Stand: 03.05.14 16:27 Uhr

"Gewalt gegen Kinder ist unentschuldbar"

András Kállay-Saunders © Irving Wolther

Der Ungar thematisiert mit seinem ESC-Song ein ernstes Thema. András Kállay-Saunders ist privat aber nicht so düster wie das Lied "Running".

In dem Lied "Running" geht es um Kindesmissbrauch. Damit hat sich der Ungar András Kállay-Saunders für seinen ESC-Beitrag ein ungewöhnliches Thema ausgesucht. Das Schicksal einer Jugendfreundin hat den ehemaligen Castingshow-Sieger zu seinem Titel inspiriert. Jetzt will er die Eurovisionsbühne in Kopenhagen nutzen, um mehr Problembewusstsein für das Thema zu schaffen.

Herr Kállay-Saunders, Sie sind als Sohn einer Ungarin in den USA aufgewachsen. Ihre Mutter hat Ihnen einen typisch ungarischen Vornamen gegeben. Haben Ihre Mitschüler sie damit aufgezogen?

András Kállay-Saunders: (lacht) Nein, aber keiner konnte ihn richtig aussprechen. Ich habe so ziemlich jede mögliche Aussprachemöglichkeit gehört.

Wie haben Sie Ungarn als Kind erlebt? Wie sehr identifizierten Sie sich mit diesem für Sie fernen Land?

Kállay-Saunders: Ich fühlte mich immer schon als Ungar. Wenn ich gefragt wurde, woher ich komme, sagte ich: 'Ich bin halb Afro-Amerikaner und halb Ungar'. Meine Mutter hat auch immer ungarisch mit mir gesprochen. Die ersten fünf Jahre meines Lebens pendelten wir zwischen New York und Budapest hin und her. Budapest gefiel mir immer schon besser als New York. Ich mag die alte Architektur. Wunderschön! Meine Mutter hat in den USA auch immer ungarisch für mich gekocht.

Der ungarische ESC-Teilnehmer András Kállay-Saunders. © Dávid Ajkai Foto: Dávid Ajkai

Songcheck: Ungarn/András Kállay-Saunders - "Running"

Eurovision Song Contest -

Unsere Songchecker Thomas Mohr und Torge Oelrich haben sich den Ungarn und seinen Song vorgeknöpft. Ihr Urteil: András wird in Kopenhagen ziemlich weit kommen.

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Sie vertreten Ungarn in einem Musikwettbewerb, der trotz aller gegenteiligen Behauptungen eine große politische Brisanz hat. Wie fühlt es sich an, der musikalische Botschafter eines ganzen Landes zu sein?

Kállay-Saunders: Dieser Gedanke beschäftigt mich Tag und Nacht. Ich kann es immer noch nicht richtig fassen, dass gerade ich ausgewählt wurde, Ungarn beim ESC zu vertreten. Aber es erfüllt mich mit Stolz und ich hoffe, dass mein Land auch Grund haben wird, stolz auf mich zu sein. Und ich achte sehr darauf, mich im Umgang mit den Menschen von meiner besten Seite zu zeigen.

Ihr Vater Fernando Saunders machte Sie mit einigen der größten US-amerikanischen Musikern bekannt. Wer hat bei Ihnen den stärksten Eindruck hinterlassen?

Kállay-Saunders: Ich werde nie vergessen, wie mein Vater mich auf Tour mitnahm, als er als Bassist für Lou Reed spielte. Wir zogen von Stadt zu Stadt und ich konnte im Backstagebereich beobachten, wie diese großen Musiker ihr Publikum auf der Bühne verzauberten. Ich war noch ein kleiner Junge, aber mir war sofort klar, dass ich genau DAS machen möchte, wenn ich groß bin.

Im angelsächsischen Raum hat der Eurovision Song Contest keinen besonders guten Ruf. Was sagt Ihr Vater denn dazu, dass Sie jetzt hier in Kopenhagen auftreten? Mussten Sie sich rechtfertigen?

Kállay-Saunders: Nein, mein Vater ist sehr stolz darauf, dass ich beim ESC dabei sein kann und wird vermutlich auch rüberfliegen, um mich auf der Bühne zu sehen. Wissen Sie, die Geschmäcker sind einfach verschieden und jedes Mal, wenn ich beim ESC einen Song besonders gut finde, landet er unter "ferner liefen". Irgendwie habe ich das mit dem Voting nicht richtig verstanden oder vielleicht habe ich auch einfach einen schlechten Geschmack (lacht).

Ihr Titel "Running" behandelt das Thema Kindesmisshandlung. Ist das nicht zu ernst für den ESC?

Kállay-Saunders: Ich finde, man wird der Bedeutung des Wettbewerbs nicht gerecht, wenn man von vornherein bestimmte Themen ausschließt. Musik kennt keine Grenzen - auch inhaltlich nicht. "Running" ist natürlich nicht die Art von Partysong, für die der ESC bekannt ist. Aber die Resonanz darauf war und ist sehr positiv. Ich bekomme viel Post von Leuten, denen diese schrecklichen Dinge widerfahren sind. Und in Ungarn hat der Titel eine öffentliche Diskussion über dieses Tabuthema ausgelöst. Ich hoffe, dass der Auftritt beim ESC auch in anderen Ländern für mehr Problembewusstsein sorgt.

In Deutschland sorgte in jüngster Zeit ein Politiker für Schlagzeilen, der kinderpornografisches Material besessen haben soll. Haben Sie Verständnis für Menschen mit pädophilen Neigungen?

Der ungaische ESC-Teilnehmer András Kállay-Saunders © Dávid Ajkai Foto: Dávid Ajkai

Der Sänger mit ungarischen und afroamerikanischen Wurzeln hat kein Verständnis für Menschen, die Kindern Gewalt antun.

Kállay-Saunders: Für mich ist jede Form von Gewalt gegen Kinder unentschuldbar. Diese Menschen sind vermutlich psychisch gestört und müssen behandelt werden - ein normaler Mensch ist nicht in der Lage, einem Kind so etwas anzutun.

Ungarn wird von Jahr zu Jahr erfolgreicher beim ESC – spüren Sie in der ungarischen Musikszene eine neue Aufbruchstimmung?

Kállay-Saunders: Absolut. Ich bin seit vier Jahren als Sänger in Ungarn aktiv und von Jahr zu Jahr sind die Radiostationen und das Publikum aufgeschlossener für neue Musikrichtungen geworden. Das wirkt sich auch auf die Künstler aus, die in ihren Songs mehr wagen und nicht befürchten müssen, dass sie im Radio nicht gespielt werden. Es singen auch viel mehr ungarische Künstler auf Englisch als noch vor vier Jahren, was die Exportchancen deutlich erhöht.

Das heißt, Sie werden künftig nur auf Englisch singen?

Nein. "Running" habe ich nur auf Englisch aufgenommen, weil die Musik einfach nicht zur ungarischen Sprache passte. Aber ich werde auch weiterhin englische und ungarische Songs veröffentlichen.

Das Interview führte Dr. Irving Wolther.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 02:00 Uhr