Stand: 20.05.15 13:54 Uhr

Monika Kuszyńska: "Ich lebe im Hier und Jetzt"

Monika Kuszyńska am 20. Mai 2015 im Interview mit Irving Wolther. © Eurovision.de

Monika Kuszyńska hofft, dass Menschen aus ihrer Geschichte Kraft schöpfen.

Monika Kuszyńska war vor einem schweren Autounfall im Jahr 2006 ein gefeierter Star. Dass sie es heute immer noch ist, verdankt sie ihrem Durchhaltewillen. Im Interview mit eurovision.de erzählt sie davon, wie der Unfall ihr Leben verändert hat und wie sie sich für Barrierefreiheit engagiert.

Frau Kuszyńska, der ESC war in der Vergangenheit für polnische Künstler ein eher gefährliches Pflaster: Stars wie Piasek oder Blue Café hatten lange mit der Hypothek einer schlechten Platzierung zu kämpfen. Warum gehen Sie dieses Risiko ein?

Monika Kuszyńska: Ich weiß gar nicht, ob das wirklich ein so großes Risiko ist. Natürlich ist ein schlechtes Abschneiden immer ein wenig irritierend für das Publikum, aber Piasek und Blue Café sind bis heute sehr populär. Die Auswirkungen waren also nicht ganz so dramatisch, wie es vielleicht den Anschein hat. Bei mir liegt die Sache ohnehin ein wenig anders. Ich erlebe gerade so etwas wie mein zweites Leben, und ich stehe nicht nur als Sängerin auf der Bühne, sondern auch als Motivationsfigur. Wenn ich meine Geschichte mit anderen Menschen teile, können sie vielleicht Kraft daraus schöpfen, so wie dies in Polen der Fall ist. Ich habe diese Gelegenheit einfach ergriffen und mir nicht überlegt, ob ich gewinnen kann oder nicht - darum geht es mir nicht, ganz ehrlich. Ich bin seit meinem Unfall aufgeschlossener gegenüber Möglichkeiten, die sich mir bieten, denn ich glaube, es gibt immer einen Grund für die Dinge, die geschehen.

Sie waren ein Star in Polen, als sie 2006 mit einem Tourbus verunglückten. Wie hat der Unfall Ihr Leben als Künstlerin verändert?

Kuszyńska: Anfangs dachte ich, alles ist vorbei und ich werde nie wieder singen können. Das hatte mehrere Gründe: Zunächst einmal musste ich mich als Rollstuhlfahrerin selbst akzeptieren. Ich war eine gut aussehende junge Frau, die es gewohnt war, sich ausgelassen auf der Bühne zu bewegen. Nachdem die anfängliche Verzweiflung überwunden war und ich mein neues Selbstbild akzeptiert hatte, musste ich wieder ganz von vorn anfangen, auch was das Singen angeht. Ich muss jetzt mit einer ganz anderen Technik arbeiten, denn ich sitze nicht nur im Rollstuhl, sondern bin von der Taille abwärts gelähmt. Das heißt, auch die für einen Sänger wichtige Rumpfmuskulatur arbeitet nicht normal. Aber ich habe meine eigene Technik entwickelt, und ich habe auch nicht den Anspruch, perfekt sein zu müssen. Letztlich gibt es nichts in meinem Leben, das sich durch den Unfall nicht verändert hätte.

Im Video zu "In The Name Of Love" betrachten Sie alte Fotos von sich und lächeln. Was bedeutet die Vergangenheit für Sie gegenüber der Gegenwart und Zukunft?

Kuszyńska: Die Vergangenheit ist nur eine Erinnerung. Ich habe diese Szene im Video bewusst gewählt, um den Zuschauern in Europa meine Geschichte zu erzählen, denn sie wissen ja nicht, ob ich nicht vielleicht schon von Geburt an im Rollstuhl sitze. Mittlerweile kann ich mir diese Bilder tatsächlich anschauen, ohne traurig zu werden. Sie sind Vergangenheit und ich konzentriere mich nur noch auf meine Gegenwart. Ich lebe im Hier und Jetzt, daher blicke ich nicht zurück und ich schaue auch nicht auf die Zukunft.

Sie sind die erste Künstlerin im Rollstuhl beim Eurovision Song Contest. Es gibt eine Reihe blinder Künstler, die international erfolgreich sind, aber kaum querschnittsgelähmte. Warum ist das so?

Kuszyńska: Das verstehe ich auch nicht. Wir leben in einer Zeit, in der Rollstuhlfahrer viel aktiver sein können als noch vor einigen Jahren - ganz besonders, wenn ich nach Polen schaue. Früher war es für Rollstuhlfahrer fast unmöglich, seine eigenen vier Wände zu verlassen, einer Arbeit nachzugehen oder einfach das zu tun, worauf sie Lust haben. Das ändert sich nach und nach, auch wenn in Sachen Barrierefreiheit noch vieles im Argen liegt. Aber schon mein Auftritt beim ESC scheint viele Dinge in Bewegung gebracht zu haben. Alle Einrichtungen in und um die Wiener Stadthalle mussten so ausgelegt werden, dass sie für mich im Rollstuhl erreichbar sind - für eine einzelne Person! Für mich ist das ein riesiger Fortschritt, denn wenn die Probleme erst einmal erkannt werden, lassen sie sich relativ leicht lösen. Ich bin froh, dass sich aktuell so viel verändert, und ich hoffe, dass Menschen im Rollstuhl dadurch künftig mehr Möglichkeiten zur Teilhabe erhalten.

Die polnische Musik ist berühmt für ihre gesungene Poesie, und den Texten wird sehr große Bedeutung beigemessen. Wie schwierig war es für Sie, Ihre Empfindungen in Englisch auszudrücken, das im Vergleich zum Polnischen über deutlich weniger Ausdrucksmöglichkeiten verfügt?

Kuszyńska: Sie haben recht, es war tatsächlich schwierig. Ich singe normalerweise auf Polnisch und fast nie auf Englisch. Aber dieser Auftritt ist anders, und dem wollte ich Rechnung tragen. Wir müssen offen sein für neue Herausforderungen. Englisch ist nun einmal eine universelle Sprache, und mir ist es wichtig, dass meine Botschaft von allen verstanden werden kann.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr

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