Stand: 13.04.15 13:51 Uhr

Der ESC-Star ist der ESC-Fan

Den ESC gibt es seit 1956 - aber zum öffentlichen Event wurde er erst 1998 in Birmingham. Dank Anregungen britischer und irischer Fans gingen die Tickets für die ersten Reihen vornehmlich an ESC-Fans. Der Fan als solcher wurde zur Größe, und er diente allen ESC-Shows seither als, fernsehlogisch gesehen, Faktor, der für eine gewisse Stimmung sorgt - auch als sogenanntes "Kamerafutter".

Feddersens Kommentar

Herzstück des ESC: die Fangemeinde

Das Schwenken von Länderflaggen, die Begeisterung für die Show an sich und die Passion für die europäisierende Inszenierung selbst waren mit den frühen Zweitausender-Jahren zentral für eine gelingende ESC-Übertragung: Und das war gewünscht. Entsprechend ist die Hallenfrage Jahr für Jahr geklärt worden: Früher, etwa in Luxemburg 1973, Dublin 1971 oder in Harrogate 1982, reichten kleine oder allenfalls mittlere Locations. Mit den Fans wurde es wichtig, Arenen anzumieten.

Europäische Basisbewegung

Der ESC hat, faktisch, die einzige europäische Basisbewegung auf kulturellem Feld begründet. Subventionierte Kulturveranstaltungen gibt es in Fülle, sie sind aber allesamt subventioniert. Es gäbe sie ohne starke institutionelle Förderung nicht. Anders der ESC: eine Graswurzelbewegung. Fanclubs gibt es seit 1985, es war sozusagen eine Nichtregierungsorgansiation (NGO), die in Finnland, in Savonlinna, gegründet wurde. Aus Zuschauerbriefen an den Hessischen Rundfunk und den Bayerischen Rundfunk ist überliefert, dass es Freundeszirkel schon in den sechziger und siebziger Jahren gegeben hat, die sich eigens zum ESC privat trafen. Allen immer noch gepflegten Klischees zum Trotz nahm man bei dieser Gelegenheit niemals Häppchen vom Käseigel zu sich.

Die Fanbewegung, die sich schließlich gründete, lebte von einer einzigen Gemeinsamkeit: Jene, die dort zusammenkamen, erzählten, dass sie den ESC schon immer liebten, aber stets das Gefühl hatten, damit allein zu sein. Die Fanclubs haben allen den Eindruck von Einsamkeit genommen.

Panoramablick auf die Veranstaltungshalle © NDR Fotograf: Rolf Klatt

So sieht ein Konzert aus Fansicht aus - wie hier in die Arena in Athen 2006.

Diese Graswurzelbewegung gab sich natürlich einen Namen, der pompöser klingt als das, was sie leistet: "Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision" (OGAE), also ein Generalverein der Eurovisionsamateure. Eine übernationale Fanschar. Anfänglich mussten starke Nöte von Fans beseitigt werden. Etwa: Wo bekomme ich Aufzeichnungen von älteren ESCs her? Über welche Kanäle kaufe ich die Singles eines ESC? Oder: Wann gibt es ein Clubtreffen, um nochmal gemeinsam alle Lieder zu hören? Der Unterschied zur Fanszene im Fußball ist, dass die des ESC friedlich miteinander umgeht und nicht von Prügeleien und feindseliger Gewalt lebt. Der ESC-Fan als solcher ist nicht seinem eigenen Land gegenüber feindlich gesinnt, im Gegenteil meist, aber er respektiert und wertschätzt alle anderen ESC-Lieder nicht minder.

Der Fan - ein Showfaktor

Die European Broadcasting Union in Genf muss seit 1992, als sich für Malmö erstmals stärker ESC-Fans akkreditierten, mit ihnen rechnen. Die meisten besorgten sich, ohne selbst hauptberuflich Journalisten zu sein, Presseakkreditierungen von Zeitungen und Radiostationen. Die nahmen deren Berichte gerne. Von den professionellen Kräften wollte niemand sonst zu einem ESC. Man beschönigt nichts, wenn man feststellt, dass beim ESC eine Fülle von Freundschaften und Kontakten gestiftet worden sind. Man kommt miteinander aus. Einerlei, ob einer aus Aserbaidschan, Island, Portugal, Finnland oder Russland kommt. Auch Animositäten hat es öfters gegeben. Deutschland wäre nicht Deutschland, gäbe es dort nicht zwei Fanclubs, die aus einer Spaltung hervorgegangen sind und sich nun gemeinsam zum OGAE zählen. Viele Foren und Blogs sind aus der ESC-Fanszene hervorgegangen. Fanclubs legen während der ESC-Probentage im Euroclub auf: Ohne sie wäre es fade.

Eurovision in Concert: Institution für Fans

Dass seit 2009 ein "Eurovision in Concert"-Ding stattfindet, bei dem sich zwei Dutzend ESC-Acts der laufenden Saison vorstellen, ist ein eurovisionär-friedliches Wunder: eine Institution von und für Fans aus vier Dutzend Ländern. Ann Sophie wird in Amsterdam ihre momentane Einschätzung in den Wettbüros verbessern können. Fans, so lernen die Künstler, meidet man nicht. Man verneigt sich vor ihnen und ihrer Bewegung. Viele Eurovisionsstars und -sternchen wären ohne die ESC-Fans raschest verglüht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr