Stand: 27.03.17 10:44 Uhr

Kommentar: Fans beklagen Politisierung des ESC

Hätte die ukrainische Regierung nicht großzügig sein sollen, als sie über die Entscheidung beriet, ob die russische Sängerin Julia Samoylova zum ESC einreisen darf? Spielten die Herren im Kreml nicht ein falsches Spiel, als sie die Sängerin nominierten - wissend, dass die Sicherheitsdienste in Kiew so entscheiden würden? Zumal sich die russische Delegation des TV-Senders One bislang nicht um ein Hotel für die Eurovisionszeit gekümmert hat? In allen ESC-Foren wird hart debattiert. Der Ton wird härter, das steht fest.

Wie wohltuend ist da eine Stimme wie die von Chris Evans, einem Fan, dem der ESC am Herzen liegt - und den man schon deshalb als Europäer verstehen kann. Der schrieb bei Facebook: "Ich würde mich so sehr freuen, wenn von Eurer Seite eventuell auch ein Statement käme, dass man sich zwar in die Reglements der EBU und schon gar nicht in politische Angelegenheiten einmischt, es aber dennoch begrüßt wird, wenn jedem teilnehmenden Künstler Respekt entgegengebracht wird und die ESC-Seite nicht Plattform für anschuldigende Vermutungen, die einer belegbaren Grundlage entbehren, sein möchte. Das würde mich sehr freuen. Wenn schon die Politik nicht schafft, sich die Hände zu reichen, sollten es doch zumindest die ESC-Fans tun, anstatt weiter Öl ins Feuer zu kippen, findet ihr nicht? Danke."

Politisch war der ESC immer - aber nicht so krass

ESC-Gewinnerin Conchita Wurst. © NDR Foto: Rolf Klatt

2014 bekam Gewinnerin Conchita Wurst keine russischen Jury-Stimmen, obwohl das russische Televoting für sie wohlwollend ausfiel.

Seine Zeilen sind - nüchtern betrachtet - ein tief empfundener Stoßseufzer ob der Politisierung des Eurovision Song Contest, aktuell am Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zu erleben. Und das ist eine verständliche Klage: Es gehe doch nur um Lieder, um Melodien und Texte. Man möchte allerdings anfügen: So war es nie. Immer ging es auch um Politisches, immer standen die Lieder für mehr als das, was sie an Noten und Worten enthielten. Lieder sind beim ESC, wenn man so will, "Botschaften" eines Landes in einem bestimmten Jahr.

Die alte Regel stimmt auch heute noch: Ein Land, das sich mit seinem Lied hinten im Ranking wiederfand, fragte sich nur selten, ob das vielleicht an mangelnder Güte des Liedes gelegen haben könnte. Meist hieß es: Die anderen haben uns nicht verstanden! Immer wieder werden wir überhört und übersehen! Seit vorigem Jahr behaupten viele in Russland, die Ukraine und ihre Jamala hätten Sergey Lazarev den Sieg geklaut, denn der Russe habe ja das Televoting gewonnen und nur die Jurys hätten ihn um den Triumph gebracht. Das mag so sein, aber dass Jurys mit abstimmen, wusste man in Moskau auch: Schließlich war es die Jury in der russischen Hauptstadt, die etwa 2014 der Gesamtsiegerin Conchita Wurst keine Stimmen gab, obwohl auch das russische Televoting der österreichischen Kandidatin etliche Punkte zugestand. Will sagen: Die Wertung beim ESC ist eine gemischte - aber manche zwischen Kaliningrad und Wladiwostok lieben Verschwörungstheorien, weil so der Kummer um die Niederlage erträglicher zu sein scheint.

Interpretenaustausch, bitte!

Massiel lehnt an einer Steinmauer. Schwarz-Weiß-Foto © picture alliance/dpa Foto: Rowan

Wäre ein Interpretenwechsel eine Lösung? Beim Tausch zwischen Manuel Serrat und Massiel hat es jedenfalls geklappt. Die Spanierin gewann 1968 den ESC.

Und doch: Der ESC ist ein Liederwettbewerb. Das Politische hat in den vergangenen Jahrzehnten immer mit rein gespielt, aber nie solch sichtbares Gewicht erhalten wie in diesem Jahr. Mein Vorschlag zur Güte, und der wird möglicherweise Chris Evans auch gefallen: Das von Russland bestimmte Lied doch in Kiew zur Aufführung zu bringen, aber durch eine Interpretin, die von der Ukraine ins Land gelassen wird. Dass Interpretenwechsel kurzfristig funktionieren können, wissen wir doch seit 1968. Damals sollte der Katalane Manuel Serrat "La La La" singen, aber er wollte dies auf Katalanisch tun, eine Sprache, die das rechtsgerichtete und undemokratische Franco-Regime nicht akzeptierte. So kam die junge Massiel zur späten Nominierung. Und zu ihrem Sieg in der Royal Albert Hall. Ein Ergebnis, das den russischen Wünschen doch sehr entgegenkommen könnte.

Nichts wünschen sich Fans so sehr, als dass Russland beim ESC bleibt. Ich würde das sehr begrüßen! Vor allem, wenn die Tonlage in den Diskussionen untereinander freundlich und respektvoll bleibt. Eine Sprache der Herabsetzung kann nicht die von ESC-Freunden sein - und trägt nur dazu bei, dass man in Feindseligkeit füreinander bleibt. Das, bei aller Liebe zur Debatte, kann kein Ziel sein.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 22.03.2017 | 16:15 Uhr