startplatz im Finale belohnt.

Dunkel und ruhig ging es weiter mit Estland. Die vier jungen Frauen von Urban Symphony wirkten geradezu beruhigend nach der ukrainischen Höllenmaschine. Sensibel und selbstbewusst sang die langhaarige Sandra Nurmsalu auf Estnisch ihren an die sphärischen Klängen von Enya erinnernden Titel "Rändajad". Im dichten Nebel begleitet von ihren jungen und talentierten Mitstreiterinnen an Geige und Celli. Ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus, den wir im Finale erneut genießen dürfen.

de Toppers für die Niederlande im zweiten Halbfinale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Charmante Altherren-Boygroup: De Toppers strahlten für die Niederlande.

Den Abschluss bildeten de Toppers aus den Niederlanden. Drei ältere Herren in funkelnden und glitzernden Pailetten-Anzügen, dahinter drei füllige Damen in Weiß, die zusammen mit dem unglaublichen Trio und reichlich Feuer-Effekten für Stimmung bei dem Schunkel-Senioren-Disco-Titel "Shine" sorgen wollten. Eine unbeschreibliche Nummer, die mit ihrer unfreiwilligen Komik den schwachen Gesang der drei Herren fast schon wettmachte. Für das Finale war die Nummer einfach nicht ausreichend.

Ein zeitweise mitreißendes zweites Halbfinale geht mit einem wenig überraschenden Ergebnis zu Ende. Lediglich das Ausscheiden von Sinéad Mulvey & Black Daisy war nicht sicher zu erwarten. Freuen wir uns nun auf ein spannendes Finale am Samstag, bei dem endlich auch Alex Swings Oscar Sings! ihr Können unter Beweis stellen dürfen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 16.05.2009 | 21:00 Uhr