Stand: 15.05.15 10:00 Uhr

Voltaj: "Eine Frage der Menschlichkeit"

Die rumänische Band Voltaj beim Interview mit Irving Wolther.

Die Band Voltaj nutzt ihre ESC-Teilnahme vor allem, um auf die Probleme rumänischer Kinder aufmerksam zu machen. Im Interview mit Irving Wolther wird deutlich, wie sehr ihnen das Thema am Herzen liegt.

Voltaj sind Urgesteine der rumänischen Musikszene und konnten die nationale Vorentscheidung im März in einem Handstreich für sich entscheiden. Der eigentliche Kampf der Band spielt sich allerdings nicht auf musikalischer Ebene ab. Am Rande der Proben in Wien verraten die Musiker im Interview mit eurovision.de mehr über ihr Hilfsprogramm für verlassene Kinder, das den Namen ihres ESC-Beitrags "De la capăt" trägt.

Herr Goia, die Band Voltaj wurde bereits 1982 gegründet, ihren Durchbruch schaffte sie allerdings erst Ende der 90er-Jahre. Was hat diesen Erfolg denn ermöglicht?

Călin Goia: Die Musikszene hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert, vor allem aber die Band selbst. In der aktuellen Besetzung spielen wir erst seit 1998.

Oliver Sterian: Am Anfang waren wir ja eine Heavy-Metal-Band, doch als Călin 1998 als Leadsänger zu uns stieß, schwenkten wir auf Popmusik um - mit Einflüssen aus Heavy und House.

Ihre Band ist bekannt dafür, innovative Dinge auszuprobieren. So drehen sie ganze Videoclips mit ihren Smartphone-Kameras oder geben Wohnzimmerkonzerte für einzelne Fans. Ist das gutes Marketing oder einfach nur Neugier?

Sterian: Das wichtigste für uns ist, Spaß an der Sache haben. Natürlich ist das auch Marketing, aber wir lieben Innovationen,

Goia: Und es macht uns Spaß, zum Teil sehr ungewöhnliche Ideen umzusetzen. Glücklicherweise haben wir die volle Unterstützung unserer Plattenfirma bei jeder verrückten Idee, die uns in den Sinn kommt. (lacht)

Ihr Beitrag "De la capăt" dreht sich um die Situation vieler Kinder in Rumänien, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen, weil diese im Ausland den Lebensunterhalt für die Familie verdienen müssen. Wie haben Sie dieses Thema für sich entdeckt?

Die Künstler von Voltaj (Rumänien) bei den Proben zum ersten Halbfinale in Wien © EBU/Andres Putting

Der Auftritt von Voltaj steht ganz im Zeichen ihres Engagements für rumänische Kinder, die von ihren Eltern zurückgelassen werden, um im Ausland zu arbeiten.

Goia: Wir haben alle selbst Kinder, und wir glauben daran, dass die Zukunft unseres Landes in den Händen unserer Kinder liegt. Darum sollten sie ohne Trauma aufwachsen. Doch diese Kinder, die von ihren Eltern alleine zurückgelassen werden, sind traumatisiert. Wir unterstützen ein kleines Mädchen, ihr Name ist Cornelia. Sie ist eigentlich ein glückliches Kind, doch an Tagen wie beispielsweise der Einschulung, wo die anderen Kinder mit ihren Eltern zusammen sind, ist sie immer sehr traurig, wie uns ihre Großmutter erzählt hat.

Was kann man für ein Mädchen wie Cornelia denn tun?

Goia: Das Land, die Politik muss eine Lösung finden und sich um diese Kinder kümmern. Wir hoffen mit unserer Musik die Menschen zu berühren, vielleicht auch die Eltern, damit sie ihre Kinder zu sich nehmen oder nach Rumänien zurückkehren. Wir möchten aber auch den Rest Europas damit erreichen, damit gemeinsam entsprechende Programme ins Leben gerufen werden können, die den Kindern, aber auch den Eltern zur Seite stehen.

Wie soll das konkret aussehen?

Goia: Wir arbeiten mit zwei NGOs (Anmerk. d. Redaktion: Non-governmental organization, Nichtregierungsorganisationen) zusammen, World Vision und Habitat for Humanity, die beispielsweise Tagesaufenthalte für Kinder einrichten, bei denen man sich um sie kümmert. Hier können die Eltern auch Arbeit finden, sodass auch das Einkommensproblem gelöst wird. Durch Unterstützung dieser Organisationen kann jeder helfen - auch in Deutschland.

Oliver Sterian: Wir müssen grundsätzliche Lösungen entwickeln, denn das Ganze ist nicht alleine ein rumänisches Problem. Es betrifft viele ehemalige Ostblockstaaten, aber auch zunehmend Familien in Westeuropa.

Aber die wirtschaftliche Situation des Landes hat sich durch den EU-Beitritt doch verbessert.

Goia: Der EU-Beitritt Rumäniens 2007 hatte verheerende Auswirkungen: Alleine damals wurden 300.000 Kinder alleine zurückgelassen. Aktuell hat sich die Situation etwas entspannt, aber es sind noch immer mehr als 85.000 Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen, zum Teil werden sie sogar bei den Nachbarn gelassen. Das ist vielen Menschen nicht bewusst, darum versuchen wir mit unserem Auftritt, die internationale Gemeinschaft darauf aufmerksam zu machen.

Oliver Sterian: Jeder, der ein Kind hat, darf davor seine Augen nicht verschließen. Das ist keine Frage von Rumänien oder nicht Rumänien, sondern eine Frage der Menschlichkeit.

Das heißt, Voltaj hätte ohne das Hilfsprojekt "De la capăt" gar nicht am ESC teilgenommen?

Goia: (lächelt) Nein. Wir können auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken, und ich glaube nicht, dass der Song Contest uns noch sehr viel bekannter machen kann, auch wenn es eine große Ehre für uns ist, Rumänien vertreten zu dürfen. Doch der ESC ist vor allem eine großartige Plattform für die Hilfskampagne.

In einer aktuellen Zufriedenheitsstudie unter Kindern in 15 verschiedenen Ländern schneiden rumänische Kinder am besten ab, während deutsche Kinder nur auf Platz 9 liegen. Wie passt das mit Ihrer Kampagne zusammen?

Oliver Sterian: Da können nicht die Kinder befragt worden sein, die von ihren Eltern verlassen wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kind, das ohne Eltern aufwachsen muss, glücklich ist.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.eurovision.de/news/Interview-mit-Voltaj,rumaenien320.html

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