Kommentar

Zu Tode betrübt und himmelhoch jauchzend

von Simone Horst
Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv.  Foto: Simone Horst

In Israel beginnen alle Feiertage bei Sonnenuntergang und dauern bis zum nächsten Abend.

25 Grad, die Sonne scheint: Ein leichter Wind weht und erfreut Surfer mit - für das Mittelmeer - recht hohen Wellen. An Outdoor-Fitnessgeräten stählen Männer und Frauen ihre Körper. Eine Gruppe älterer Damen in Badeanzügen sitzt unter einem Sonnenschirm, der das diesjährige ESC-Motto verkündet: "Dare to Dream". Touristen machen Fotos und Menschen schlendern auf der Promenade entlang. Von Zeit zu Zeit rast jemand auf einem der neuen Elektro-Roller an den Fußgängern vorbei. Ein ganz normaler Vormittag am Strand von Tel Aviv.

Sirene läutet Stillstand ein

Pünktlich um 11 Uhr schallt eine Sirene durch die Stadt und es scheint, als ob die Strandszene von einem unsichtbaren Magier eingefroren wurde. Die Menschen auf der Promenade bleiben stehen. Die Möchtegern-Bodybuilder unterbrechen ihre Routine. Ein junger Mann wollte gerade das salzige Meerwasser abwaschen und verharrt unter der öffentlichen Stranddusche. Ein älterer Herr, auf dem Weg zu seiner morgendlichen Schwimmrunde im Meer, bleibt regungslos in den Fluten stehen. Selbst die Stand-up-Paddler versuchen krampfhaft still zu halten, während der Wind sich um keine Sirene schert. Zwei Minuten verharren die Menschen mit gesenkten Köpfen an Ort und Stelle. Dann verklingt die Sirene und alles wird wieder lebendig.
Nicht nur in Tel Aviv spielt sich diese Szene ab. Am Jom HaSikaron, dem israelischen Gedenktag für die gefallenen Soldaten und Terroropfer, friert für zwei Minuten das ganze Land ein und gedenkt all derjenigen, die in Israels zahlreichen Kriegen gestorben sind oder Opfer von Terroranschlägen wurden.

"Jeder kennt jemanden"

Ein junger Israeli am Strand von Tel Aviv an Jom HaSikaron, dem israelischen Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer im Jahr 2019.  Foto: Simone Horst

Nizan ist am Strand, um an Jom HaSikaron dem Bruder eines Freunde zu gedenken.

"Das ist einfach Teil davon, Israeli zu sein", sagt Nizan. Er ist heute für die Sirene auch zum Strand gekommen. Hier wurde für den gefallenen Bruder eines Freundes ein Baum gepflanzt. Darum wollten sie ihm an dieser Stelle gedenken. Er wurde vor fünf Jahren im Gaza-Krieg getötet. "Jeder in Israel kennt jemanden, der gestorben ist, entweder im Kampf oder bei einem Terroranschlag. Dieser Tag ist ein Tag der Dankbarkeit, dass wir noch hier sind und dass wir dieses Land haben. Und wir erinnern uns an alle, die es möglich gemacht haben", sagt Nizan.

Jeder kennt jemanden? Es klingt verrückt, aber das ist tatsächlich der Fall. Ich selbst habe mehrere Jahre in Israel gelebt und alle meine Freunde hatten einen Freund, ein Familienmitglied oder einen entfernten Bekannten, der im Krieg oder durch Terror gestorben ist. Wenn ich an Kriegsgefallene denke, denke ich an die Generation meiner Großeltern. Aber hier sind sie Realität - für jeden. Und je länger man in Israel lebt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auch für einen selbst Realität wird. Dies ist mein erster Jom HaSikaron, bei dem ich auch jemanden kenne, der gestorben ist.

Same procedure as every year

In Israel beginnen Feiertage immer am Abend bei Sonnenuntergang und enden am nächsten Abend. Bereits gestern startete Jom HaSikaron, ebenfalls mit einer Sirene. Auf dem Tel Aviver Rabin-Platz wurde die offizielle Zeremonie aus Jerusalem übertragen. Jedes Jahr halten Politiker und Armee-Offizielle Reden vor der Klagemauer in Jerusalem, zünden Kerzen an und erzählen die Geschichten von Soldaten die gefallen sind. Im Publikum sitzen deren Familienangehörige. Es endet mit dem jüdischen Totengebet "Kaddisch" und der israelischen Nationalhymne - der "HaTikva" (auf Deutsch: Die Hoffnung). Die Zeremonie endet, aber Jom HaSikaron hat gerade erst begonnen. Im Radio werden nur traurige Lieder gespielt. Alle Fernsehsender werden abgeschaltet, außer diejenigen, die Dokumentationen und Filme über Israels Kriege zeigen. Auf einem Sender werden den ganzen Tag die Namen aller Soldaten vorgelesen, die während ihrer Armeezeit gestorben sind. Es gibt Gesangsveranstaltungen auf denen natürlich auch nur traurige Lieder gesungen werden. Und es wird nicht applaudiert. In allen Schulen und Gemeinden gibt es Zeremonien. Familien, Freunde und Angehörige von Gefallenen treffen sich auf Friedhöfen.

Etwas, das verbindet

Menschen in Tel Aviv stehen auf der Autobahn neben ihren Autos. Sie gedenken den gefallenen Soldaten während einer Sirene. © dpa Foto: Ilia Yefimovich

Wenn die Sirene am Jom HaSikaron ertönt, wird zwei Minuten inne gehalten, egal wo man ist - auch auf der Autobahn.

"Es ist sehr persönlich, an was man bei der Sirene denkt", erzählt Nizan am Strand. "Entweder man denkt an jemanden, den man kannte, oder an seine eigenen Armee-Erfahrungen oder schaut einfach herum und denkt an die Verbindung, die man mit allen hat." Und diese Verbindung spürt man auch, wenn man kein Israeli ist. "Ich war überrascht, wie mich das in dem Moment getroffen hat, obwohl ich bis jetzt keine Berührungspunkte mit dem Land hatte", sagt Konstantin aus Deutschland. Er ist zum ersten Mal in Israel und für den ESC in Tel Aviv. "Ich habe das ein bisschen verglichen mit anderen gemeinschaftlichen Erlebnissen. Das ist natürlich ein ganz anderer Kontext. Aber ich habe Respekt vor dieser Tradition und diesem Umgang mit der Geschichte."

Es ist schon ein bisschen seltsam: Egal wo man steht, wenn die Sirene losgeht und man die Menschen um sich herum sieht, die in dem Moment genau das gleiche tun wie man selbst, fühlt man eine Verbindung, obwohl man diese Menschen gar nicht kennt. Ich hatte dieses Gefühl schon in den Jahren davor, obwohl ich nicht wirklich betroffen war. Diesmal kann ich die Frage "An was denkt man während der Sirene?" selbst beantworten. Zum ersten Mal denke auch ich an eine bestimmte Person, an einen Professor von mir. Ich denke an den Tag, als ich seinen Namen in der Zeitung las nach einem Terroranschlag mitten in Tel Aviv. Ich denke an seine Familie und Freunde. Und es freut mich ein bisschen, dass all diese Menschen hier am Strand mit ihrem Gedenken während der Sirene auch ihm Respekt zollen. Zum ersten Mal fühle ich mich richtig dazugehörig. Nizan hat wohl Recht damit, wenn er sagt: "Es ist Teil davon Israeli zu sein."

24 Stunden später: Party überall

Keine 24 Stunden später, kurz nach Sonnenuntergang, ist Tel Aviv kaum wiederzuerkennen. Die traurigen Lieder im Radio verstummen und werden von fröhlichen Songs abgelöst. Kinder laufen durch die Straßen und versprühen klebriges Schaumzeug. Alle Menschen tragen israelische Flaggen, Hüte, blau-weiße Lichterketten oder riesig große aufblasbare Hammer mit Israel-Flagge. Am Rabin-Platz sammelt sich halb Tel Aviv und erwartet die Show auf der großen Bühne, wo gestern um diese Zeit noch um Soldaten getrauert wurde. Während Jom HaSikaron einer der ruhigsten Tage in Israel ist, schallt jetzt laute Musik aus allen Kneipen, Cafés und Supermärkten, denn jetzt wird Jom HaAtzma'ut gefeiert - der Unabhängigkeitstag.

Ein Mann mit einem aufblasbaren Hammer mit Israel-Flagge schaut am Strand von Tel Aviv der Flugshow der Armee zu. Unabhängigkeitstag in Israel. © dpa Foto: Ilia Yefimovich

Flugshow der Armee und mit Israel-Flaggen bedruckte Hammer - das sind die Markenzeichen des Unabhängigkeitstags.

An manchen Ecken brechen die Menschen in Gesang aus und singen "Jom Jom Huledet leIsrael" - die hebräische Version von "Happy Birthday". Der Staat Israel wird heute 71 Jahre alt und das wird laut und ausgiebig gefeiert - auf den Straßen, in Clubs, Bars oder auf privaten Partys. Bis spät in die Nacht feiern die Israelis den Geburtstag ihres Landes. Am nächsten Tag ist traditionell Grillen angesagt. Egal ob im Garten, am Strand oder in Parks, alle Israelis haben ihre Grills angezündet und beladen. Eine Rauchwolke schwebt über Teilen der Stadt und dem Geruch von gerilltem Fleisch kann man nicht entgehen. Im Radio laufen nur Lieder auf Hebräisch - weiterhin fröhliche - und am Strand gibt es eine Flugshow der Armee.

Morgens Trauer - abends Freude

Die Tatsache, dass diese beiden Feiertage direkt aufeinander folgen ist ein Thema, dass auch Israelis durchaus diskutieren. Morgens weint man noch um die Opfer und Abends tanzt man die Nacht durch. Wie geht das? "Das ist ein kontroverses Thema", sagt Nizan. "Klar, könnte man auch an einem anderen Tag feiern, aber es ist auch wichtig die Verbindung zu sehen zwischen den beiden." Die Soldaten sind für den Staat gestorben und haben somit seine Unabhängigkeit erhalten. Vielleicht brauchen die Menschen auch diese Feier, um mit den Verlusten und der Trauer vom Vortag klarzukommen.

Während meiner Zeit im Süden Israels gab es mehrfach Raketenangriffe und auch zwei Kriege. Nach jedem Waffenstillstand gab es erstmal eine große Party. Es ist ein Weg mit der Anspannung und der Trauer klar zu kommen und auch ein Weg um das Leben zu feiern. Und wenn Israelis eine Sache können, dann ist es das Leben feiern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 25.05.2019 | 19:05 Uhr