Stand: 24.03.15 15:23 Uhr

Startplatz beeinträchtigt keine Finalchancen

Eduard Romanýuta vertritt Moldau beim ESC 2015 © Eduard Romanýuta/Facebook

Eduard Romanýuta geht für Moldau im ESC-Halbfinale als Erster ins Rennen.

Der Verzicht auf die Auslosung aller Startplätze für die Semifinals hat sich bewährt: Die Regisseure der Shows entscheiden nach dem Material. Also nach den Videos, die sie von den Liedern aus den betreffenden Ländern erhalten haben. Als die genaue Startreihenfolge der Regie überantwortet wurde, gab es, auch von mir damals, Bedenken, dass damit das Moment des Zufalls beim ESC mehr und mehr zurückgedrängt wird. Und dass die Regie beeinflussen kann, wer etwa in den Semis gute Chancen hat, ins Finale zu gelangen. Dass etwa ein etwas komplexerer Titel so ins Feld platziert wird, dass er als besonders sympathisch auffällt.

Eine seltsame Entscheidung

Nun hat sich, nach meiner Beobachtung, herausgestellt, dass die Regisseure tatsächlich nur nach showlogischen Gesichtspunkten entscheiden, wann welches Lied zur Performance kommt. Es hat nur eine für mich seltsame Entscheidung in den vergangenen Jahren gegeben: Das war in Düsseldorf, als Paradise Oskar aus Finnland, als Dritter durch sein (erstes) Semifinale ins Grand Final gelangt, dort nur den 21. Rang erreichte. Für meinen Geschmack war unglücklich, dass er mit seiner Weltverbesserungsballade "Da Da Dam" das Finale eröffnete - und der Effekt, als ruhiges Lied im Konzert der Aufgeregtheiten zu punkten, verpuffen musste.

Der Auftakt muss im mittleren Tempo sein

Im Hinblick auf Wien muss man sagen: Dass Moldau mit Eduard Romanýuta und seinem "I Want Your Love" den ESC eröffnet, ist verständlich. Es ist - und darauf kommt es den Regisseuren an - ein Lied, das nicht allzu kontrovers klingt, das im mittleren Tempo das Publikum nicht allzu arg weder strapaziert noch eindämmern lässt. Das gleiche gilt für den Eröffnungsact des zweiten Semis, die Litauer Monika Linkyte und Vaidas Baumila mit "This Time". Ein nettes, fröhliches, in die gesamte Show verführendes Liedlein ohne besonderes Spektakel. Irland, im zweiten Semi an zweiter Stelle, wäre ein schlechter Opener, denn Molly Sterling hätte, und das möge nicht als boshaft missverstanden werden, mit ihrem "Playing With Numbers" eine Atmosphäre der Schmusigkeit erzeugt: Gift für eine Programmplanung, bei der man Zuschauer halten und nicht an die Schläfrigkeit der beginnenden Nacht verlieren will.

Eine runde, fließende Sache

Nicole nach ihrem Sieg beim deutschen Vorentscheid im März 1982.  Foto: Frank Mächler

Nicole trat 1982 als Letzte an und wurde Erste.

Jedenfalls: Der Startplatz soll im Idealfall dazu beitragen, dass jede der Shows insgesamt wie eine runde, fließende Sache erscheint. Wichtig ist nämlich nicht, wie die ESC-Fans aus ihrer Expertise heraus denken, sondern wie das mehr als 100-Millionen-köpfige Publikum im ESC-Raum es empfinden kann. Anders als ganz früher wird die konkrete Startposition auch keine Bedeutung für die Erinnerung der Zuschauer an ein Lied haben. Einst war es, dass ein letzter Startplatz - wie 1982 Nicole in Harrogate - auch deshalb gut war, weil die Juroren sich an sie am besten erinnern konnten. Seit vielen Jahren gibt es aber beim Televoting Schnelldurchläufe - sie erinnern drei- bis vierfach an die Lieder, wenigstens in Zehn-Sekunden-Schnipseln. Insofern: Startreihenfolgen haben nach meiner Analyse keine wirklich messbare Auswirkung auf die Chance, ins Finale zu gelangen.

Meine Prognose im Schnelldurchlauf

Hier ist mein Schnelldurchlauf, meine Prognose für die Finalchancen: Aus dem ersten Semi dürfen Belgien, die Niederlande, Finnland, Griechenland, Estland, Serbien, Ungarn, Russland, Dänemark und Rumänien noch ins Grand Final am 23. Mai. Aus dem zweiten Semi packen es Litauen, Irland, Norwegen, Israel, Aserbaidschan, Island, Schweden, die Schweiz, Zypern und Slowenien. Wie es am 23. Mai aussieht, in welcher Reihenfolge die Finalisten starten, ist bis auf Österreich (auf Startplatz 14 von 27) ungewiss. Machen die Regisseure wieder. Voriges Jahr eröffnete die Ukraine - Siegerin Conchita Wurst kam von Startplatz 11. Nur eines bleibt "Gesetz": Von Startplatz zwei im Finale hat noch kein Lied den ESC gewinnen können.

Korrektur (26.3.2015)

P.S.: Finnland ist tatsächlich nicht durch Regiewillen zum Startplatz 1 im Finale vor vier Jahren 2011 in Düsseldorf, gekommen. Mein Fehler, sorry. Es ändert nichts daran, dass Regisseure jetzt bewirken können, dass ein - nach meinem Dafürhalten - strahlender Beitrag wie der von Paradise Oskar nicht untergeht. Sie hätten ihn vermutlich nicht als Opener eingesetzt.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr